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Der Gutmensch – eine Horrorfigur

Wieder einmal, diesmal in Frankreich, ist eine jener Studien erschienen, die von Politikern diesseits und jenseits des Rheins geflissentlich ignoriert werden. Ihr zufolge ist die Anfälligkeit moslemischer Jugendlicher für islamistische und dschihadistische Propaganda erschreckend hoch: Bis zu einem Drittel befürwortet Gewalt als Mittel zur Durchsetzung von Ideen, und rund fünfzehn Prozent billigt explizit den Anschlag auf das Magazin „Charlie Hebdo“ beziehungsweise zeigt Verständnis dafür.

[Dieser Artikel erschien zuerst im Magazin Compact 5/2017]

Rund ein halbes Jahrhundert nach Beginn der Masseneinwanderung von Moslems nach Europa ist deren Integration in die Kultur westlicher Länder nicht nur keinen Schritt nähergerückt, sondern entschwindet offenbar in immer weitere Ferne, je länger sie hier in Europa ansässig sind und je größer ihr Anteil an der Bevölkerung wird.

Dies hat zum einen mit den Eigenheiten des Islams zu tun, einer Religion, die sich als umfassende Lebens- und Gesellschaftsordnung mit Gültigkeit für alle Lebensbereiche versteht: Einen Vorbehalt nach Art des neutestamentlichen „Gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist“ kennt der Islam ebenso wenig wie ein Ethos der Selbstkritik („Richtet nicht, auf dass ihr nicht gerichtet werdet“). Eine Trennung von Politik und Religion ist unter solchen Voraussetzungen nicht begründbar, schon gar nicht für die „beste Gemeinschaft, die je unter Menschen hervorgebracht worden ist“ (Koran Sure 3, Vers 110), sie wäre geradezu sündhaft.

Das Gesamtsystem islamischer Sozialnormen und Werte ist auf den Kerngedanken ausgerichtet, die eigene Gemeinschaft zu stabilisieren und sie in die Lage zu versetzen, die Völker und Religionen der „Ungläubigen“ nach und nach zu verdrängen. Der Dschihad war und ist kein Prozess der Bekehrung Andersgläubiger (übrigens auch nicht ihrer gewaltsamen Zwangsbekehrung), sondern eine religiös begründete, flexibel gehandhabte Doktrin, die darauf abzielt, zunächst die politische Kontrolle über nichtmoslemische Länder und Völker zu erlangen, um dann die Spielregeln so zu setzen, dass die „Ungläubigen“ langsam, aber sicher verschwinden.

Es ist also wahr, dass der Islam die Integration seiner Anhänger in westliche Gesellschaften be- und verhindert. Es ist wahr, dass ein guter Moslem, der dies auch bleiben möchte, deren Ethos der Gewaltfreiheit, Gleichheit und Toleranz nicht wirklich übernehmen kann. Die ganze Wahrheit ist es allerdings nicht.

Vor rund hundert Jahren konnte Kemal Atatürk noch sagen, es gebe überhaupt nur eine Zivilisation, nämlich die westliche, und der Islam sei ein stinkender Leichnam. Heute würde auch der glühendste türkische Säkularist einen solchen Satz nicht mehr aussprechen – nicht nur, weil er um sein Leben fürchten müsste, sondern ganz einfach deshalb, weil eine solche Behauptung heutzutage niemandem mehr einleuchten würde.

Wenn islamische Gemeinschaften sich auf Kosten ihrer nichtislamischen Umwelt stabilisieren und damit Erfolg haben, so hat dies eben nicht nur mit den Eigenheiten des Islams zu tun, sondern auch mit denen jener Umwelt, die sich ihre Destabilisierung gefallen lässt. „Integration“ setzt schon begriffslogisch die Existenz eines „integren“ Ganzen, also einer wie auch immer gearteten Gemeinschaft voraus. Je schwächer diese Gemeinschaft und je offensichtlicher diese Schwäche ist, desto unattraktiver ist es, sich ihr anzuschließen. Die Konfrontation westeuropäischer Gesellschaften mit islamischen Einwanderergesellschaften hat diese Schwäche offengelegt, aber nicht verursacht.

Eine geradezu groteske Selbsttäuschung grünwählender, liberaler, toleranter, binnen-i-schreibender, schwulenunterstützender Multikultifreunde und Gutmenschen besteht darin zu glauben, irgendjemand auf der Welt, der noch ganz bei Trost ist, wolle so werden wie sie. Ihre eigene Lächerlichkeit bleibt ihnen nur deshalb verborgen, weil die von ihresgleichen besetzte Ideologiebranche ihnen gleichsam auf die Schulter klopft.

Aus der Sicht von Moslems jedoch (oder überhaupt von Menschen mit traditionelleren Wertvorstellungen) erscheinen sie als genau das, was sie sind: als Neurotiker, die ihre Neurosen ihrem ganzen Volk aufzwingen und es dadurch in den Untergang führen. Verachtet werden demgemäß nicht nur die Neurotiker selbst, sondern auch das Volk, das sie ernstnimmt.

Gerade in der direkten Konfrontation mit einem auf Stabilität ausgerichteten Gesellschaftssystem wie dem Islam, das die Einhaltung von Normen rigide einfordert, zeigt sich die fatale Kehrseite eines westlichen Freiheitspathos, für das jede Art von Pflicht und Bindung bereits per se „repressiv“ ist. Wenn jeder nur frei von Bindungen ist, kann sich niemand auf den anderen verlassen, und die eingeforderte unterschiedslose Solidarität mit allen Menschen dieses Planeten ist eine Mogelpackung: Wer mit allen Menschen solidarisch sein will, ist es in Wirklichkeit mit niemandem und erfährt seinerseits keine Solidarität, wenn er sie braucht.

Die westliche Gesellschaft hat zweifellos viel Dynamik entfesselt – überhaupt leistet kein Wortpartikel so gute Dienste bei ihrer Beschreibung wie gerade „Ent-„: Entfesselung, aber auch Entgrenzung, Entortung, Entstrukturierung, Entwaffnung. Unsere Gesellschaft ist sehr gut im Niederreißen, aber unfähig, sich auch nur die Frage vorzulegen, was wohl besser gebunden, begrenzt, verortet oder bewaffnet bleiben sollte.

Dass die neuen Bundesländer gegen die – nicht einmal mehr schleichende – Landnahme durch Fremde so viel mehr Widerstandskraft aufbringen als die alten, hat damit zu tun, dass nach 1945 auf deutschem Boden zwei einander entgegengesetzte Gesellschaftskonzepte ausprobiert wurden. Beide waren bzw. sind revolutionär, aber das östliche verstand Revolution primär als Errichtung einer konkreten neuen Ordnung, das westliche als Entfesselung (schon wieder!) eines Prozesses der permanenten Liberalisierung, bei der jedes erreichte Ziel nur neue Forderungen weckt. Der Realsozialismus als Versuch der Verwirklichung einer konkreten Utopie konnte, ja musste irgendwann konservativ werden, während der abstrakte westliche Utopismus, der nur eine Richtung, aber weder Maß noch Ziel kennt, über kurz oder lang in einen selbstzerstörerischen Amoklauf münden musste.

Establishmentjournalisten stellen häufig und meist mit hämischem Unterton die Frage, warum der Osten, in dem so wenig Ausländer leben, sich ganz besonders gegen Einwanderung sträubt. Eine der vielen im Establishment unerwünschten, aber gerade daran als zutreffend erkennbaren Antworten lautet, dass die Deutschen östlich der Elbe immer noch mit dem gesunden Menschenverstand ausgestattet sind, den sie mit einem Großteil der übrigen Menschheit (einschließlich der meisten Einwanderer) teilen, und deswegen kein Interesse daran haben, so zu werden wie besagte grünwählende Establishmentjournalisten, Multikultifreunde und Gutmenschen.

 

Kampagne gegen Manuel Ochsenreiter

Auf PI habe ich heute geschrieben:

Wir leben bekanntlich in einem Land, in dem eine ganze Industrie von Meinungsmachern daran arbeitet, jeden als „rechtsextrem“ zu verschwefeln, der sich der Agenda etablierter, global agierender Eliten und ihrer politischen Satrapen widersetzt: jeden also, der gegen ungehemmte globale Migrationsfreiheit, gegen die Kastration demokratisch legitimierter Politik zugunsten supranationaler Monstren, gegen die Anmaßungen einer imperialistischen Supermacht und gegen den Tsunami an Propaganda, Zensur und Denunziation ankämpft, mit dem all dies abgesichert werden soll.

Wer also vom ideologischen Arm des herrschenden Kartells nicht als „rechtsextrem“ verteufelt wird, lebt verkehrt.

Das Nachrichtenmagazin „Zuerst!“ mit seinem Chefredakteur Manuel Ochsenreiter ist eine der wichtigsten Stimmen der anti-globalistischen Opposition in Deutschland, wird folgerichtig von der Meute als „rechtsextrem“ verbellt und gehört damit eindeutig zu denen, die richtig leben. Zudem ist die „Zuerst!“ eines der wenigen Nachrichtenmagazine in Deutschland, in deren Spalten man keine Lügen findet.

Was man findet, sind jede Menge zutreffende Informationen, die, wenn sie in einem Blatt von der Reichweite des „Spiegel“ stünden, dazu führen würden, dass wir in drei Monaten eine andere Republik hätten.

Genau deshalb stehen sie ja nicht im „Spiegel“.

Genau deshalb schreibe ich selbst Kolumnen für die „Zuerst!“.

Weiterlesen auf PI

Das Menetekel

[Dieser Artikel erschien ursprünglich in der „Zuerst!“, und zwar nach dem EM-Finale vor zwei Jahren, als Frankreich Portugal unterlag. Er ist aktueller denn je.]

Um ein Haar wäre die Fußball-Europameisterschaft von der Auswahl des französischen Fußballverbandes und damit erstmals von einer Mannschaft gewonnen worden, die eher wie ein Afrika- als wie ein Europameister aussah, so unübersehbar war das zahlenmäßige Übergewicht von Spielern mit nichteuropäischen Wurzeln. Haben die französischen Fußballfans, die dieser Mannschaft zujubelten, wirklich das in ihr verkörperte Menetekel übersehen?

Nicht mit statistischer Präzision, aber in der Tendenz doch überdeutlich ist diese Truppe das Spiegelbild einer Zukunft, in der die Nachkommen der Gallier, Franken und Römer, jenes Volk also, das wir meinen, wenn wir von „den Franzosen“ sprechen, im Land ihrer Väter nur noch eine geduldete Minderheit sein wird. Das Menetekel weiterlesen

Mein neues Buch „Die Besichtigung des Schlachtfelds“

manfred-kleine-hartlage_besichtigung-des-schlachtfelds_720x600In wenigen Tagen, am 9.12., erscheint mein neues Buch „Die Besichtigung des Schlachtfelds“. Darin analysiere ich – jenseits der hergebrachten politischen Gesäßgeographie – die politischen Kräfteverhältnisse und Frontlinien, auf die es heute ankommt und von deren weiterer Entwicklung die Zukunft unseres Landes abhängt.

Kern des Buches sind rund dreißig Texte zu diesem Themenkreis, die seit 2009 in verschiedenen Druck- und Internetmedien erschienen sind. Es gliedert sich in sechs Abschnitte: Das herrschende Kartell, Widerstand, Der Islam, Die Linke, Die Rechte, Reden.

Da die Auswahl der Texte einem roten Faden folgt, nahezu jeder Text mit einer kontextualisierenden Einleitung versehen ist, zwei Originalessays das Buch einleiten bzw. abschließen, ist das Ganze weitaus mehr als die Summe seiner Teile. Ich will ja nicht protzen, aber ich glaube, es ist sehr gut geworden.

(Vor-)bestellt werden kann es beim Verlag (hier klicken) oder, besonders für diejenigen, die gerne eine persönliche Widmung von mir haben möchten, in meinem eigenen Netzladen (hier klicken).

Der Befreiungsschlag der AfD…

…ist Thema meiner Kolumne in der soeben erschienenen neuen Ausgabe der „Zuerst!“:

zuerst-8-9-2015Die Ablösung Bernd Luckes war für seine Partei ein Befreiungsschlag, für ihn selbst und für seinen publizistischen Doppelgänger Dieter Stein jedoch eine Blamage. Der Chefredakteur der Jungen Freiheit (JF) hatte Luckes Illusionen geteilt und ihm sein Blatt unter flagranter Mißachtung journalistischer Schamgrenzen als Kampfblatt für seinen Grabenkrieg gegen die Mehrheit der eigenen Parteimitglieder zur Verfügung gestellt…

Zum Weiterlesen bei zuerst.de hier klicken.

 

Weitere Themen: Die Invasion der Afrikaner, ein Interview zum selben Thema mit Michael Klonovsky, eine sehr aufschlussreiche Reportage über den Verlauf des AfD-Parteitags… Ich werde jetzt hier kein Inhaltsverzeichnis präsentieren, kauft sie euch einfach, es lohnt sich allemal!

Die neue „Zuerst!“ ist da…

… und enthält, wie schon in den letzten Ausgaben und bis auf weiteres jeden Monat, eine Kolumne von mir. Diesmal beschäftige ich mich – unter dem Titel „Die Kultur des Verrats“ – mit der Unsitte von Organisationen der politischen Rechten, sich durch Distanzierung voneinander beim Mainstream anzubiedern:

zuerst-4-2015… Sie wetteifern geradezu in dem vergeblichen Bemühen, die entsprechenden Etiketten dadurch selbst loszuwerden, daß sie sie dem ideologisch verwandten, womöglich nur um
Nuancen weiter rechts stehenden Geistesverwandten aufkleben – selbstverständlich ohne den erhofften Judaslohn, nämlich die Zulassung zu den meinungsbildenden Eliten, jemals einzustreichen. Es handelt sich um „Appeasement“ im verächtlichen Sinne des Wortes: um den Versuch, das Krokodil zu füttern in der Hoffnung, selbst als letzter gefressen zu werden. Und stets ist man aufs neue überrascht, daß selbst diese schäbige Minimalhoffnung enttäuscht wird…

[Zum vollständigen Text bitte hier klicken.]

Auch wenn gerade diese Kolumne im Netz verfügbar ist, sollte sich dadurch niemand davon abhalten lassen, die Zuerst! zu kaufen oder besser noch zu abonnieren. Sie enthält nämlich – wie immer! – auch darüber hinaus noch 83 Seiten geballter alternativer Informationen jener Sorte, die die Republik verändern würden, wenn sie weiter verbreitet wären.

„Sterntaufe“

Findige Geschäftsleute sind bekanntlich auf die Idee verfallen, eine sogenannte „Sterntaufe“ anzubieten, bei der der Kunde gegen Geld einem beliebigen Himmelskörper einen Namen geben darf. Unglücklicherweise gilt dieser Name nur auf der Webseite des jeweiligen Anbieters: Die Internationale Astronomische Union (IAU), die in solchen Dingen das letzte Wort hat, erkennt diese Sterntaufen nämlich nicht an.

Dabei wäre es doch eine so romantische Idee, eine geliebte Frau dadurch gleichsam unsterblich zu machen, dass man einen Stern nach ihr benennt, und dadurch noch die Raumfahrer in fernster Zukunft zwingt, den Namen der Angebeten im Munde zu führen. Nun gut, manche Männer müssten dafür etwas tiefer in die Tasche greifen, vor allem diejenigen, die ihre Angebetete öfter mal wechseln.

Insofern zeigt die IAU eine gewisse Weisheit, wenn sie solche Sterntaufen ablehnt: Wer möchte den tollkühnen Raumfahrern der Zukunft schon die Reise durch Galaxien zumuten, in denen sämtliche Sterne nach den Freundinnen von Lothar Matthäus benannt sind?

Trotzdem ist es irgendwie schade: Es wäre doch zu spaßig gewesen, ein Schwarzes Loch „Wolfgang Schäuble“ zu nennen.

Tausende Firmen geben Daten an Geheimdienste

Unter dem Titel Tausende Firmen geben Daten an Geheimdienste: “Die Öffentlichkeit wäre überrascht, wie viel Hilfe die Regierung sucht“ schreibt netzpolitik.org:

Das Ausmaß, wie viele amerikanische Firmen mit den Geheimdiensten zusammenarbeiten und Informationen übermitteln, wird immer deutlicher. Bloomberg berichtet jetzt von “tausenden” Firmen und bezieht sich dabei auf vier Insider. Viele dieser Informationen dienen auch dazu, offensive Hacking-Operationen vorzubereiten und durchzuführen.

Michael Riley berichtet bei Bloomberg:

Tausende von Technologie-, Finanz- und Fertigungsunternehmen arbeiten eng mit den Sicherheitsbehörden der USA zusammen. Sie stellen sensible Informationen zur Verfügung und erhalten im Gegenzug Vorteile, zu denen auch geheimdienstliche Informationen gehören. Das haben vier Personen gesagt, die mit den Vorgängen vertraut sind.

Diese Programme übersteigen PRISM noch. Neben privaten Daten von Nutzer/innen fallen dabei vor allem Spezifikationen von Geräten an. Der Zweck:

Hersteller von Hard- und Software, Banken, Internet Security-Anbietern, Satelliten-Telekommunikations-Unternehmen und viele andere Unternehmen nehmen auch an staatlichen Programmen teil. In einigen Fällen werden die gesammelten Informationen nicht nur verwendet, um das Land zu verteidigen, sondern um dabei zu helfen, Computer von Gegnern zu infiltrieren.

Alle großen Behörden sammeln diese Daten: NSA, CIA, FBI und die Militärs wie Army, Navy und Air Force.

Microsoft gibt diesen Institutionen Informationen über Bugs in seiner Software, noch eh diese Lücken geschlossen worden. […]

[Weiteresen bei netzpolitik.org]

Von Phänomenen und Strukturen

Erik Lehnert hat in der aktuellen Sezession Nr. 52 die seit Monaten sich dahinscharmützelnde „Islamdebatte“ zwischen einigen Autoren der Sezession zum Anlass genommen, einige grundsätzliche Überlegungen zur Struktur solcher Debatten anzustellen. Lehnert zufolge hängt ihr Wert für den Leser davon ab,

daß man entschlüsseln kann, aus welcher Perspektive ein Debattenbeitrag verfaßt ist. Das setzt wiederum voraus, daß man weiß, daß es … keine unabhängig von uns existierende Wahrheit gibt, sondern daß diese Wahrheit im wesentlichen von der Perspektive desjenigen abhängt, der sich über einen Gegenstand verbreitet.

Wenn Lehnert damit nur sagen wollte, daß man denselben Gegenstand aus unterschiedlichen Perspektiven beleuchten kann, und daß der relative Wert einer bestimmten Perspektive davon abhängt, ob und wie weit sie zur Erhellung einer bestimmten Fragestellung beiträgt, so würde kein vernünftiger Mensch ihm widersprechen wollen. Allerdings wäre eine solche Binsenwahrheit es kaum wert,

auf eng begrenztem Raum und mit eng begrenzten Ressourcen

breitgetreten zu werden, und in der Tat will Lehnert auch auf etwas ganz anderes hinaus:

Der Historiker wird sich eher den Phänomenen zuwenden und letztendlich die Auffassung vertreten, daß sich die Wirklichkeit nicht in Formeln fassen läßt. (…)

Der Soziologe hat die Ebene der Phänomene und Individuen verlassen, um sich den Strukturen zuzuwenden. Das Hauptaugenmerk seiner Analyse liegt dann auf diesen Strukturen, von denen Abweichungen nur in anderen Strukturen möglich sind: Diese Nivellierung ist sicher sinnvoll, um bestimmte Entwicklungen zu erhellen. Die Wirklichkeit erfassen kann sie nicht.

Lehnert behauptet also, der Unterschied zwischen Geschichtswissenschaft und Soziologie bestehe darin, daß die eine sich mit Phänomenen, die andere mit Strukturen befasse. Da aber – dies ist jedenfalls die Quintessenz – „Phänomene“ in der Wirklichkeit existierten, „Strukturen“ jedoch nur in den Köpfen der Soziologen, könne die eine Disziplin „Wirklichkeit erfassen“ – und die andere eben nicht. Es fällt schwer, in solchen Thesen etwas anderes zu sehen als die anspruchsvoll formulierte Version des populären Vorurteils, Soziologen würden nur herumlabern.

Wenn es stimmen würde, daß man nur durch die Beschäftigung mit „Phänomenen“, nicht aber durch die mit Strukturen „Wirklichkeit erfassen“ könne, dann hieße das, daß man „Wirklichkeit erfaßt“, wenn man sich mit Bäumen, nicht aber, wenn man sich mit dem Wald beschäftigt; daß also Bäume real sind, der Wald aber nicht. Ich weise darauf hin, daß dieser Fehlschluß von der Existenz von Bäumen auf die Nichtexistenz des Waldes im Deutschen als metaphorische Umschreibung für Borniertheit gilt.

Dabei stimmt schon die Prämisse nicht: Es ist schlechterdings objektiv – und daher auch für Historiker – unmöglich, eine Aussage über Phänomene zu treffen, die nicht zugleich eine Aussage über ihre Struktur ist, allein schon, weil jeder Begriff eine Strukturaussage impliziert. Daß manche Historiker die in ihren Thesen enthaltenen Strukturaussagen nicht hinreichend reflektieren, steht auf einem anderen Blatt, ist aber keine wissenschaftliche Tugend, auch keine geschichtswissenschaftliche; schon gar nicht ist es ein Unterscheidungsmerkmal zwischen Geschichtswissenschaft und Soziologie.

Darüberhinaus gehört es selbstverständlich zu den Aufgaben der Geschichtswissenschaft, Strukturen zu erforschen, und dies gegebenenfalls auch auf einem sehr hohen Abstraktionsniveau, sozusagen aus der Vogelperspektive, aus der die einzelnen Phänomene vergleichsweise winzig sind und als Teile eines übergreifenden Musters, eines Mosaiks erscheinen, das weitaus mehr ist als bloß die Summe der Steinchen, aus denen es besteht. Es wäre doch absurd – um nur dieses Beispiel zu nennen – zu bestreiten, daß Ernst Noltes Thesen zum Europäischen Bürgerkrieg unter anderem eine empirisch wohluntermauerte Theorie über die Struktur der europäischen Politik in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts darstellen.

Soziologische Theoriebildung wiederum zielt darauf ab, empirische Phänomene zu erklären (worauf denn sonst?) und gerade nicht, sie zu ignorieren. Indem die Soziologie soziale Phänomene als Ergebnis sozialer Strukturen und ihrer immanenten Dynamik beschreibt, erschließt sie sich einen Zugang zu gleichartigen Phänomenen, die unter Umständen räumlich und zeitlich weit voneinander entfernt auftreten und deshalb von einem phänomenologischen Ansatz her nicht miteinander in Beziehung zu bringen sind und nichts miteinander zu tun zu haben scheinen: zum Beispiel, daß muslimische Organisationen an Christen im Westen im Wesentlichen dieselben Erwartungen richten, die sie deren Glaubensbrüdern im Nahen Osten schon vor Jahrhunderten erfolgreich aufgezwungen haben; oder daß bei linker Politik, egal, ob sie in Frankreich 1789, in Russland 1917 oder in Deutschland 2013 verfolgt wird, grundsätzlich das Gegenteil dessen herauskommt, was (angeblich) herauskommen soll; oder daß dieselben Mechanismen, mit denen Ortsvereine von alten Sozialdemokraten sich gegen neue Themen und Perspektiven abschotten – und ich weiß, wovon ich rede -, auch in scheinbar ganz andersgearteten politisch-ideologischen Zusammenhängen auftauchen.

Dabei ist die Besonderheit der Soziologie nicht, daß sie die einzelnen Phänomene von der Struktur her deutet, innerhalb deren sie auftreten; das kann ein Historiker gegebenenfalls genauso machen.

Spezifisch soziologisch ist vielmehr die Antwort auf die Frage, was „soziale Strukturen“ eigentlich sind: nämlich Strukturen wechselseitiger Erwartungen. Damit wird es möglich zu erklären, warum Strukturen gegebenenfalls über lange Zeiträume stabil bleiben: Da solche Strukturen sich in tatsächlichem menschlichem Verhalten oder Unterlassen manifestieren, kann von Stabilität nur die Rede sein, solange diese Verhaltensmuster aufrechterhalten bleiben, d.h. diese Strukturen sind nichts Substanzielles, wie etwa ein Haus, das, einmal errichtet, einfach stehenbleibt, sondern bedürfen der fortlaufenden Reproduktion.

Dies ist aber ein Gesichtspunkt, der in den Fragestellungen von Historikern typischerweise nicht auftaucht (und auch nicht aufzutauchen braucht) – so, wie ein Physiker normalerweise auch nicht danach fragt, warum ein fester Körper fest ist, während der Chemiker danach sehr wohl fragt. Zugespitzt gesagt, ist für den Historiker erst die Veränderung einer Struktur erklärungsbedürftig, für den Soziologen bereits die Nicht-Veränderung.

(Zwischenbemerkung: Für Konservative sollte gerade diese soziologische Perspektive von besonderem Interesse sein. Ihre argumentative Schwäche gegenüber der systematischen Destabilisierungspolitik der Linken liegt nicht zuletzt darin, dass sie auf deren ständiges unbekümmertes „Warum denn nicht?“ keine hinreichend präzise begründete Antwort geben können, weil ihnen ihr eigenes Wissen um die Existenzbedingungen einer zivilisierten Gesellschaft vor allem in Form von mehr oder minder religiös begründeten Glaubenssätzen präsent ist, die an sich zwar zutreffend sind, aber gegenüber „Ungläubigen“ nicht die argumentative Kraft soziologischer Analyse entfalten können. Konfrontiert mit einer Politik, die eben diese Existenzbedingungen untergräbt, handelt man unklug, wenn man ausgerechnet diejenige empirische Disziplin verteufelt, die analytische Antworten auf die Frage geben kann, was die Gesellschaft zusammenhält. Eine politische Rechte freilich, die nach fünfzig Jahren unaufhörlicher Niederlagen immer noch nicht der Meinung ist, sie habe möglicherweise etwas dazuzulernen, verdient auch nichts Anderes als die Niederlage.)

Mit dieser Definition sozialer Strukturen als Strukturen wechselseitiger Verhaltenserwartungen geraten auch Stabilitätsbedingungen in den Blick, die von einem rein „phänomenologischen“ Ansatz her latent und selbstverständlich (und daher kein „Phänomen“) sind: Phänomenologisch betrachtet, ist etwa der Staat eine mehr oder minder fixe und leicht abgrenzbare Größe – hier der Staat, dort die Bürger. Soziologisch betrachtet existiert der Staat aber nur, solange er bestimmte Erwartungen der Bürger erfüllt, etwa die Erwartung, daß Rechtsbrecher bestraft werden. Erfüllt der Staat diese Erwartung nicht, verschwindet zuerst die Erwartung und dann zügig auch der Staat.

Ist dieses Beispiel auch noch banal und so offenkundig, daß es sich kaum lohnen würde, seinetwegen eine eigene Theorie zu entwickeln, so wird die Tragweite des Ansatzes, der das Publikum und seine Erwartungen als integralen Teil der Struktur behandelt, deutlicher, wenn man etwa das Verhältnis von Muslimen und Islamisten beleuchtet. Selbstverständlich sind die meisten Muslime keine Islamisten, aber die muslimische Gemeinschaft als Ganze erzeugt das Phänomen „Islamismus“ nicht zufällig und sporadisch, sondern regelmäßig und systematisch, wenn auch nur unter bestimmten Voraussetzungen. Für Islamisten ist die muslimische Gemeinschaft als Ganze nicht nur Rekrutierungsfeld und Resonanzboden, sondern auch eine Gemeinschaft, die nach bestimmten und bekannten Regeln funktioniert, der gegenüber man daher bestimmte Verhaltenserwartungen hegen und die man deshalb vor den Karren des Dschihad spannen kann. Das gilt auch für solche Muslime, die von einem theoretischen islamischen Ideal abweichen, unter Umständen sogar sehr weit abweichen.

Dieses Beispiel illustriert auch, wie falsch Lehnert liegt, wenn er behauptet, der soziologische Ansatz impliziere, daß „Abweichungen [von den analysierten Strukturen] nur in anderen Strukturen möglich sind: Ohne entsprechende soziale Voraussetzungen könne es kein abweichendes Verhalten geben.“ Ich würde wirklich gerne wissen, aus welchem sozialwissenschaftlichen Werk er ein solches Prinzip herausgelesen haben will; es kann sich nicht um einen mir bekannten Autor handeln.

Das Gegenteil ist richtig: Aus soziologischer Perspektive wäre ein System, das über keine adäquaten Strategien zum Umgang mit abweichendem Verhalten verfügt, zum schnellen Untergang verurteilt. Umgekehrt ist es umso stabiler, je mehr es sich sogar das abweichende Verhalten zunutze machen kann. (Wie sehr auch die Devianz noch Teil eines Systems sein kann, erkennt man am Beispiel totalitärer Systeme (und solcher, die es werden wollen), die regelmäßig Feinde – also die extremstmögliche Form von Abweichlern – erfinden, wo es sie nicht gibt, oder sich solche machen, wo vorher keine waren, um diese fiktive bzw. selbsterzeugte Feindschaft zur eigenen Stabilisierung zu benutzen.)

Wirklich lustig wird es allerdings, wenn Lehnert fortfährt:

Der Vorteil dieser [von ihm kritisierten soziologischen] Perspektive – weshalb sie sich auch großer Beliebtheit erfreut – liegt in der Tendenz, die Entwicklungen in ein Muster zu fassen, in dem die einzelnen Phänomene ihren Platz haben.

Es scheint ihm nicht in den Sinn zu kommen, daß eine Theorie, die dies nicht leistet, ganz einfach eine schlechte Theorie wäre, und Herr Doktor Lehnert dürfte der weltweit einzige Akademiker sein, der es fertigbringt, einer Theorie ihre Widerspruchsfreiheit und Erklärungskraft zum Vorwurf zu machen:

Die Pauschalisierung täuscht eine einprägsame Plausibilität vor …

Erstens ist eine generalisierende Aussage noch keine Pauschalisierung, zweitens ist der Vorwurf der systematischen Pauschalisierung schon deshalb Fehl am Platze, weil die Soziologie, wie gesehen, das abweichende Verhalten einbezieht und es eben nicht ausblendet, drittens kann man Plausibilität nicht „vortäuschen“, weil die Plausibilität im Kopf des Lesers entsteht, der eine Theorie plausibel findet; richtig muss sie deswegen freilich noch nicht sein. Aber wenn Lehnert fortfährt

…die sich auf der Ebene der einzelnen Phänomene als unzureichend erweist.

so ist dies nun in der Tat eine Pauschalisierung, und zwar eine diffamierende, gerichtet gegen einen ganzen Wissenschaftszweig, und ohne auch nur den Versuch einer empirischen Untermauerung wenigstens anhand eines konkreten Beispiels: ein merkwürdiges Vorgehen für einen Historiker, der sich den „Phänomenen“ verpflichtet weiß, weil er grundsätzlich nicht glaubt, mit abstrakten Strukturaussagen (wie er sie soeben vorgebracht hat) „Wirklichkeit erfassen“ zu können, weil das nur zu „Pauschalisierungen“ führen könne. Nun, was seine eigene Argumentation angeht, stimmt es ja auch.

Nicht mehr der Neger sein wollen

von Ellen Kositza

Abermals zu den Kinderbuchbereinigungen: Kleine Ursache, große Wirkung. Der derzeitige common-sense-Stand (gemäß etwa Claudius Seidl, FAS) der Feuilleton-Elite wäre: Was sind das bloß für Leute, denen es soo wichtig ist, „Neger“ sagen zu dürfen? Dumpfe Grobiane, unflexible Stoffel, die nicht die einfachsten Höflichkeitsformen beherrschen!

Denn wenn einer drum bittet, so nicht genannt zu werden, dann solle man das doch schlicht aus Gründen des respektvollen Umgangs beherzigen. (Wie schwer ein solcher Grundsatz – keinen so nennen, wie er nicht genannt werden möchte – durchzusetzen ist, zeigte sich unlängst wieder an einem Urteil des Bundesverfassungsgerichts: „rechtsradikal“ oder „rechtsextrem“ darf beispielsweise stets jeder genannt werden, auch wenn er solche Begriffe als Schmähung oder unzutreffend empfindet.)

Martin Lichtmesz hat bereits auf das Interview mit Samuel Jackson hingewiesen. Man kann nun wohl finden, Jacksons Meinung sei nicht repräsentativ, weil er ein hochprivilegierter und steinreicher Dunkelhäuter ist. Beeindruckend ist er jedenfalls; man schaue sich diesen halbminütigen Video-Schnipsel an, in dem Jackson, selbstbewußt und äußerst vital, einen schmalen, blonden, gestriegelten, sich windenden hellhäutigen Moderator dazu bringen/zwingen will, das inkriminierte Wort auszusprechen. Er, Blondie, bringt´s nicht. Das vielbesungene Ende des artigen Weißen Mannes, hier wird´s greifbar!

Progressive Kräfte finden es bereits skandalös, daß in der Berichterstattung und Diskussion über Preußler und Konsorten überhaupt das Wort „Neger“ ausgeschrieben wird. Sie sagen N-Wort, N*** oder PoC, wobei letzteres nach einer furchtbaren Infektionskrankheit klingt, aber People of Colour meint.

Für diese sprachsensiblen Leute aus den Kreisen der Kritschen Weißseinsforschung wäre es aber auch nicht tragbar, wenn sich in Preußlers Kleiner Hexe Kinder als PoC verkleideten. Der Tatbestand nennt sich Blackfacing, und beklagt wird, daß Hautfarbe überhaupt als Erkennungsmerkmal markiert wird und Schwarze als Fremde/Andere hingestellt würden. Dann aber dürften die Verkleidungsprobleme kaum ein Ende finden: Wenn nun Preußlers Kinder statt als Türke, Negerlein oder Chinesenmädchen als Bäcker oder Kaminkehrer gingen, könnte man eine mit Stereotypen arbeitende Überheblichkeit von (womöglich) Akademikerkindern gegenüber der handwerklich arbeitenden Bevölkerung beklagen. Weicht das ebenfalls nun getilgte Chinesenmädchen der Prinzessin, hätten wir ein Problem mit überkommenen Geschlechterrollen. Kostümierungen als Teufelchen oder Mönch wären ähnlich problematisch und könnten Gefühle verletzen.

Weiterlesen: Nicht mehr der Neger sein wollen.

Gates of Vienna ist unter neuer Adresse wieder im Netz

Der Blog Gates of Vienna, der vor einigen Tagen von Google gesperrt wurde, ist umgezogen und nun unter der neuen Adresse http://gatesofvienna.net erreichbar. Wie die Betreiber mitteilen, ist der Blog zwar noch nicht vollständig eingerichtet, aber er funktioniert, und es kann auch bereits kommentiert werden.

Da Links von der alten Blogger-Adresse nicht automatisch weitergeleitet werden können, bittet Gates of Vienna alle Blogger und andere Nutzer, die Gates of Vienna im Netz verlinkt haben, diese Links nach Möglichkeit an die neue Adresse anzupassen. Zumindest soweit sie auf die Startseite von GoV verweisen, also zum Beispiel auf den Blogrolls, sollte dies kein Problem sein.

Was die Links auf einzelne Artikel angeht, so empfehle ich, noch ein paar Tage zu warten, bis endgültig feststeht, ob die jetzt eingerichtete Permalink-Struktur beibehalten wird.

Wolfgang Thierse – Psychogramm eines Gutmenschen

Wolfgang Thierse, seines Zeichens Vizepräsident des Deutschen Bundestages und engagierter Kämpfer gegen „Rassismus und Fremdenfeindlichkeit“, hat Ende Dezember der Berliner Morgenpost ein Interview gegeben, das uns einen aufschlussreichen Einblick in das Seelenleben eines Gutmenschen gewährt:

Ich ärgere mich, wenn ich beim Bäcker erfahre, dass es keine Schrippen gibt, sondern Wecken. Da sage ich: In Berlin sagt man Schrippen, daran könnten sich selbst Schwaben gewöhnen. Genau das gleiche mit Pflaumendatschi. Was soll das? In Berlin heißt es Pflaumenkuchen. Da werde ich wirklich zum Verteidiger des berlinerischen Deutsch.

Ich wünsche mir, dass die Schwaben begreifen, dass sie jetzt in Berlin sind. Und nicht mehr in ihrer Kleinstadt mit Kehrwoche. Sie kommen hierher, weil alles so bunt und so abenteuerlich und so quirlig ist, aber wenn sie eine gewisse Zeit da waren, dann wollen sie es wieder so haben wie zu Hause. Das passt nicht zusammen.

Halten wir zunächst fest, dass Thierses Einstellung zur schwäbischen Überfremdung des Prenzlauer Bergs zwar etwas überempfindlich, aber im Prinzip völlig normal ist.

von Manfred Kleine-Hartlage

Menschen haben eine natürliche Abneigung gegen drastische Veränderungen in ihrem engeren Lebensumfeld. Sie haben eine Abneigung dagegen, sich dort, wo sie zu Hause sind, an etwas anzupassen, das sie sich nicht ausgesucht haben, sondern das ihnen von anderen aufgezwungen wird. Und sie haben diese Abneigung deswegen, weil mit solchen Veränderungen, je näher sie einem persönlich kommen, das Gefühl verbunden ist, die Kontrolle über die eigenen Lebensbedingungen zu verlieren. Für den Menschen, ein unfertiges Wesen, das sich die Bedingungen seines Lebens selbst schaffen muss, löst solcher Kontrollverlust genetisch programmierte Urängste aus. Das Abenteuer, das man selbst gesucht und gefunden hat – ja, das wird genossen; nicht aber das Abenteuer, das einen heimsucht.

Zugleich ist der Mensch darauf programmiert, in engem sozialen Kontakt mit anderen zu leben, und die Spielregeln, die notwendigerweise gelten müssen, damit dieses Zusammenleben funktioniert, sind keineswegs universell für alle menschlichen Gruppen dieselben, sondern werden in sozialen Prozessen geschaffen. Ein Fremder, der die geltenden sozialen Regeln verletzt, wird daher von den „Etablierten“ so lange „diskriminiert“, bis er sich an die Spielregeln angepasst hat; jede Schulklasse, in der der „Neue“, der das große Wort schwingt, sich unbeliebt macht, bietet Anschauungsmaterial für dieses universelle Prinzip. Dieses Beharren auf „Etabliertenvorrechten“ ist also nicht etwa ein Zeichen „gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit“, wie einer der Chefideologen der Political Correctness, der Bielefelder Sozialforscher Wilhelm Heitmeyer, behauptet; es ist vielmehr eine der Bedingungen dafür, dass Menschen überhaupt friedlich zusammenleben können.

Wolfgang Thierse denkt und redet also wie ein ganz normaler Mensch. Menschen sind so, und sie müssen auch so sein – zumindest im Prinzip: Thierses Fremdenfeindlichkeit ist in ihrer kleinlichen Intoleranz zweifellos ein nicht zur Nachahmung empfohlener Extremfall, aber sie ist Ausdruck einer normalen und notwendigen menschlichen Disposition, die nicht per se, sondern eben nur in dieser Übersteigerung krankhaft oder doch zumindest verschroben ist. […]

[Weiterlesen bei PI]

Baselitz sieht schwarz

von Martin Lichtmesz

Am Anfang stand ein Witz, und am Ende darf auch wieder gelacht werden: Vor genau hundert Jahren begann Marcel Duchamp, diverse im Müll gefundene Trümmer zu signieren und ins Museum zu stellen. Das war, was man später gerne vergessen hat, im Grunde nicht mehr als ein nihilistischer Gag, nicht anders als der Schnurrbart, den Duchamp später der Mona Lisa aufmalte.

Ebenfalls 1913 malte Kasimir Malewitsch seine ersten schwarzen Quadrate, die allerdings gänzlich humorfrei gemeint waren, wie auch das berüchtigte, nach einem Scherz klingende „Weiße Quadrat auf weißem Grund“. Damit war ein äußerster Grad der Abstraktion erreicht, der durchaus seinen Reiz hatte, sich jedoch schon im Moment der Ausführung seine eigene Sackgasse gebaut hatte.

In den folgenden Jahrzehnten stürzte sich die bildende Kunst in die permanente Revolution der Dauer-Selbstdemontage, und holzte sich damit Stück für Stück ins Nirvana, wo sie heute noch ein post-suizidales, zum ewigen Epigonentum verdammtes Fellachendasein fristet, als Witz über die Witze, Abstraktion der Abstraktionen und Zitat der Zitate von Gestern. Im Zeitalter von Charles Saatchi ist „Kunst“ leider über weite Strecken eine clevere Business-Idee und ein MacGuffin, um den herum man einen lukrativen „Betrieb“ organisieren kann.

Warum sie überhaupt noch als Kulturartikel mitgeschleppt und respektiert und nicht wie die ersten, nur für den schnellen Schockgebrauch bestimmten Ready-mades in die Tonne getreten wird, weiß niemand so recht. Sie trägt immer noch den löchrigen Mantel ihrer alten Würde und Sonderstellung, selbstverständlich stets mit der „ironischen Brechung“ um die Ecke, was ihren Charakter als Running Gag, zu dem sie herabgekommen ist, nur noch betont.

Auch wenn alle wissen, daß der Kaiser darunter nackt ist: trennen will man sich von ihm aber auch wieder nicht, und als Banause oder als „reaktionär“ gelten schon gar nicht. Man kann ja nie wissen, ob man nicht der einzige Dumme im Raum ist, der den Witz nicht verstanden hat. Wobei der Verdacht nahe liegt, daß es allen anderen auch so ergeht. Es ist ein bißchen wie mit dem Theater der vorgeblichen „Demokratie“, vor allem, wenn gerade wieder Wahlkampf ist: es gibt einen Konsens des Mitspielens, des Kulissenschiebens und des Sich-Dümmer (oder Schlauer)-Stellens-als-man-ist.

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