Non veni pacem mittere sed gladium. (Mt 10,34)
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Die Weihnachts- und Neujahrspause ist vorüber, sogar der Schreibtisch ist wieder geordnet, das Arbeitsjahr hat begonnen. Zeit, mich wieder meinem Blog zu widmen. Ach ja: Frohes Neues Jahr allerseits!

Wieder ist es einer meiner Kommentatoren, diesmal Flash, der mich zu einigen grundsätzlichen Überlegungen herausfordert, und zwar durch seine Kommentare zu meinen Beiträgen über die christlichen Wurzeln der Demokratie und über den Untergang des Römischen Reiches.

Flash ist ein fundamentalistischer Christ, und, soweit ich das beurteilen kann, einer der sympathischen, in jedem Fall aber der geistreichen Sorte. Er vertritt eine Reihe von Thesen, die ich unmöglich unkommentiert stehen lassen kann; da aber die Replik jeden Kommentarstrang sprengen würde, mache ich gleich einen Beitrag daraus.

Es gibt einfach keine Höherentwicklung von Lebensstandard und Zivilisation ohne damit einhergehende Degenerationserscheinungen, die am Ende zu heftigen Umwälzungen führen. Wir erleben m.E. zur Zeit wieder genau das: ein Anschwellen des Wohlstandes mit einhergehendem Verlust von ethischen Prinzipien.

(…)

Ein kulturell-religiöses Vakuum, das der Islam mit wachsendem Erfolg ausfüllt, wo er mit Verve hineindrängt. Es wäre schön, wenn es wenigstens christlichen Fundamentalismus gäbe, der diesem Prozeß Widerstand entgegensetzen würde – den gibt es aber nicht. Mir wäre es echt lieber, wenn im Biologieunterricht die Schöpfungsgeschichte behandelt würde und dafür der Islam chancenlos ist…“

Und an anderer Stelle:

Hier liegt eine der Ursachen für den Niedergang des Christentums in Europa: Selbstdemontage der jahrhundertelang unveränderten Schriftgrundlage durch bibelkritische Theologie.

Insofern ist das eine extrem fundamentalistische Position, die aber nicht “schädlich” oder aggresiv ist, aus dem einfachen Grund, weil eben das zugrundeliegende schriftliche Fundament nicht schädlich und aggressiv ist! Das sollte jeder Fundamentalismus-Kritiker dreimal lesen und auch begreifen. Biblischer Fundamentalismus ist ja eben gerade *pazifistisch, *geschlechterneutral, *gewaltablehnend, *legalistisch, *wissenschaftsfreundlich, *tolerant, *demokratieermöglichend, *bildungs- und leistungsfördernd etc. pp.“

Einige Zeilen zuvor:

Es wäre sicherlich lohnend, einmal von dir erklärt zu bekommen, worin das Schädliche und sogar Denkfeindliche der Schöpfungsgeschichte für die moderne Gesellschaft besteht, lieber Manfred. Das dürfte ein lohnendes, weil brandaktuelles Thema sein.“

Das ist es in der Tat, und ich bin der Meinung, dass eine Gesellschaft, die die biblische Schöpfungsgeschichte als gleichrangige und gleichartige Alternative zur Evolutionstheorie behandelt, über kurz oder lang aufhören wird, eine demokratische Gesellschaft zu sein.

Damit wir uns richtig verstehen: Ich liebe das Buch Genesis. Nur betrachte ich es nicht als naturwissenschaftliches Werk, sondern als Allegorie, die das Verhältnis Gottes zur Welt und zum Menschen in literarischer Verfremdung und Verdichtung beschreibt. Die Wahrheit, die in ihr liegt, hat mit empirischer Wirklichkeit nichts zu tun. Es handelt sich um eine Glaubenswahrheit.

Solche Glaubenswahrheiten, genauer: religiöse Aussagen, unterscheiden sich fundamental von empirischen Aussagen, d.h. solchen über die äußere Wirklichkeit. Letztere können unter Berufung auf Tatsachen in Verbindung mit der formalen Logik angefochten oder bestätigt werden – das Prinzip wissenschaftlicher und überhaupt rationaler Argumentation. Entscheidend ist, dass über die Wahrheit oder Unwahrheit solcher Aussagen nach objektiven, sprich von der Willkür des Einzelnen unabhängigen Kriterien entschieden werden kann.

Es gibt allerdings Dimensionen der menschlichen Existenz – Seele, Ewigkeit, Schöpfung -, über die sich nichts aussagen lässt, was mit empirischen Argumenten gestützt werden könnte, zu denen man sich aber ungeachtet dessen verhalten muss, und denen man sich daher gar nicht anders als durch den Glauben nähern kann – worin auch immer dieser Glaube besteht: Die Grundaussage des Atheismus, Gott existiere nicht, ist ihrem Wesen nach nicht weniger religiös als die, er sei der Schöpfer des Himmels und der Erde. Beweisen oder widerlegen lässt sich weder das eine noch das andere.

Wahrheiten dieser Art haben notwendig einen anarchistischen Zug: Sie sind nicht von objektiven Gegebenheiten abhängig, und für jeden Gläubigen gilt: Was Wahrheit ist, bestimme ich!

Daran ändert sich auch prinzipiell nichts, wenn dieser Glaube von Anderen, und wären es Millionen, geteilt wird. Was sich aber dadurch ändert, ist, dass der Glaube in Gestalt der Religion sozial institutionalisiert wird, und dass das Recht, „Wahrheit“ zu dekretieren, auf ein soziales System übergeht. Dagegen ist so lange nichts einzuwenden, wie das System bereit ist, die sprichwörtliche Kirche im Dorf zu lassen, seinen Wahrheitsanspruch also auf den Bereich zu beschränken, wo Wahrheiten naturgemäß Glaubenswahrheiten sein müssen.

Welche Folgen es aber haben muss, wenn empirische Aussagen auf diesem Wege getroffen, also par ordre du Mufti dekretiert werden, und eben nicht im Wege tatsachenbezogenen rationalen Argumentierens, und welche Implikationen es hat, wenn die Gesellschaft das akzeptiert, wird klar, wenn man nach der Bedeutung des rationalen Diskursmodus für das Funktionieren einer offenen Gesellschaft fragt. Das, was ich den „rationalen Diskursmodus“ nenne, ist ein einfaches System von Spielregeln, mit deren Hilfe Konsens darüber erreicht wird, ob ein System von Aussagen wahr sein kann:

1. Es muss mit bekannten Tatsachen übereinstimmen.

2. Es muss in sich logisch sein.

3. Es muss prinzipiell durch Tatsachen widerlegbar sein.

Man kommt auf diesem Wege nicht etwa zu der Wahrheit schlechthin; mit den bekannten Fakten können durchaus mehrere konkurrierende Aussagesysteme kompatibel sein, die jeweils in sich schlüssig und prinzipiell falsifizierbar sind. Es kann auch sein, dass kein einziges der „auf dem Markt“ befindlichen Aussagesysteme wahr ist (weil noch keiner auf die Wahrheit gekommen ist). Und es ist theoretisch sogar möglich, dass prinzipiell nichtfalsifizierbare Aussagen, die man auf rein spekulativem Wege gewonnen hat (Etwa: Der liebe Gott hat einen langen weißen Bart), trotzdem wahr sind. Die Wahrscheinlichkeit ist gering, aber möglich ist es. In einem solchen Fall könnten sie, ungeachtet ihrer inhaltlichen Richtigkeit, wegen ihres Verstoßes gegen Kriterium 3 niemals als potenzielle Wahrheiten sozial anerkannt werden.

Wozu also taugt der rationale Diskursmodus, wenn nicht dazu, zu garantiert wahren Aussagen zu gelangen? Gewiss zur Eliminierung von garantierten Irrtümern – aber dazu würden schon die Kriterien 1 und 2 genügen. Wozu also Kriterium 3? Und zwar nicht im wissenschaftlichen, sondern im allgemeingesellschaftlichen, speziall politischen Kontext, d.h. dort, wo es darum geht, allgemeinverbindliche Entscheidungen zu treffen, die die Freiheit des Einzelnen beschränken? Es dient dazu, zu verhindern, dass solche Entscheidungen auf der Basis von Wahrheitsansprüchen getroffen werden, die einer Überprüfung nicht zugänglich sind, sondern von partikularen Gruppen aus eigener Machtvollkommenheit erhoben werden!

Aussagesysteme, die dem Kriterium 3 nicht entsprechen, sind ihrer Struktur nach, d.h. unabhängig von ihrem Inhalt, Glaubenssysteme; ihre Nichtüberprüfbarkeit ist gleichbedeutend mit Nichtkritisierbarkeit, mit dem Anspruch auf absolute Wahrheit, und ist damit die ideologische Grundlage totalitärer Herrschaft.

Beispiele gefällig?

Der Islamismus beruht auf der Annahme, der Koran sei unmittelbar Gottes Wort; weswegen es geboten sei, jeglichen Widerstand gegen seine sozialen und politischen Forderungen mit Gewalt zu brechen.

Der Marxismus beruht auf der Annahme, das Proletariat habe die historische Mission, den Kommunismus zu errichten, und habe deshalb alle anderen Klassen zu vernichten.

Der Nationalsozialismus beruht auf einer antisemitischen Verschwörungstheorie. (Eine Verschwörungstheorie ist niemals falsifizierbar, weil sie alle ihr widersprechenden Tatsachen als Blendwerk eben der behaupteten Verschwörung abtut, also zirkulär argumentiert.)

(Und wenn man die Political Correctness als totalitäre Ideologie bezeichnet, so liegt dies im Kern daran, dass sie Tatsachenbehauptungen nicht nach dem Kriterium von „wahr“ und „unwahr“, sondern nach dem von „gut“ und „böse“ beurteilt, sich also der tatsachengestützten Kritik durch apriorische willkürliche Setzung entzieht.)

Solche Ideologien kann man nicht dadurch bekämpfen, dass man sie mit ihnen widersprechenden Tatsachen konfrontiert; gegen Tatsachen haben sie sich ja gerade immunisiert. Ich kann die Nichtexistenz der  Verschwörung der Weisen von Zion genausowenig beweisen wie die Nichtinspiration des Korans durch Gott oder die Unrichtigkeit marxistischer Axiome.

Was ich aber beweisen kann, ist die Selbstimmunisierung solcher Ideologien gegen Tatsachen durch systematisch herbeigeführte prinzipielle Nichtfalsifizierbarkeit, also durch Verletzung der Regeln des rationalen Diskurses. Diese an sich schärfste Waffe antitotalitärer Ideologiekritik muss stumpf werden, wenn diese Regeln nicht mehr als allgemein geläufig vorausgesetzt werden können. Dabei kommt es nicht darauf an, dass sie jedermann explizit bekannt sind: Die Regeln der Grammatik sind es ja auch nicht, trotzdem wenden wir sie richtig an. Diese Fähigkeit ist die Voraussetzung dafür, Glaubenssysteme als solche zu erkennen und von rational begründeten empirischen Aussagesystemen zu unterscheiden. Sie ist gleichbedeutend mit der Fähigkeit, totalitäre von nichttotalitären Ideologien zu unterscheiden, und eine Gesellschaft, die diese Fähigkeit verliert, hat beste Aussichten, irgendeinem Totalitarismus zum Opfer zu fallen.

Womit die Frage beantwortet sein dürfte, warum ich überhaupt nichts davon hielte, wenn der demokratische Staat selbst, noch dazu in seinen Bildungseinrichtungen (!) sich über diesen Unterschied hinwegsetzte und ihn verwischte, indem er den „Kreationismus“ in seine Lehrpläne aufnähme.

Zwei Punkte muss ich allerdings klarstellen:

Erstens: Ich habe nur von empirischen, nicht aber von normativen Aussagen gesagt, dass sie nicht religiös begründet sein dürfen; für moralische Wertentscheidungen gilt dies selbstverständlich nicht; die können als höchst individuelle Entscheidungen sehr wohl religiös begründet sein – wahrscheinlich müssen sie es sogar. Wertvorstellungen, die z.B. direkt aus der Bibel abgeleitet sind, können zwar im Einzelfall mit demokratischen Normen unvereinbar sein (Wer etwa die Todesstrafe für Homosexualität fordert, kollidiert natürlich mit dem Grundgesetz.), aber eben nur aufgrund ihres konkreten Inhalts, nicht etwa schon deshalb, weil sie religiös begründet sind.

Zweitens: Wenn ich sage, dass jede totalitäre Ideologie notwendig ein Glaubenssystem ist, so lässt das bereits aus Gründen der Formallogik nicht den Umkehrschluss zu, jedes Glaubenssystem sei totalitär.

Flash (s.o.) argumentiert so: Da sich aus der Bibel keine politischen Herrschaftsansprüche ableiten ließen, vielmehr Friedfertigkeit, Humanität und Toleranz gepredigt würden, sei gegen ein fundamentalistisches Bibelverständnis nichts einzuwenden, im Gegenteil. Motto: Das schlechthin Gute kann man gar nicht fundamentalistisch genug vertreten!

Tja, wenn es denn so einfach wäre. In mindestens zwei Punkten führt ein wörtliches Schriftverständnis bzw. der Glaube an die Verbalinspiration der Bibel und der Verzicht auf die historisch-kritische Lesart zu äußerst problematischen Konsequenzen:

Da ist zum einen die antijüdische Tendenz des Neuen Testaments. Historisch erklärbar ist sie aus der Notwendigkeit der Profilierung des frühen Christentums und seiner Abgrenzung gegen die jüdische Mutterreligion. Fasse ich die Bibel aber einfach ohne Einschränkung als Gottes Wort auf, so habe ich es mit einer angeblich göttlichen Legitimation des Antisemitismus zu tun. Der Satz „Sein Blut komme über uns und unsere Kinder“ ist dann kaum anders zu verstehen denn als Aufruf zum Pogrom  – und genau so wurde er ja auch oft genug verstanden.

Zum anderen enthält das Neue Testament nicht nur die Bergpredigt, sondern auch die Johannesapokalypse (das neutestamentliche Gegenstück zum Buch Daniel), die Vision des Endkampfs zwischen Gut und Böse, nach der das Reich Gottes durch Vernichtung des Bösen, das bis dahin die Welt beherrscht, errichtet wird. Nicht zufällig konnte gerade dieser Text nur gegen härteste innerkirchliche Opposition durchgesetzt werden, wurde er von der Ostkirche jahrhundertelang abgelehnt, und meinte noch Martin Luther, er hätte niemals kanonisiert werden dürfen. Dieses von Anfang an weitverbreitete Unbehagen hat seinen Grund darin, dass die Apokalypse direkt an dunkle Zerstörungs- und Vernichtungstriebe appelliert, das fünfte Gebot zur Disposition stellt und dazu einlädt, Feinde nicht zu lieben, sondern mit dem „Antichristen“ zu identifizieren.

Kein Zufall ist auch, dass gerade totalitäre Ideologien eine apokalyptische Struktur aufweisen: Die Welt wird vom Bösen (den Juden/dem Kapitalismus/den Ungläubigen) beherrscht, dessen Vernichtung, gern auch im Wege des Massenmords, zur Herrschaft des Guten (der Arier/des Kommunismus/des Islam) führt. Ich will damit nicht behaupten, dass das Christentum für den Totalitarismus verantwortlich sei, wohl aber, dass in vielen Menschen eine psychische Disposition schlummert, ihr Leiden und ihre Verzweiflung an der Welt auf einen Feind zu projizieren, dessen Vernichtung die Erlösung herbeiführen soll – und da der Feind weltbeherrschend gedacht wird, vernichtet man diese Welt, das eigentliche Objekt der Furcht und des Hasses, möglichst gleich mit.

Dieser Zusammenhang zwischen Apokalyptik und Totalitarismus ist der Grund dafür, warum ich stets sehr hellhörig werde, wenn ich auf Verschwörungstheorien nach Art der Eurabia-These stoße (die ja nicht weniger behauptet als die Herrschaft des Bösen, also des Islam und der ihm angeblich konspirativ in die Hände arbeitenden europäischen Eliten), und warum ich diese Theorien mit allen Mitteln rationalen Argumentierens bekämpfe – freilich ohne nennenswerten Erfolg: Es handelt sich um ein Glaubenssystem, und wer ihm anhängt, ist, so fürchte ich, nicht nur für die Demokratie verloren, sondern für die säkulare Vernunft überhaupt.

Wenn ich nun sehe, dass sich gerade in fundamentalistischen (evangelikalen, pfingstlerischen, freikirchlichen) Kreisen die johanneische Tradition, und hier wiederum ganz besonders die Apokalypse, größter Beliebtheit erfreut, dann kann ich kaum anders, als dem christlichen Fundamentalismus mit tiefstem Misstrauen gegenüberzustehen, und dies ganz unabhängig davon, dass manche seiner Vertreter mir menschlich sympathisch sind.

Mit alldem ist allerdings nicht die Frage vom Tisch, ob eine glaubenslose Gesellschaft auf die Dauer überlebensfähig ist, und wenn Flash behauptet, dass mit der Höherentwicklung einer Gesellschaft zwangsläufig Degenerationserscheinungen verbunden seien – er verweist unter anderem auf den Zerfall der Familie -, die letztlich zum Niedergang führen müssten, dann hat er starke Argumente auf seiner Seite. Ziemlich starke sogar.

Höherentwicklung, das sagt die historische Erfahrung wie die soziologische Überlegung, geht einher mit Aufklärung und Rationalität – was für mich Grund genug ist, für Aufklärung und Rationalität einzutreten. Sie bedeuten freilich zugleich, dass Alles, auch ethische Normen, unter Begründungszwang gerät, weil sie dem primären Fundament der Ethik, der Religion, seine unhinterfragte Selbstverständlichkeit und soziale Verbindlichkeit nehmen, und Religion zu einer Frage der mehr oder minder willkürlichen individuellen Entscheidung machen – ich selbst habe ja oben gezeigt, dass jede andere Auffassung von Religion mit den Grundlagen einer offenen Gesellschaft unvereinbar ist.

Gesellschaft funktioniert, wenn die Goldene Regel beachtet wird: „Wie Ihr wollt, dass die Leute Euch tun sollen, also tut ihnen auch.“(Lk 6,31). Eine rationale Reformulierung dieser Forderung hat Kant mit seinem kategorischen Imperativ geliefert. Dass diese Regel gelten und wenigstens im Großen und Ganzen befolgt werden muss, weil die Gesellschaft sonst nicht existieren kann, lässt sich rational begründen – nicht aber, dass der Einzelne sie befolgen soll. Der kategorische Imperativ impliziert, dass man unter Umständen erhebliche individuelle Opfer in Kauf nehmen soll, um einen winzigen Beitrag zum Gemeinwohl zu leisten; diese Opfer reichen von der Steuerehrlichkeit bis zum Heldentod fürs Vaterland. Aus der Sicht des Einzelnen ein schlechtes Geschäft: Rationaler ist es für ihn, das von Anderen getragene Gemeinwohl in Anspruch zu nehmen, selbst aber nichts dazu beizutragen. Die Mentalität des Schwarzfahrers.

Zur Aufrechterhaltung allgemeiner sozialer Tugenden wie der Ehrlichkeit, denen man mit relativ geringem persönlichen Aufwand folgen kann, mag der menschliche Hang zum Konformismus noch hinreichen – Nutzenkalkül hin oder her -, zumindest solange der Ehrliche den Eindruck hat, nicht der Dumme zu sein.

Sobald aber dieses Minimum an geforderter sozialer Solidarität überschritten wird, sobald wirkliche Opfer zur Debatte stehen, schrumpft die Bereitschaft dazu dramatisch. Wo Solidarität selbst in der kleinsten denkbaren Gemeinschaft von Menschen, der Ehe, nicht mehr als Selbstverständlichkeit vorausgesetzt werden kann und kaum noch ein Problem nichtig genug ist, um nicht einen Scheidungsgrund abzugeben, braucht man nach der Bereitschaft nicht mehr zu fragen, für eine Großgemeinschaft, etwa das eigene Land und dessen Freiheit – oder gar für den „Westen“ – das eigene Leben zu riskieren.

In stabilen Zeiten von Frieden und Prosperität, gleichsam im Normalbetrieb, fällt diese Schwäche kaum auf. Solange von den Bürgern bloß passive Loyalität gefordert wird, ist diese Loyalität in liberalen Demokratien vermutlich größer als anderswo. Wie aber sieht es im Fall einer existenziellen Bedrohung aus, wenn der Staat mit seinen administrativen und militärischen Bordmitteln nicht mehr auskommt und nicht nur den Geldbeutel seiner Bürger strapazieren, sondern sogar deren Leben einsetzen muss, um sich zu verteidigen? Anders gefragt: Wie konfliktfähig sind offene Gesellschaften?

Man sollte meinen, dass diejenige politische Ordnung, die ihren Bürgern das höchste Maß an Freiheit, Sicherheit und Wohlstand beschert, die liberale Demokratie also, auch das größte Maß an Unterstützungs- und Opferbereitschaft zu mobilisieren imstande ist. So ist es aber nicht.

Wenn man beispielsweise die Verlustlisten des Zweiten Weltkriegs anschaut, so fällt auf, dass die totalitären Staaten Deutschland, Sowjetunion und Japan an die zwanzig Millionen eigene Soldaten geopfert haben, die Westmächte dagegen „nur“ einige hunderttausend. Natürlich hängt das auch mit dem Kriegsverlauf zusammen – Frankreich brach früh zusammen, und bis die Westmächte in Europa wieder eingreifen konnten, hatten die Russen die Hauptarbeit bereits erledigt und zogen weiterhin das Gros der deutschen Truppen auf sich. Und selbstverständlich bin ich nicht so zynisch, die Verlustraten einer Armee als Maß ausschließlich für die Opferbereitschaft eines Volkes anzusehen; nicht selten sind sie eher ein Maß für die Brutalität und Inkompetenz ihrer Führer – eigene Soldaten draufgehen zu lassen ist in jedem Fall weder eine politische noch eine militärische Tugend.

Aber selbst wenn man diese Relativierungen berücksichtigt, bleibt der Unterschied doch frappierend, und man sollte nicht nur bedenken, dass am Beginn des Krieges die Frage stand, ob es sich wirklich lohne, für Danzig zu sterben, sondern auch, dass die Verlustquoten, die der Westen in Kauf nahm, im Zweiten Weltkrieg bereits geringer waren als im Ersten, und seitdem kontinuierlich fallen: In Vietnam warfen die USA nach 50.000 Toten das Handtuch, heute im Irak genügen schon 3.000 eigene (amerikanische) Gefallene, um den Krieg zu delegitimieren. Oder nehmen wir Deutschland: Dasselbe Volk, das sich von Hitler noch eine Verlustquote von 25 Prozent bieten ließ, ohne wirklich zu murren, stellt heute bei einer Quote noch unter der Promille(!)-Grenze bereits den Sinn von Militäreinsätzen überhaupt in Frage.

Warum und wie schaffen es totalitäre Systeme, Millionen von Menschen zum Selbstopfer zu bewegen? Durch Terror? Sicher, auch durch Terror. Überschätzen sollte man diesen Faktor aber nicht. In der Praxis des Dritten Reiches zum Beispiel spielte der Terror zwar eine bedeutende Rolle, soweit er sich gegen das Ausland oder gegen vorab ausgegrenzte Minderheiten, speziell Juden, richtete; aber er hatte den Zweck, diese Menschen zu ermorden, nicht ihr Wohlverhalten zu erzwingen. Gegen die eigenen „Volksgenossen“ war das Dritte Reich nicht wesentlich gewalttätiger als irgendeine Militärdiktatur, vermochte aber ein Maß an Begeisterung und Opferbereitschaft zu wecken, von dem etwa ein Pinochet kaum hätte träumen können.

Nein, die Sträke der totalitären Regime lag darin, dass sie in der Lage waren, den Menschen einen das eigene Leben transzendierenden Sinn zu vermitteln – wer am Bau eines „Tausendjährigen Reiches“ oder des welterlösenden Kommunismus mitzubauen glaubt, wird sich der Teilhabe an der Ewigkeit ziemlich nahe fühlen. Ihre Ideologien waren säkulare Religionen, deren gemeinschaftsstiftende und motivierende Kraft den klassischen Religionen mindestens gleichkam. Man versteht das damalige Deutschland, Russland und Japan am besten, wenn man sie als apokalyptische Massensekten auffasst, die eine ungeheure Dynamik und Leistungsfähigkeit zu entfesseln fähig waren.

Was also vom erkenntnistheoretischen oder liberalen politischen Standpunkt eine Kritik an totalitären Ideologien ist – nämlich dass sie Glaubenssysteme sind – und eine Kritik an Glaubenssystemen – nämlich dass sie eine totalitäre Schlagseite haben – ist kein zwingendes Argument gegen die Überlebensfähigkeit der von ihnen geprägten Gesellschaften, schon gar nicht, soweit ihr Überleben von ihrer Konfliktfähigkeit abhängt.

Ich bin nicht überzeugt davon, dass diese Schwäche westlicher Gesellschaften am Ende tödlich sein muss – zu deutlich und gewichtig sind die sie kompensierenden Stärken. Aber eine Schwäche ist es allemal, und insofern geht der Punkt an Flash.

Dessen Argument zielt allerdings tiefer als auf die bloße Konfliktfähigkeit westlicher Gesellschaften. Er behauptet, dass eine säkulare, aufgeklärte, rationale und liberale Gesellschaft auch ganz unabhängig von äußeren Konflikten auf die Dauer nicht existenzfähig sei, weil das von ihr erzeugte Vakuum an Spiritualität und Moral das grundlegende religiöse Bedürfnis der Menschen nach einem transzendenten Sinn vernachlässige, und dass dieses Bedürfnis sich über kurz oder lang Bahn brechen müsse, sodass wir auf die Dauer nur die Wahl zwischen einer Islamisierung und einer Re-Christianisierung hätten. Einem islamischen Fundamentalismus aber sei ein christlicher allemal vorzuziehen.

Dass eine säkulare Gesellschaft auf die Dauer dem Ansturm der Religiosität erliegen müsse, ist eine These, die ich stark anzweifle:

Es ist schon richtig, dass es diese religiösen Bedürfnisse gibt, und dass ein säkularer Rationalismus sie nicht befriedigen kann. Noch in der moralisierenden Ideologie der Political Correctness – deren Verfechter man ja nicht umsonst als „Gutmenschen“ veralbert – drückt sich ein Bedürfnis nach „Heiligkeit“ aus, das bei einem soliden Fundamentalismus zweifellos besser aufgehoben wäre als bei einer linken Ideologie. Allerdings zeigt dieses Beispiel auch, wohin es führt, wenn man religiöse Kategorien – wie verkappt oder pervertiert auch immer – in die Politik einführt.

Ich kann aber überhaupt nicht erkennen, dass eine Rückbesinnung auf den christlichen Glauben – die ich für wünschenswert halte – zwangsläufig dazu führen müsste, dass man in Fundamentalistenmanier mit der Bibel in der Hand in Politik und Wissenschaft herumfuhrwerkt und die Grundlagen der säkularen Demokratie und der rationalen Wissenschaft angreift. Wozu sollte man das tun? Um die Islamisierung zu stoppen? Die beruht nicht darauf, dass der Islam irgendwelche vom Christentum vernachlässigten spirituellen Bedürfnisse erfüllen würde; das tut vielleicht der Buddhismus. Im Hinblich auf Humanität, Spiritualität, erlösende Kraft und theologische Tiefe, d.h. als Religion, ist der Islam selbst einem verwässerten Christentum oder Judentum so hoffnungslos unterlegen, dass er sich ihnen gegenüber nie anders als mit Gewalt durchsetzen konnte und kann. So gefährlich der Islam als politische Ideologie ist, so armselig ist er als Religion.

Das Christentum spielt eine wichtige Rolle beim Kampf gegen die Islamisierung, aber nur, wenn es seine Stärken ausspielt – seine religiöse Tiefe und Kraft -, nicht, wenn es fundamentalistisch versucht, die Bibel zur Basis politischer Programme und wissenschaftlicher Thesen zu machen.

Keine Regel freilich ohne Ausnahme: Wo es darum geht, den Islam frontal anzugreifen, also Muslime zu missionieren, oder, in der Sprache der entsprechenden Kreise: ins 10/40-Fenster einzudringen, können Christen, die sich das vornehmen, gar nicht fundamentalistisch genug sein. Mit ihrem wörtlichen Bibelverständnis, ihrer konservativen Sozial- und Sexualmoral, überhaupt ihrer starken Betonung sozialer Normen und nicht zuletzt ihrem – Pardon! – Fanatismus dürften gerade evangelikale Fundamentalisten unter allen christlichen Glaubensrichtungen am besten für die Mission aufgestellt sein, weil ihre Auffassung von Religion der von Muslimen am nächsten kommt. So gesehen, wäre es doch ein Fortschritt, wenn im Biologieunterricht die biblische Schöpfungsgeschichte behandelt würde.

In Saudi-Arabien.

16 Antworten auf Christlicher Fundamentalismus

  • naja, in Deinem letzten Absatz „keine Regel ohne Ausnahme“ siehst Du das Christentum etwas utilitaristisch. Ob dadurch der Fanatismus an sich weniger würde, daß der Islam durch ein fundamentalistisches Christentum ersetzt werden könnte wage ich zu bezweifeln.

    Ich selbst bin so ein rheinisch-indifferenter Katholik, der wunderbar damit fährt, dass man theologische Streitfragen gut im Vatikan abgeben kann. Überhaupt wird der Papst viel zu sehr dämonisiert. Das Positive am Papst ist ja immerhin, dass er allein auch für die ganzen Dogmen verantwortlich ist. Wenn ich, als kleiner Jeck aus Düsseldorf mich nicht an einige Moralvorschriften halte, kann ich immer noch die Verantwortung nach Rom delegieren. Das ist praktisch und vor allem ein echtes Sicherheitsventil gegen einen Fundamentalismus, der die Bibel wortwörtlich nimmt. Gerade das Wortwörtlichnehmen ist ja absolut gegen den Geist des Christentums.

    Wir wurden erlöst durch Jesus und nicht durch gedrucktes Papier!

    Ich möchte damit die vielen Verbrechen, die in der Geschichte der Katholischen Kirche begangen wurden (vor allem den Antisemitismus, die Verbrennung Giordano Brunos etc.) NICHT verharmlosen. Aber ich behaupte doch, dass es zumindest NIEMALS aufgrund einer wortwörtlichen Bibelauslegung geschehen ist. Daher hatten diese Verbrechen in der Geschichte der Kirche Roms auch keinen anhaltenden Bestand!

    Was die Johannes-Apokalypse angeht, weiss ich aus meiner Tradition, dass es dabei vor allem um eine Selbstkritik der Gläubigen geht, die das Böse vor allem erstmal in sich selbst suchen sollen – ähnlich, wie der „Innere Jihad“ bei den Moslems. Dass die Apokalypse natürlich wunderbar gegen einen imaginären äusseren Feind benutzt werden kann und damit viel Schaden angerichtet wird ist wahr. Die katholische Kirche hat dafür ja den Papst, der mit seiner Weisungsbefugnis immerhin die schlimmsten Auswüchse auch verhindern kann (.. sicher, die Päpste sind selbst in der Vergangenheit für einige der schlimmsten Auswüchse verantwortlich gewesen).

    Zum Schluß: „Der Mensch lebt nicht vom Brot allein“ — eine rein materialistische Weltanschauung liegt uns Menschen nicht, ob dann aber zwangsläufig eine rein christliche Gesellschaft die Alternative ist, kann man nicht behaupten. Ich habe mich sehr viel mit der Kultur und Religion Ost-Asiens beschäftigt, davon können wir viel lernen. Für die Menschen in China, Japan, Korea und Indochina ist es völlig normal, mehrere unterschiedliche Religionen nebeneinander oder abwechselnd zu praktizieren.
    Die geistige Grundlage ist vor allem im chinesisch beeinflussten Raum der Konfuzianismus, der aber gar keine Religion im europäisch/islamische/jüdischem Verständnis ist, sonder eine Lebensphilosophie, die auch Raum für religiöse Einflüsse lässt (das ist der grundlegende Unterschied zum westlichen Atheismus!). Diese Ausschließlichkeit des Monotheismus stößt dort auf Unverständnis, allerdings sind auch diese Länder keine Paradiese, gerade China nicht, trotz der großartigen philosophischen Tradition.

    Wir müssen uns weiterentwickeln, in Europa auf der Grundlage des Christentums, aber nicht zurück, in ein imaginäres und damit totalitäres „Gestern“, das es niemals gab.

    Die wirkliche Botschaft des Christentums wird weiterleben, auch wenn vielleicht in hundert Jahren Europa ganz ander s aussieht als heute. Christen können und müssen dazu ihren Beitrag leisten, aber nicht unter der Voraussetzung, die Menschen jemals wieder beherrschen zu können.

    Das ist einfach meine Sicht der Dinge.

  • Gut, ein bischen christliche Indoktrination muss sein – wen es interessiert:

  • Lieber Manfred,

    das ist eine brilliante und äußerst detaillierte Abhandlung. Ein solcher Text wird, leider, nicht nur lediglich alle paar Jahre geschrieben, sondern, leider, auch nur alle paar Jahre gedacht.

    Der „Qualität von Islamkritik“ setzt dieser dein Text mit die notwendigen Standards. Und der Qualität von christlicher Religiosität gleich mit.

    Genial! Demokratiesichernd! Bravo!

    Gruß
    Jacques Auvergne
    http://jacquesauvergne.wordpress.com/

  • @ Apokryphe:

    Ich stimme Dir zu, dass die Verbrechen der KATHOLISCHEN Kirche nicht aufgrund wörtlicher Bibelauslegung begangen wurden, aber es gab christliche Sekten, bei denen das sehr wohl der Fall war, man denke an die Münsteraner Wiedertäufer. Überhaupt hat der Protestantismus mit seinem eingebauten Anarchismus (Priestertum aller Gläubigen) eine eingebaute Schwäche: Auf der einen Seite stärkt er die Autonomie des einzelnen Gläubigen; auf der anderen ist er praktisch ein Freibrief für Fanatiker, aus der Bibel herauszulesen, was sie für richtig halten.

    Dass mein letzter Absatz etwas utilitaristisch war – nun ja, das stimmt wohl, aber ich wollte nur sagen, dass sogar ich dem Fundamentalismus auch positive Seiten abgewinnen kann. Ich war jedenfalls nicht glücklich, dass die in Afghanistan entführten koreanischen Missionare zusagen mussten, für ihre Freilassung auf alle missionarischen Aktivitäten zu verzichten.

    @ Jacques:

    Merci.

  • Nun, erstmal vorweg: eine solche Fülle von Material und Gedanken ist ja beinahe „erschlagend“. Das Thema ist dir aber ganz schön wichtig! Diesen Essay kann man nicht mal so nebenbei konsumieren, leider habe ich es gerade doch getan. (Habe auch die Kommentare bei anderen Artikeln gelesen, danke.)

    Man müßte den Diskurs prinzipiell mündlich weiterführen, das artet sonst in Orgien aus. Aber dennoch ganz kurz erste Einwände von mir.

    Du hast drei Kriterien für einen „rationalen Diskursmodus“ genannt, dafür auch Beispiele gebracht. Verblüffend ist für mich, daß die Evolutionstheorie allen drei Kriterien widerspricht. Die Absolutsetzung dieser Theorie und die Ausweitung auf ganz andere Sachgebiete (Psychologie, Soziologie) ist ein Trauma für die Wissenschaft.

    Eigentlich fragte ich aber nach der Schädlichkeit der Schöpfungsgeschichte. Solange man damit nicht Denkverbote verbindet (also Forschung behindert oder verhindert), gibt es diese Schädlichkeit nicht. Die ET impliziert allerdings eine Menge an schädlichen Schlußfolgerungen:

    – alleine die Zufälligkeit aller Ereignisse raubt der menschlichen und überhaupt jeglicher Existenz jeden Sinn

    – die völlig fehlende Differenzierung zwischen Mensch und Tier relativiert menschliches Verhalten und menschliche Verantwortung

    – das Prinzip der Auslese (Überleben der Bestangepaßten, Verschwinden der Schwachen) und dessen alleinige Geltung als Entwicklungsfaktor verleiten immer wieder dazu, diese Auslese auch zu betreiben (Veredelung des Genpools, Sterilisation bestimmter Gruppen, Nietzsche und die Nazis – als Schlagworte)

    – die Absolutsetzung von reinen Vermutungen auf der ET-Basis, ob in der Biologie, in der Verhaltensforschung, der Genetik oder der Soziologie verhindert den empirischen Erkenntnisgewinn, weil alternative Denkmodelle für alle möglichen Forschungsgegenstände systematisch unterdrückt werden

    M. E. ist der schädliche Einfluß dieser Theorie sowohl in sozialer (normativer) wie auch in wissenschaftlicher (empirischer) Hinsicht evident – in umfassender Weise. Eine solche wissenschaftliche Theorie macht eben nicht nur Faktenaussagen, sondern bringt auch sofort normative Implikationen mit sich (z.B. „alles ist egal“).

    Damit möchte ich der Schöpfungsgeschichte keinesfalls wissenschaftliche Bedeutung zumessen. Sie schadet aber nicht in ihren Implikationen, sondern bringt grundlegende Wertvorstellungen erst mit sich:

    – der Mensch hat eine Würde, weil er erstens kein Zufallsprodukt ist und zweitens das Göttliche versinnbildlicht

    – die Natur ist in ihrer Komplexität nicht zufällig, sondern absichtlich entstanden, der Mensch soll sich diese Natur „erobern und beherrschen“, d.h. auch, sie wissenschaftlich zu durchdringen (Benennung der Tierwelt, Verständnis und Anwendung der Naturgesetze, der Technik etc.)

    – der Mensch ist etwas grundsätzlich anderes als die Tiere, er steht über ihnen

    – dem Menschen wird Verantwortung für die Natur zugewiesen („bebauen und bewahren“)

    Ich kann nicht sehen, warum und weshalb ein Wissenschaftler durch seine Akzeptanz der Schöpfungsgeschichte vom Forschen und von wissenschaftlichen Ergebnissen abgehalten wird. Ebensowenig sehe ich den Schaden, der in Schulen durch Behandlung von Schöpfungsmythen (Gilgamesch-Epos oder Genesis) entstehen könnte.

    Weiter: Begründung der Judenverfolgung durch die Bibel? Definitiv nicht machbar. Nirgends werden Gläubige in der Bibel dazu aufgerufen, den Tod Jesu an den Juden zu rächen. Die Juden riefen zwar „Sein [Jesu] Blut komme über uns und unsere Kinder“, aber das kann unmöglich als Aufforderung an irgendjemanden (schon gar nicht an Christen) verstanden werden. (Christen gab es da noch gar nicht). Eine Kirche, die sich unter diesem Vorwand an Juden vergreift, ignoriert, daß die biblische Grundaussage darin besteht, daß eben die Sünde aller Menschen (also auch gerade der Christen) war, die Jesus ans Kreuz gebracht hat. Man hätte demzufolge einfach einen Sündenbock gesucht – und das waren und sind immer die Juden.

    Strafandrohungen und Unheilsverkünden gegen Israel und Juden gibt es im Alten Testament durchaus, sogar radikal. Aber es ist jeweils und ausschließlich Gott, der diese ausspricht, und er fordert nirgends Menschen dazu auf, diese Gerichtssprüche umzusetzen. Im Gegenteil! Es heißt schließlich: „Wer mein Volk [die Juden] antastet, der tastet seinen Augapfel (sich selbst) an“.

    Weiter: die Apokalypse taugt natürlich nicht als Modell und Argumentelieferant für totalitäre Systeme. Man kann sie dahingehend höchstens vergewaltigen. Der Text selbst gibt das nicht her. Es werden keine Gläubigen zum Kampf aufgerufen, der Kampf gegen das Böse wird von Gott geführt. Wer also meint, selbst das Böse bekämpfen zu müssen, setzt sich an Gottes Stelle und konterkariert die Apokalypse.

    Weiter: Daß der Islam von seinen spirituellen Angeboten her unattraktiv ist, stimmt absolut nicht. Er ist – besonders für europäische Frauen! – höchst attraktiv. Viele Menschen vermissen gerade im Christentum die festen (gesetzlichen) Vorgaben und finden sie im Islam. Die Erlösung aus der Multioptionskultur, die Abgabe der Eigenverantwortung von Frauen an Männer, die festdefinierten Rollen der Geschlechter, die religiösen Gebräuche (Fasten, fünfmal beten, Almosen geben, Hadsch, Verhüllung der Frauen) beinhalten eine Vielfalt an attraktiven Angeboten.

    Weiter: die Beobachtung, daß die demokratischen Staaten sehr geringe Opferzahlen im WWII hatten, ist richtig, aber sie bedeutet doch nicht, daß die Opferbereitschaft der Menschen so gering war, sondern (neben den von dir genannten Ursachen), daß der Wert eines Menschenlebens viel zu hoch eingeschätzt wurde, um es zu opfern. Es wurde also dafür gesorgt, daß Menschen erst bei entspechender taktisch-technischer Überlegenheit in den Kampf zu ziehen brauchten, also vor Debakeln tödlicher Unterlegenheit möglichst gut geschützt wurden. (Lese gerade „Barbarossa ’41“, Echolot, Kempowski).

    Die Charakterisierung der totalitären Ideologien als „religiöse Systeme“ trifft natürlich voll zu. Jedes derartige System hat seine theoretische Bsis, also „Grundsatzschriften“ (z.B. Marx/Engels/Lenin für die Kommuisten, Rosenberg, Nietzsche, Hitler für die Nazis). Dieses Schriftfundament bestimmt letztlich die Ergebnise und Folgen der real durchgezogenen Ieologie.

    Daher ist bei jedem Fundamentalismus für mich die Frage, was das Fundament denn beinhaltet. Fast immer beinhaltet es giftige, antisoziale Tiel, die zerstörerisch sind. Der Buddhismus und der Konfuzianismus mögen da die positiven Ausnahmen sein – neben dem Juentum und Christentum. Eine Ideologisierung der Bibel in der Art katholischer Dogmen ist dabei schon weit weg vom Fundament „Bibel“. Die Kirche als Organisation sollte generell als machtapparat verstanden werden und niemals als die Verkörpeung der Christenheit. Dmit fallen auch jegliche kirchlichen Untaten der Geschichte (Judenverfolgung, Kreuzzüge, Inquisition!) als Argumente gegen das Christentum weg.

    Zuletzt: die Wiedertäufer haben auf haarsträubende Weise das Fundament, also die biblischen Texte, verdreht. Die selbstständige Einführung des Reiches Gottes auf Erden ist so unbibilisch, wie es andererseits von Ideologen aller Couleur immer wieder als Grundmotiv und Zielvorstellung benutzt wird. Nirgends sagt die Bibel, Gläubige hätten ein Himmelreich auf Erden einzurichten – wer sowas tun will, ist damit per se in der Sektenabteilung.

    Absolute Grundfrage: bei allem Hin- und Her- Argumentieren hängt doch alles an einer einzigen Frage:

    => Existiert ein göttliches Wesen/eine göttliche Macht, die fortgesetzt auf den Kosmos einwirkt oder existiert ein solches Wesen nicht? (Die Bibel geht natürlich komplett von der Existenz und dem übergeordneten, planvollen Handeln Gottes aus!)

    Wer diese Frage ignoriert oder negativ beantwortet, der muß immer und unweigerlich Ersatz-Hypothesen aufstellen:

    – statt Schöpfung Evolution (Gott überflüssig)
    – statt Begründung von Recht, Moral und Ethik durch Gott Realtivismus, soziologische Theorien oder gleich Existenzialismus
    – das Phänomen „Judentum“ und „Staat Israel“ sowie „Palästinenserkonflikt“ bleibt unerklärt
    – die Janusköpfigkeit Hitlers, die Dämonie seines Auftretens und die Zielgerichtetheit der Judenvernichtung bleiben unerklärt (übrigens wollte Hitler nach den Juden die Christen ebenso ausschalten, [entnommen aus Echolot] was ihn für Gläubige in obigem Sinne als Vorläufer des „Antichrist“ qualifiziert, als Verkörperung und Werkzeug des Bösen sowieso)
    – der Kommunismus wurde nur schlecht umgesetzt, ist aber theoretisch funktionsfähig
    – die Bibel ist ein unglaubwürdiges Sammelsurium von Fälschungen und Legenden
    usw.

    Zuallerletzt noch zu der Frage, ob Transzendenz, normative Aussagen und Glaubensinhalte einer Religion auch in Zusammenhang stehen mit empirischen und historischen Fakten, ob also nachprüfbare, vernunftgemäße Argumente möglich sind. Das ist im Falle der Bibel eindeutig so: man muß die Fülle an historischen Aussagen und Tatsachenberichten als wahr akzeptieren, sonst kann man das ganze Buch vergessen. Die Heilsgeschichte ist in der historischen und Völkergeschichte absolut verankert: siehe diesen Versuch.

    Übrigens: ich bin kein fundamentalistischer Christ, eher Freidenker. Natürlich kenne ich die Bibel und die christliche Szene ziemlich gut. Allerdings bin ich kein Teil davon – was mich nicht hindert, engagiert zu polemisieren! :)

  • Leider wieder viel vertippt. Sorry. Der Inhalt sollte dennoch rauskommen…

  • Nachtrag zu den normativen Implikationen der Evolutionstheorie:

    mehr dazu hier (Buchrezension).

  • @ flashlink:

    Wenn ich Dich als Fundamentalisten in die falsche Schublade gesteckt habe, tut mir das leid. In jedem Fall hast Du so argumentiert, dass auch jeder Fundamentalist Dir hätte zustimmen können.

    Ich kann nicht erkennen, dass die Evolutionstheorie den Kriterien für einen rationalen Diskurs widerspricht. Ich kann auch nicht erkennen, dass sie in einem anderen Sinne „absolut“ gesetzt würde als jedes andere wissenschaftliche Paradigma, sagen wir: das Atommodell. Es ist zutreffend, dass alternative Paradigmen, auch wenn sie allen wissenschaftlichen Kriterien entsprechen würden (was beim Kreationismus nicht der Fall ist, ich komme darauf zurück), es gegen Darwin schwer hätten. Das gilt aber für jede neue Theorie, nicht nur in der Biologie. Sie setzt sich normalerweise trotzdem durch, wenn sie erkennbare Tatsachen besser erklärt als das alte Paradigma (Grundlegend: Thomas Kuhn, Die Struktur wissenschaftlicher Revolutionen).

    Es ist korrekt, dass auch in der Soziologie – für die Psychologie kann ich es nicht beurteilen – evolutionstheoretische Überlegungen eine Rolle spielen (Damit meine ich nicht den berüchtigten Sozialdarwinismus, sondern durchaus die modernen Systemtheorien, allerdings auch marxistische Theorien); aber nicht deswegen, weil eine Theorie aus der Biologie mechanisch auf die Soziologie übertragen worden wäre, sondern weil beide Disziplinen strukturell gleichartigen Sachverhalten gegenüberstehen: Sowohl natürliche wie auch soziale Systeme unterliegen einem langfristigen Trend zu höherer Komplexität, und eine Theorie, die diesen Sachverhalt nicht erklären kann, wäre unbefriedigend. Eine, die ihn aber erklärt, muss zwangsläufig auf dem Gedanken einer Evolution aufbauen – wie auch immer sie die im Einzelnen erklärt..

    Da damit auch die Idee einer HÖHERentwicklung impliziert ist (im Sinne zunehmender Komplexität), und da in diesem Sinne der Mensch als das seiner selbst bewusste Wesen das bisher höchstentwickelte Lebewesen ist und sich zugleich QUALITATIV vom Tier unterscheidet, muss ich diejenigen Deiner Argumente ablehnen, nach denen die Evolutionstheorie keinen Unterschied zwischen Mensch und Tier mache.

    Was bei fast allen Deinen Argumenten gegen Darwin auffällt, ist die Vermischung empirischer mit normativen Aussagen. Du kritisierst die Evolutionstheorie nicht mit empirischen Argumenten, sondern mit Überlegungen zu ihren möglichen Implikationen für gesellschaftlich vorherrschende Menschenbilder, Gesellschaftsmodelle und Moralvorstellungen. Selbst wenn ich allen diesen Überlegungen zustimmen würde, wären sie keine Argumente gegen die Richtigkeit der Evolutionstheorie. Mit diesem Denkmuster bist Du schon auf halbem Wege zu einer Wirklichkeitsauffassung, nach der eine Aussage nicht dann als wahr gilt, wenn sie mit der Wirklichkeit übereinstimmt, sondern wenn sie einer bestimmten Gesinnung entspricht; das ist der gerade Weg zu einer „deutschen Physik“ und einer „sozialistischen Biologie“ und wie dergleichen totalitäre Konstrukte sonst noch heißen. Die Political Correctness halte ich aus genau diesem Grund ebenfalls für eine totalitäre Ideologie, weil sie nicht zwischen normativ-wertenden und empirischen Aussagen unterscheidet. (Wenn etwa Feministinnen die normativ-wertende Aussage „Männer und Frauen sind gleichBERECHTIGT“ in die empirische Aussage umlügen „Männer und Frauen sind GLEICH“, um sich dann um empirische Argumente nicht mehr zu kümmern, wohl aber jeden Andersdenkenden, und hätte er noch so gute Argumente, als frauenfeindlichen chauvinistisch-faschistischen Phallokraten zum Abschuss freizugeben, dann hast Du genau den Modus, nach dem totalitäre Ideologien funktionieren. Und dieser ideologischen Eigendynamik kannst Du keinen Riegel mehr vorschieben, wenn Du die Vermengung normativer mit empirischen Aussagen einmal akzeptiert hast; Du kannst Dich dann nur noch zwischen verschiedenen Arten von Totalitarismus entscheiden.)

    Selbstverständlich kann man in Schulen die Genesis behandeln – in Fächern, in denen es um Religion, Literatur und Kulturgeschichte geht. Da geschieht es ja auch. In den Naturwissenschaften geht es überhaupt nicht, weil die grundlegenden Spielregeln der Wissenschaft verletzt werden, wenn sie mit Religion gleichgesetzt wird.

    Es geht auch nicht darum, ob es einem WISSENSCHAFTLER erlaubt ist, an Gott zu glauben – natürlich! -, sondern ob es der WISSENSCHAFT erlaubt ist, an Gott zu glauben. Natürlich kann Jeder für sich sagen: Wo ich einen „Zufall“ am Werk sehe, nehme ich das Wirken Gottes an – kein Problem. Wenn dies aber als WISSENSCHAFTLICHE Aussage akzeptiert wird, hat dies dramatische Konsequenzen. Diese Vermengung von Theologie und Wissenschaft führt nämlich dazu, dass sowohl die Theologie als auch die Wissenschaft versaut werden:

    Das Wort „Zufall“ bedeutet in einem wissenschaftlichen Kontext Folgendes: „Dieses Ereignis ist mit unseren Theorien vereinbar, aber es wäre aus ihnen nicht vorhersagbar gewesen; es hätte genauso gut anders kommen können.“ Dies ist noch nicht einmal eine empirische Aussage, also eine über die Wirklichkeit, sondern eine Aussage über (wissenschaftliche) Aussagen; als solche ist sie überprüfbar. Nehme ich aber statt des so verstandenen Zufalls den zielgerichteten Willen Gottes an, dann baue ich eine PRINZIPIELL NICHTÜBERPRÜFBARE Aussage in meine Theorie ein; über kurz oder lang müssen aus dieser logische Konsequenzen gezogen werden, die dann ihrerseits nicht überprüfbar sind usw. Am Ende steht man mit einem Theoriegebäude da, von dem man Andersdenkende grundsätzlich nicht überzeugen kann, weil man den gemeinsamen Boden der empirischen Tatsachen verlassen hat. Spätestens dann steht man vor der Wahl, entweder die Theorie fallenzulassen oder zur Hatz auf die „Ungläubigen“ zu blasen.

    Schlechte Theologie ist dies aus drei Gründen:

    Erstens bin ich gezwungen, die Annahme zielgerichteten göttlichen Eingriffs spätestens dann zurückzunehmen, wenn ich aufgrund weiterer Forschung ein konkretes Ereignis auf ein allgemeines Gesetz zurückführen kann, sodass sich die Annahme einer göttlichen Intervention erübrigt. MaW: Ich benutze Gott als Lückenbüßer nach dem Motto „Was ich nicht erklären kann, das hat der liebe Gott getan.“ Und schicke ihn nach Hause, wenn ich ihn dazu nicht mehr benötige. Ich würde sagen, das ist Blasphemie.

    Zweitens dränge ich Gott in die Rolle eines schlechten Ingenieurs, dessen Schöpfung nicht funktioniert, wenn er nicht ständig selbst nachhilft.

    Drittens berücksichtige ich zu wenig die Implikationen des Satzes, dass Gott den Menschen nach seinem Bilde geschaffen hat, also als autonomes, ihm als ein „Du“, als eigenständig gegenüberstehendes Wesen. Ich glaube, dass darin das Bild eines lebenspendenden Gottes zum Ausdruck kommt, der nicht nur den einzelnen Menschen als autonomes Wesen sieht, sondern auch die Schöpfung als Ganzes; der Freude an ihrem Eigensinn hat und an den Überraschungen, die sie sogar IHM bereitet, und für den das Universum eben nicht etwas Totes ist, das nur durch seine Marionettenspielerkunst am Leben gehalten wird. Was nicht bedeutet, dass er nicht ab und zu interveniert.

    Was den strukturellen Antisemitismus des Christentums angeht, so habe ich ihn in diesem Beitrag ausführlich dargestellt:

    http://korrektheiten.wordpress.com/2007/10/04/noch-ein-paar-gedanken-zu-christentum-islamophobie-antisemitismus/

    (Ich hoffe, es ist keine Zumutung, wenn ich Dich bitte, den nun auch noch zu lesen). Da dieser Antisemitismus das Neue Testament in seiner Grundkonzeption durchzieht, und nicht etwa nur an den besonders anstößigen Stellen, muss ich mich mit dessen Entstehungsgeschichte auseinandersetzen (es also historisch-kritisch lesen), wenn ich nicht in die Antisemitismusfalle tappen will.

    Was immer der Text der Apokalypse für einen menschenfreundlich und vernünftig denkenden Zeitgenossen hergibt, die „Sektenabteilung“ ist ziemlich groß, und zwar historisch wie aktuell. Ich halte auch diese „Sekten“ für wesentlich gefährlicher als die katholische Kirche.

    Die Apokalypse stellt eine psychologische Struktur bereit, die im kollektiven Unbewussten zumindest christlicher Gesellschaften abrufbar ist und dann in ganz anderen Zusammenhängen (kommunistischen, faschistischen) seine zerstörerische Wirkung entfaltet. Man muss das kritisch aufarbeiten, wenn diese Disposition dauerhaft im Zaum gehalten werden soll.

    Wenn christliche Radiosender in den USA irgendwelche Kämpfe im Irak als Vorspiel zu „Armageddon“ hochjazzen (und das nicht im übertragenen Sinne, schon gar nicht ironisch, sondern wörtlich), dann wäre es mir schon lieber, wenn Armageddon nie erwähnt worden wäre. Wer weiß, ob nicht irgendwann ein amerikanischer – oder auch russischer – Präsident auf die Idee kommt, Armageddon auszufechten. Momentan droht diese Gefahr allerdings eher vom iranischen Präsidenten, und ich glaube, dass dies auch damit zusammenhängt, dass der Islam, gerade auch der schiitische, ebenfalls seine apokalyptische Überlieferung hat.

    Ich habe, glaube ich, nicht alle Themen erschöpfend behandelt, pardon, aber doch das Wichtigste; jedenfalls muss ich jetzt Schluss machen.

  • Hach ja. Irgendwie ist das schriftlich sehr mühsam. Ich machs kurz.

    Ja klar, Wissenschaft kann nicht mit Gott argumentieren. Niemand will Gott als Lückenbüßer einsetzen oder als Platzhalter für noch nicht Erforschtes. Das ist doch keine Frage.

    Nun gleich zur ET. Selbstverständlich wollte ich keine Kritik daran aufbauen, indem ich normative Implikationen als Argument benutze, um die empirische Fehlerhaftigkeit nachzuweisen. Das wäre Unsinn. Ebensowenig kann man die Schöpfungsgeschichte als wissenschaftliche Theorie bezeichnen und sozusagen der ET gegenüberstellen.

    Für eine fundierte Kritik an der ET ist es überhaupt nicht erforderlich, irgendwelche Alternativen zu präsentieren. Ich bin dafür, in dieser Causa Gott und die Schöpfung völlig aus dem Spiel zu lassen. Sollte die ET den Fakten nicht gerecht werden und in sich unlogisch sein, dann müßte sie eben einfach fallengelassen werden, auch wenn es keinen Ersatz gibt. Die Fakten und die Wissenschaftlichkeit der ET möchte ich überhaupt nicht thematisieren – das führt zu nichts.

    „Da dieser Antisemitismus das Neue Testament in seiner Grundkonzeption durchzieht…“

    Ich glaube, wir sehen das Thema zu verschieden. Man könnte maximal aus den Texten ein Stereotyp „Juden gegen Juden“ ableiten, aber mehr nicht. Jesus (als Jude) hat die Pharisäer und Sadduzäer angegriffen, diese wiederum versuchten sich seiner zu entledigen. Wo ist der Antisemitismus?

    Alle Bücher des NT wurden von Juden geschrieben, bis auf zwei. Also ein Antisemitismus von Juden? Lukas berichtet einen Streit zwischen Petrus und Paulus – kann das als Antisemitismus bezeichnet werden? Beide waren ja Juden.

    Paulus (Jude) hat sich gegen bestimmte Verhaltensweisen von Judenchristen gewandt – gewaltfrei und konstruktiv. Finde ich nicht antisemitisch. Aber ich muß dann erst noch den betreffenden Artikel lesen. :)

    Ich vermute, es wird mir nicht möglich sein, den Bibeltext „historisch-kritisch“ zu lesen oder irgendeine andere Frage „wissenschaftlich“ zu betrachten. Beides hieße jeweils, die Dinge so zu sehen, als gäbe es keinerlei außerweltlichen (göttlichen) Einfluß. Die Bibel so zu lesen, als wäre sie ein Buch „über Gott“, dessen Existenz aber irrelevant ist, das gelingt mir nicht. Mir gelingt auch keine wissenschaftliche Argumentationsweise, ich gebe es zu. Ich könnte sogar so weit gehen, daß ich „Wissenschaft“ in weiten Teilen verachte…

    Menschen, die überzeugt sind, das Gott nicht existiert oder höchstens außerhalb des betrachteten Systems, müssen zwangsläufig zu völlig anderen Ergebnissen kommen als Menschen, die einen existierenden, handelnden Gott postulieren. Insofern haben es gläubige Wissenschaftler schon extrem schwer. Erstaunlicherweise soll ein hoher Prozentsatz renommierter Wissenschaftler die Existenz Gottes für plausibel halten.

    „Die Apokalypse stellt eine psychologische Struktur bereit, die im kollektiven Unbewussten zumindest christlicher Gesellschaften abrufbar ist und dann in ganz anderen Zusammenhängen (kommunistischen, faschistischen) seine zerstörerische Wirkung entfaltet.“

    Das ist richtig. Der protestantische Wertekodex z.B. stellte insgesamt eine Fundgrube an psychologischen und sozialen Strukturen bereit, die den Nationalsozialismus erst möglich und erst wirklich effektiv machten! Nur: muß man da den protestantischen Wertekodex infrage stellen oder die mißbrauchende Ideologie?? (Bei der Lektüre von „Echolot“ wieder erstaunt über die tiefverankerte Frömmigkeit der Wehrmachtssoldaten und -offiziere. Pervers, daß sie alle sich dermaßen verführen ließen.)

    Nun ja. Meine mangelnde Bildung und meine Unfähigkeit, Gott als Faktor aus den betrachteten Zusammenhängen auszuklammern, bedingen eine weitgehende Unfähigkeit zum Diskurs. Aber zumindest ist es anregend, hier zu lesen!

    P.S.: Hörte mal jemanden sagen, Religiosität sei der innerste Wesenskern eines Menschen. Trifft das zu?

  • Flash

    Jude gegen Jude bedeutet noch nicht, dass nicht von Antisemitismus die Rede sein kann. Auch in der Gegenwart gibt es genuegend Beispiele von Juden/Israelis, die dem Druck der Umwelt (im weitesten Sinn zu verstehen) nicht standhalten und sich selber antisemitischer Klischees bedienen. „The Oslo Syndrome“ von Kenneth Levin setzt sich mit dieser Thematik auseinander. Ich kann das Buch empfehlen…

    Die junge Kirche musste ein sehr grosses Interesse daran haben, sich mit den roemischen Machthabern so gut wie moeglich zu stellen. In den Berichten zur Kreuzigung ist daher rekonstruierbar, wie versucht wurde, die Verantwortung von den roemischen Buerokraten auf die Juden zu verschieben. Die Evangelien wurden auch zu einer Zeit niedergeschrieben, als Christ und Jude laengst nicht mehr zusammenfiel…

    Mein Eindruck ist nicht, dass Du zum Diskurs unfaehig waerst, ganz im Gegenteil! Ohne ein bisschen Uebung und staendiges Dazulernen geht es nicht, aber die Motivation dazu bringst Du offensichtlich mit und das ist schon mehr als die halbe Miete.

  • Die Gretchenfrage lautet also: Bezieht sich eine Gesellschaft auf die Ergebnisse des wissenschaftlichen Diskurses oder auf religiös begründete Dogmata?
    Hierzu möchte ich nur einwenden, dass es unmöglich ist ein logisches System zu errichten, welches nicht auf Axiomen beruht. Wer dies trotzdem versucht, diskutiert in Zirkelschlüssen, deren „zwingender“ Zusammenhang natürlich auch auf nicht herleitbaren Axiomen (Dogmen) beruht, nur das diese nicht namentlich genannt werden. Da dieses Nichtnennen ein notwendiges Mittel ist um den öffentlichen Diskurs bewusst zu manipulieren ist gerade dies eine Eigenschaft totalitärer Gedankensysteme.
    Ich persönlich glaube sogar, dass Gesellschaften die auf einem breiten Fundament von Dogmen aufbauen besser aufgestellt sind mit Problemen umzugehen, schon allein ob ihrer höheren Flexibilität. Der Imperativ eine Gesellschaft auf möglichst wenig Dogmen aufzubauen ist nur insofern sinnvoll als er zu abstrakteren und damit vielseitiger anwendbaren Dogmen führt, jedoch nicht Selbstzweck.
    PS: Die Gesellschaft mag sowohl aus Christentum als auch aus den rationalen Wissenschaften wertvolle Impulse erhalten, aber letztendlich verlieren beide, sowie sie mit Politik in Berührung kommen ihren Charakter und damit ihren Wert.
    So, ich hoffe hier im Archiv schaut noch ab und an jmd vorbei.

  • @Beer7:
    Du schreibst, die junge Kirche hätte ein Interesse daran gehabt, sich nicht mit den Römer anzulegen bzw. sich mit ihnen gutzustellen.
    Ehrlich gesagt kann ich das nicht nachvollziehen. Denn wie die Geschichte zeigt entzündeten sich die Christenverfolgungen vorallem an einer zentralen Glaubenaussage, nämlich dass Gott alleine anzubeten ist, und nicht etwa der Kaiser.
     
    D.h., wenn es der jungen Kirche wirklich darauf ankommen würde, möglichen Konflikten mit der römischen Obrigkeit aus dem Weg zu gehen, warum hat sie dann ausgerechnet diese, eigentliche Problem stehen lassen?
    Bitte korregier mich wenn ich falsch liege, aber es kommt mir so vor als ob du das Christentum als gezielt angelegtes Projekt siehst. Dann nur würde es einen Sinn ergeben, sich in politische Angelegenheiten einzumischen. Aber ich glaube nicht, dass es so gewesen ist. Jesus sprach nicht umsonst von sich als „Stein des Anstoßes“, oder dass er nicht den Frieden sondern das Schwert bringen würde.
     
    Ein geplanter „Kult“ sieht m.E. anders aus.

  • Das eine schließt doch das andere nicht aus: Natürlich wollte die junge  Kirche vom Staat möglichst in Ruhe gelassen werden und vertrat eine betont unpolitische Theologie. Dass die Kompromissbereitschaft gegenüber Rom nicht so weit gehen konnte, den Kaiser anzubeten – nun, das versteht sich doch von selbst.

  • Ich denke eher, die junge Kirche brauchte sich nicht betont unpolitisch zu präsentieren, weil sie (im Anfang zumind.) gar nicht politisch war. Weil Jesu Lehren nie politisch waren. Eher im Gegenteil. („Mein Reich ist nicht von dieser Welt“)
     
    Die Gründe für die Verfolgung der Christen liegen m.E. nur in dem einen zentralen Gebot, Gott und nicht den Kaiser anzubeten.
     
    Ich denke auch, den Römern war es eher egal, was die einzelnen Religionen im Detail predigten, solange nicht die Autorität des römischen Staates/Kaisers gefährdet war. Aber genau das war beim Christentum der Fall.
    Aber angenommen dies wäre nicht der Fall, und der einzige Streitpunkt wäre der christliche Vorwurf an die Römer, sie hätten den Christus gekreuzigt. Ich glaube nicht, dass dies die Römer ähnlich motiviert hätte. Es wäre eher eine Lappalie für sie.  Ich denke, die ersten Christen waren sich der kommenden Verfolgung sehr wohl bewusst.

  • Vielleicht habe ich es etwas umständlich formuliert, also auf ein Neues:
     
    Wenn die ersten Christen nicht bereit waren Rom so weit entgegenzukommen, warum dann überhaupt entgegenkommen?
     
    Nein, ich denke die ersten Christen waren was wir heute „Fanatiker“ nennen würden: Ihre Wahrheit war ihnen lieber wie das eigene Leben.

  • @Roman: vielleicht sollte man eine Trennlinie ziehen zwischen der Geschichte und der Gegenwart.

    Daß sich das Christentum von der verfolgten Sekte zur verfolgenden Kirche entwickelt hat, zumindest für einen bestimmten Abschnitt der Geschichte, ist unbestritten.

    Die Frage ist nur, sollen wir in der Gegenwart religiösen Extremisten aufgrund dieser Historie einen Freibrief ausstellen?

    Jedem Tierchen sein Plaisierchen?

    Jeder darf mal ran?

    .. und wer heutzutage die intolerantesten und gewalttätigsten Religionsfaschisten sind, ist ja wohl einfach zu beantworten….

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