Non veni pacem mittere sed gladium. (Mt 10,34)
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Wenn ehemalige NVA-Generäle ein Buch unter dem Titel „Ohne die Mauer hätte es Krieg gegeben“ unter die Leute bringen, dann erwartet niemand eine Sternstunde der Geschichtsschreibung. Man müsste schon sehr durch die kommunistische Brille sehen, um diese These der Herren Keßler und Streletz ohne kritische Einwände zu schlucken.

Es stimmt zwar, dass der Kalte Friede zwischen den Supermächten jahrzehntelang auf der gegenseitigen Anerkennung der jeweiligen Einflusssphären beruhte. Hart ausgedrückt: Er beruhte auf der Teilung Europas. Und es stimmt, dass die Instabilität der DDR gleichbedeutend war mit der Instabilität des gesamten internationalen Systems. Richtig ist aber eben auch, dass die DDR nur deshalb instabil war, weil sie ihren eigenen Bürgern nichts zu bieten hatte (jedenfalls nichts Positives), deshalb von ihnen abgelehnt wurde und zusammengebrochen wäre, wenn sie sie nicht eingesperrt hätte. Es gehört schon Einiges an selbstgerechter Borniertheit dazu, wenn führende DDR-Militärs es fertigbringen, diesen Sachverhalt noch 2011 auszublenden und die Mauer als Friedenswerk anzupreisen.

Ich hätte diese kuriose Mischung aus Stalinismus und Altersstarrsinn nicht weiter erwähnenswert gefunden, wenn nicht das Springer-Blatt BZ zu dem Vorgang die Schlagzeile gedichtet hätte:

Schand-Buch: Neues Buch verhöhnt Mauer-Opfer

Da werde ich nämlich empfindlich. Es ist eine Sache, die Thesen der Autoren mit den oben genannten (oder auch anderen) Argumenten abzulehnen. Eine ganz andere Sache ist es, sie als unmoralisch zu brandmarken. Was bedeutet denn das, zu schreiben, dass hier ein „Schand-Buch“ die „Opfer verhöhnt“? Das bedeutet, dass man den Verantwortlichen des Regimes, die schließlich öffentlich massiv kritisiert werden, geradezu einen Strick daraus dreht, dass sie es überhaupt wagen, sich öffentlich zu rechtfertigen und ihre Sicht der Dinge zu erläutern. Das ist aber ihr gutes Recht!

Es bedeutet sogar noch mehr: nämlich zu propagieren, dass die Meinungsfreiheit nur noch für Positionen gilt, durch die sich niemand „verhöhnt“ fühlen kann, schon gar kein „Opfer“; dass es nicht darauf ankommt, ob eine Meinung richtig oder falsch ist (was man durch den Gebrauch von Argumenten dokumentieren könnte), sondern ob sie aus der Sicht von (womöglich nur indirekt) Betroffenen überhaupt geäußert werden darf; dass der öffentliche Diskurs von Gefühlen gesteuert werden soll (die ihrerseits leicht steuerbar sind); dass bestimmte Positionen nicht toleriert werden sollen.

Solcher Journalismus sieht im Leser ein zu manipulierendes Opfer, und dies ist – in der Tat – eine Verhöhnung.

6 Antworten auf Schand-Blatt: BZ verhöhnt Meinungsfreiheit

  • Auch so mancher PI-politisch korrekte Blogger wird sicher in den Chor der Verhöhner der Meinungsfreiheit einstimmen, wenn er damit nur der „SED“ eins auswischen zu können glaubt.

  • Es gibt noch immer viele Ostdeutsche, die selbst in den besten Zeiten der Nachwende-BRD noch genug Gutes an der DDR gesehen hatten, bevor das Narrenschiff BRD anfing volle Fahrt auf die Klippen zu nehmen. Das sind beileibe nicht alles senile alte Staatsfunktionaere und Offiziere.

    Aber wenn die mal nicht mehr sind, dann wird erst richtig revisioniert werden. Dann wird man aus der DDR den wahren Kristallisationspunkt fuer die Nachwende-BRD machen, denn es wird niemand mehr uebrig sein, der noch weiss wie es wirklich war.

    Die „Linke“ hat alles, was an der DDR noch gut war in ihrem Programm verneint (Soziale Stabilitaet, volksdeutsche Solidaritaet, kulturelle Homogenitaet usw.) und sich ganz der Wiederverwirklichung all dessen verschrieben, weswegen die DDR gescheitert war.

  • In Peru wurde gerade ein neuer Präsident gewählt, der das Land in die als links geltende Chavez-Allianz hineinführen wird. Der Präsident wird abwechselnd als Linkspopulist und als nationalistischer Oberst bezeichnet. Gegen ihn stand als „Konservative“ die Tochter von Fujimori, die für globale Marktwirtschaft und Nähe zu den USA steht. Nicht nur der hier verschwundenen Mörderbiene wird es schwer fallen, jetzt darüber ein Klagelied anzustimmen.

  • Naja, Manfred, ich kann da nicht ganz beipflichten. Gerade du hast dich doch dezidiert gegen grenzenlosen Liberalismus ausgesprochen. Dieser Liberalismus kann ja alleine für sich kein tragfähiges Gesellschaftsfundament begründen. Es müssen (moralische Werte) vorhanden sein, die dem Liberalismus vorausgehen und durch diesen nicht begründbar sind.

    Deswegen ist es aus konservativer Sicht auch richtig und unerläßlich, moralisch zu bewerten. Daß nicht alles gleich und alle Haltungen gleichberechtigt sind, ergibt sich ja erst aus moralischen Werten, die ein grenzenloser Liberalismus aber nicht kennt.

    Und damit hat die BZ letztendlich recht, denn es ist im höchsten Maße unmoralisch, daß die 245 Mauertoten von den Autoren damit abgetan werden, daß es ja nur 0,014 Prozent der DDR-Bevökerung gewesen seien.

    Die Kategorie „Moral“ spielt für uns wie für die Gegenseite immer eine Rolle, nur daß eben zwei gegensätzliche Arten von Moral gibt, die nicht vereinbar sind.

    • Die Meinungsfreiheit hat einen anderen Stellenwert als andere Freiheiten.
      Sie ist sozusagen Mutter aller Freiheiten.
      Dies gilt besonders für Debatten über politische Pläne und Werte.
      Man kann in diesem Bereich für grenzenlose Freiheit sein, ohne deshalb einen „grenzenlosen Liberalismus“ anzustreben.
      Ein Kalkül, das eine Zahl von Toten gegen einen politischen Nutzen aufrechnet, ist auch nicht so verwerflich, wie manche Moralisten uns gerne glauben machen würden.
      Und selbst wenn es das wäre, beschränken die Moralisten, die mit solchen Keulen Debatten niederknüppeln wollen, nicht nur die Freiheit der Kontrahenten sondern auch meine Freiheit als Rezipient, und das lasse ich mir nicht gefallen.

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