Non veni pacem mittere sed gladium. (Mt 10,34)
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kleine-hartlage die liberaleEndlich ist es so weit: Mein neues Buch „Die liberale Gesellschaft und ihr Ende. Über den Selbstmord eines Systems“, das ich schon vor über zwei Jahren unter dem damaligen Arbeitstitel „Die Liquidierung der Zivilisation“ angekündigt hatte, wird in Kürze das Licht der Welt erblicken und kann ab jetzt vorbestellt werden (hier klicken!).

Es handelt sich um eine Fundamentalkritik jener Ideologie, die von den meisten Menschen in westlichen Gesellschaften als so selbstverständlich verinnerlicht worden ist, dass sie sie als Ideologie kaum mehr durchschauen. Aus der Einleitung:

So wird zum Beispiel kaum jemand, der über einigen Einfluß auf die öffentliche Meinung verfügt (und diesen behalten möchte), bezweifeln, daß die Aufklärung mitsamt den damit verbundenen Werten der individuellen Freiheit, der Emanzipation, der Toleranz, der Gleichheit und so weiter etwas unhinterfragbar Gutes sei. Die lange und große Tradition gegenaufklärerischen Denkens dürfte außer einer marginalisierten konservativen Rechten bloß noch Spezialisten für Philosophiegeschichte geläufig sein, und die wenigen Denker dieser Tradition, deren Namen wenigstens den Gebildeten noch etwas sagen (Carl Schmitt etwa), sind oft weniger Gegenstand einer ernstzunehmenden Kritik als einer niveaulosen, haßerfüllten Diffamierung.

Daß die Aufklärung durchaus ihre Schattenseiten hat; daß ihre Prämissen anfechtbar sind; daß Ideologien, die auf diesen anfechtbaren Prämissen basieren, die Existenz der ihr anhängenden Gesellschaft gefährden, sind Gedanken, die nicht verstanden werden können, solange eben diese Prämissen gedankenlos als Selbstverständlichkeiten verinnerlicht und als vermeintlicher Inbegriff des Wahren und Guten jeder Kritik so weit entrückt sind, daß der bloße Versuch, sie mit Argumenten zu kritisieren, den Kritiker zum Feind von Freiheit, Emanzipation und Toleranz stempelt, mit dem man demgemäß auf keinen Fall diskutieren darf.

Es liegt in der Natur der Sache, daß eine Gesellschaft, die eine falsche Ideologie verinnerlicht hat, stets aufs neue von unerwarteten Entwicklungen unangenehm überrascht wird – Entwicklungen wie denen, die ich in [meinen bisherigen] Büchern analysiert habe –, daß sie aber deren Ursachen nicht erkennen und adäquate Antworten nicht finden kann, sofern sich in diesen Entwicklungen die innere Logik eben der fehlerhaften Ideologie entfaltet, deren Prämissen sakrosankt sind.

Unter solchen Umständen muß es bei oberflächlicher Kritik und zaghafter, erfolgloser Symptombekämpfung bleiben, die sich obendrein lediglich auf die bereits offen zutage liegenden Probleme beschränkt, diese isoliert voneinander angeht und nicht zu verhindern vermag, daß immer neue verhängnisvolle Fehlentwicklungen eingeleitet werden.

Die Partikularinteressen verantwortungsloser Machteliten und Interessengruppen tragen das Ihre dazu bei, die Gesellschaft in einem Netz ideologischer Fehlannahmen gefangenzuhalten, die es ihr unmöglich machen, ihre eigene Situation zu erkennen. Es handelt sich dabei nicht etwa um ein zufälliges Sammelsurium von Irrtümern, sondern um ein in sich schlüssiges, durchdachtes und immer weiter ausgebautes System von Unwahrheiten, das für die Gesellschaft, die an sie glaubt, selbstzerstörerische Konsequenzen hat: um ein lückenlos geschlossenes, soziopathologisches Wahnsystem.

Es wird in diesem Buch darum gehen, die verborgenen Prämissen und Implikationen dieses Systems aufzudecken und die von ihm systematisch ausgeblendeten Wahrheiten zur Sprache zu bringen. Wir werden sehen, daß zu diesen mißachteten Wahrheiten nahezu alles gehört, was naturgemäß zur Aufrechterhaltung von Gesellschaft erforderlich ist, und daß diese Ideologie eben deshalb auf die Dauer nur zu deren Zerstörung führen kann.

Ich werde im Folgenden keine Zusammenfassung des Buches geben, nur anhand einiger Zitate den Argumentationsstil illustrieren. Natürlich in der Hoffnung, Euch damit Appetit auf das Buch zu machen:

Es wird allgemein angenommen, rationale Erkenntnis sei in jedem Fall die Grundlage erfolgreichen Handelns: So, wie man auf der Grundlage naturwissenschaftlicher Erkenntnis funktionierende Technik entwickeln könne, müssten auch im sozialen Bereich rational entwickelte ethische Prinzipien voraufklärerischen Normen überlegen sein. Voraufklärerische, religiös fundierte Ethik sei entbehrlich, weil man in Gestalt des Kategorischen Imperatives über ein universell gültiges Prinzip verfüge, dass das Zusammenleben unterschiedlichster Menschen zur allseitigen Zufriedenheit regeln könne.

Wie kompliziert die Verwirklichung dieses einfachen Prinzips sein kann, können wir uns an einem Extrembeispiel klarmachen, an dem eines Terroristen. Scheinbar ist der Terrorist – egal für welche Ideen er kämpft – von der Ethik des Kategorischen Imperativs so weit entfernt wie nur möglich. Er selbst freilich würde argumentieren, daß er schließlich für das Wohl der Menschheit kämpfe, das durch die gesellschaftlichen Verhältnisse (welche auch immer er konkret im Auge haben mag) beeinträchtigt werde. Würden alle Menschen, so spräche unser hypothetischer Terrorist, derselben Maxime folgen wie er und sich einem gedachten Gesetz unterwerfen, das zum Kampf gegen diese Verhältnisse verpflichtet, so wären Glück und Wohl der Menschheit gesichert. Er wäre also durchaus der Ansicht, im Sinne des Kategorischen Imperativs zu handeln und könnte sogar darauf verweisen, daß sein Handeln besonders selbstlos sei, da er selber ja ebensogut seinen Privatvergnügungen frönen könnte, statt sich für das Wohl einer Menschheit zu opfern, die dieses Opfer unverständlicherweise gar nicht zu schätzen wisse.

Die Logik einer solchen Argumentation ist hieb- und stichfest. Offenbar genügt es für das Funktionieren der Gesellschaft nicht, daß die meisten – im Idealfall alle – ihrer Mitglieder sich in einem abstrakten Sinne am Kategorischen Imperativ orientieren; dies tut der Terrorist unter Umständen ebenso wie der ihn verfolgende Polizeibeamte. Vielmehr bedarf es auch noch eines zumindest grundlegenden Konsenses darüber, wie die allgemeinen Gesetze beschaffen sein sollten, als deren Grundlage die Maxime des eigenen Handelns dienen kann. Der Imperativ setzt diesen Konsens voraus. Er sagt nichts darüber aus, wie er zustande kommt oder gestiftet werden kann.

(…)

Es hilft nichts, den daraus resultierenden Problemen dadurch ausweichen zu wollen, daß man einen menschheitsweiten Konsens einfach als gegeben unterstellt. Kulturen sind nicht nur, aber auch nicht zuletzt, Konsensgemeinschaften, die unter jeweils konkreten und unwiederholbaren Voraussetzungen historisch gewachsen sind und einer je spezifischen inneren Logik folgen. Eine multikulturelle Gesellschaft ist daher per definitionem eine, in der die Orientierung am Kategorischen Imperativ, sofern er abstrakt gedacht wird, unter Umständen nicht geeignet ist, das elementare Problem menschlichen Zusammenlebens zu lösen. Dies wird nämlich vor allem dann nicht gelingen, wenn die Gerechtigkeits-, Wahrheits- und Moralvorstellungen der verschiedenen Kulturen, die in ein und demselben Land eine Gesellschaft bilden sollen, miteinander unvereinbar sind.

Es wird allgemein angenommen, eine freiheitliche Gesellschaft werde vor allem von ihren Gegnern bedroht, also zum Beispiel von Nazis, Kommunisten oder Islamisten – woraus ein Geschichtsbild resultiert, wonach der Nationalsozialismus hätte verhindert und die Demokratie gerettet werden können, wenn man nur beizeiten genug linke Ideologie unter die Leute gebracht hätte; weswegen es nun darauf ankomme, irgendwelchen „Anfängen zu wehren“. Dass die liberale Gesellschaft selbst jene Probleme ausbrütet, die dann nach totalitären „Lösungen“ schreien, kann kaum gedacht werden, obwohl es auf der Hand liegt:

Zu Beginn der dreißiger Jahre gab es in Deutschland kaum einen Beobachter des Zeitgeschehens, der der liberalen Demokratie noch eine Chance einräumte, und dies galt selbst für ihre Anhänger. Die Politik stellte sich zunehmend als Wettlauf von Kommunisten und Nationalsozialisten, also von totalitären Gegenentwürfen, um die Macht dar, und ich halte es für wahrscheinlich, daß dies den Zeitgenossen deshalb so erschien, weil es nichttotalitäre Lösungen für die tiefe Gesellschaftskrise damals in der Tat objektiv nicht mehr geben konnte. Von einem gewissen Grad der Gesellschaftszersetzung an gewinnen zentrifugale Kräfte derart das Übergewicht über die zentripetalen, die die Gesellschaft zusammenhalten, daß die Gesellschaft nur noch durch die Gewalt eines nicht nur autoritären, sondern totalitären Staates rekonstituiert werden kann; eines Staates also, der die Menschen nicht nur dazu zwingt, zu tun, sondern zu wollen, was sie sollen.

Niemand sollte sich einbilden, unsere eigene Gesellschaft sei vor solcher Instabilität gefeit; insbesondere sollte man sich bewußt sein, daß eine freiheitliche Ordnung auf einem äußerst fragilen Gleichgewicht von Freiheit und Bindung, Rechten und Pflichten, Dynamik und Stabilität beruht; daß die Entscheidung für Freiheit, Rechte und Dynamik in jedem Einzelfall notwendig die Entscheidung gegen die komplementären Bindungen, Pflichten und Stabilitätsfaktoren impliziert. Politische Kräfte, die aus ideologischem Prinzip die stabilisierenden Strukturen unter Beschuß nehmen, führen, wenn ein bestimmter „point of no return“ einmal überschritten ist, genau jene totalitäre Repression herbei, der sie selbst am Ende zum Opfer fallen werden, sofern sie dann nicht auf der Siegerseite sind.

(…)

Die totalitären – kommunistischen, faschistischen, heutzutage zunehmend auch islamischen – Gegenentwürfe zur liberalen Moderne sind nicht zuletzt Antworten auf ein von dieser selbst erzeugtes existentielles Problem. Sie sind der Versuch, einen neuen Konsens zu stiften, wo der alte zerstört worden ist. Ein Antikommunismus, ein Antifaschismus, eine Islamfeindlichkeit, die diesen Sachverhalt ignorieren und die totalitäre Herausforderung als etwas auffassen, was bloß von außen an die liberale Gesellschaft herangetragen wird und notfalls mit Gewalt zu bekämpfen ist, verkennen, wie sehr die liberale Moderne selbst solche Gegenentwürfe herausfordert, womöglich sogar ihre Verwirklichung unvermeidlich macht. Die in diesen Entwürfen enthaltene Kritik nicht ernst zu nehmen, sondern als vermeintlich „böse“ zu denunzieren, ist ein Fehler, der den Sieg des Totalitären gerade nicht aufhält, sondern beschleunigt.

Viele Menschen glauben, staatliche Politik sei dazu da, die Gesellschaft zu gestalten:

Die Vorstellung, daß die Gesamtheit der sozialen Beziehungen Gegenstand politischer Planung sein könne, daß es also Aufgabe der Politik sei, die Gesellschaft zu gestalten, ist historisch neu und hätte kaum jemandem in den Sinn kommen können, wenn die Aufklärung nicht diese Beziehungen und deren Struktur auf ihr Warum und Wozu befragt hätte und weiterhin befragte. Wenn die soziale Ordnung nicht etwas schlechthin Gegebenes, sondern etwas von Menschen Gemachtes ist, ist in der Tat auf den ersten Blick nicht erkennbar, warum dieses Gemachte nicht auch von Menschen geändert werden sollte und könnte. Auf den zweiten Blick freilich erweist sich diese Idee als naiv:

Soziale Ordnungen sind nämlich normalerweise nicht in dem Sinne „gemacht“, daß sie einem bewußt konzipierten Masterplan folgen würden. Sie entstehen und entwickeln sich durch unzählige soziale Wechselwirkungen über lange Zeiträume hinweg, und sie bleiben bestehen, solange sie sich bewähren und ihre Integrität bewahren, wobei sie sich durchaus an veränderte Bedingungen anpassen können. Den großen Strippenzieher und Gesellschaftsingenieur gab es nie, und wer sich in dieser Funktion versuchte, wie etwa die kommunistischen Revolutionäre, mußte stets feststellen, daß sich unerwartete, weil in der Theorie nicht vorgesehene Rückwirkungen einstellten, die dazu führten, daß die Gesellschaft ganz anders funktionierte, als der vermeintliche Ingenieur vorausgesehen hatte, und die seine Theorien ad absurdum führten.

Der Irrtum solcher selbsternannter Gesellschaftsingenieure lag darin, daß sie sich mit Gott verwechselten, an den sie meistens nicht glaubten, dessen Stelle sie aber eben deshalb für sich beanspruchen zu dürfen meinten. Die Gesellschaft funktioniert nicht mechanisch, sondern organisch, weswegen es wohl möglich ist, Krankheiten zu diagnostizieren, nicht aber, eine Gesellschaft neu zu erfinden. Die Gesellschaft auf dem Reißbrett zu entwerfen gleicht dem Versuch, durch künstliche Synthese eines DNS-Strangs einen lebensfähigen Organismus zu erzeugen; und auch der nur scheinbar umgekehrte Weg, Teile der vorhandenen kulturellen DNS willkürlich herauszuschneiden, weil ihre Funktion latent und nicht auf den ersten Blick erkennbar ist, und weil sie der Verwirklichung eines abstrakten Gesellschaftsideals hemmend im Wege stehen, basiert bestenfalls auf einer drastischen Überschätzung soziologischer Erkenntnisfähigkeit, häufiger freilich auf dem bloßen Ignorieren der Tatsache, daß es hier überhaupt etwas zu erkennen gibt.

Nachdem ich in diesem Stil im ersten von drei Hauptkapiteln die prinzipiellen Schwachstellen des aufklärerischen Paradigmas aufs Korn genommen habe, widmet sich Kapitel II den Ideologien des Liberalismus und Marxismus, in denen dieses Paradigma sich konkretisiert und zu einer Metaideologie verdichtet:

Sie definieren, was überhaupt ideologiefähig ist: worüber in westlichen Gesellschaften sinnvoll gestritten werden kann und worüber nicht; was als normal und vernünftig gelten kann und was als exzentrisch oder verwerflich aus dem als seriös geltenden öffentlichen Diskurs ausgeschlossen ist; für welche Ideen man demgemäß mit Aussicht auf Erfolg werben kann und für welche nicht.

Dies bedeutet nicht, daß Marxismus und Liberalismus einfach dieselbe Ideologie seien, wohl aber, daß sie das politische Spektrum definieren: Positionen, die mit dem Paradigma der gemeinsamen Metaideologie unvereinbar sind, sind von vornherein gesellschaftlich marginal. Was zwischen Marxismus und Liberalismus nicht umstritten sein kann, ist Konsens.

Das hat Konsequenzen: Die problematischen Seiten der Aufklärung entfalten sich eben nicht nur im Marxismus (wie ich in „Warum ich kein Linker mehr bin“ ausführlich gezeigt habe), sondern auch im Liberalismus, der, genau wie sein marxistisches Gegenstück, wegen der Irrealität seiner Prämissen mit geradezu physikalischer Zwangsläufigkeit Konsequenzen hervorbringt, die eben diese Prämissen ad absurdum führen. Zum Beispiel im Zusammenhang mit Masseneinwanderung:

Das liberale Gedankenmodell würde ganz hervorragend in einer Welt funktionieren, die nur aus Liberalen bestünde – aber eben nur in einer solchen. Das weltfremde Ignorieren tatsächlich vorhandener Erwartungsstrukturen und tatsächlicher sozialer Voraussetzungen für eine liberale Ordnung hat desaströse Folgen nicht nur für die Völker, die einer liberalen Ideologie folgen, sondern auch für den Liberalismus selbst:

Wenn man nämlich nicht wahrnehmen und nicht wahrhaben kann, daß die liberale Ordnung alles andere als natürlich ist, vielmehr nur unter bestimmten kulturellen Voraussetzungen entstehen konnte und sich behaupten kann, wenn man also nicht zugeben kann, daß ein Minimum an kultureller Homogenität zu den Existenzbedingungen einer solchen Ordnung gehört, weil man sonst die Prämissen der eigenen Ideologie hinterfragen müßte, dann ist man nicht allein genötigt, mehr oder minder seufzend die immer weiter reichenden Eingriffe abzunicken, die der Staat bereits zur Bekämpfung von immigrationsbedingt ansteigender Kriminalität, Korruption und Terrorismus vornehmen muß.

Wenn man ideologiebedingt blind für den Sachverhalt sein muß, daß ethnische Spannungen – von alltäglicher Gewalt im Normal- bis hin zu Pogrom und Bürgerkrieg im Extremfall – in allen multiethnischen und multikulturellen Gesellschaften an der Tagesordnung sind, dann kann man in solchen Spannungen nicht die zwangsläufig eintretende Konsequenz einer Politik der forcierten Masseneinwanderung sehen, die sie tatsächlich sind, sondern muß sie auf die „Intoleranz“ der Einheimischen zurückführen, auf ihren „Rassismus“, ihre „Fremdenfeindlichkeit“.

Daß es sich dabei um ganz normale und sogar unvermeidliche menschliche Reaktionen auf eine ideologisch motivierte Überforderung handeln könnte, darf schon deshalb nicht gesehen werden, weil damit der Liberalismus im Sinne einer zu verwirklichenden Utopie in Frage gestellt würde. Es könnte womöglich jemand auf die Idee kommen, daß es eine nur aus Liberalen bestehende Gesellschaft gar nicht geben kann. Es könnte jemand glauben, daß die „Freiheit“ des Liberalismus womöglich ausschließlich in dem Recht bestehen könnte, ein Liberaler (oder schlimmstenfalls ein Linker) zu sein – so wie auch jede andere Ideologie ihren eigenen Anhängern ein Höchstmaß an Entfaltung erlaubt. Es könnte sich jemand daran erinnern, daß die segensreichen Wirkungen einer freien Marktwirtschaft sich auch im Gedankenmodell stets nur ceteris paribus (d.h. unter sonst gleichbleibenden Umständen) einstellen, daß aber Massenmigration eben diese Umstände verändert und der Gewinn an ökonomischer Effizienz entweder gar nicht erst erzielt oder mit Freiheitsverlusten an anderer Stelle bezahlt wird.

Wenn man in solcher Weise mit den Konsequenzen der eigenen Oberflächlichkeit, Weltfremdheit und Verbohrtheit konfrontiert wird, sucht man verständlicherweise nach einem Sündenbock und findet ihn in den eigenen Mitbürgern, den intoleranten, die eben dadurch, daß sie das sind, das Recht auf Toleranz verwirkt haben. Der „Kampf gegen Rechts“, gegen „Rassismus und Fremdenfeindlichkeit“, der von der gesamten politischen Klasse geführt wird, also nicht nur von den Liberalen, sondern auch den Linken und den (Schein-)Konservativen, zielt nur oberflächlich und nur sekundär auf Rechtsextremisten. Er zielt auf die moralische Einschüchterung der Mehrheit, die ihre eigenen natürlichen Gefühle als etwas „Böses“ verdammen soll, damit sie sich auch weiterhin für den ideologisch motivierten gigantischen Menschenversuch „Massenmigration“ als Versuchskaninchen hergibt.

Nachdem ich also in Kapitel II gezeigt habe, wie und warum die herrschende Metaideologie zunehmend totalitär werden, ihre emanzipatorischen Prämissen zwangsläufig Lügen strafen und die Gesellschaft zerstören muss, verlasse ich in Kapitel III die reine Ideologiekritik und frage nach dem Wie, dem Warum und vor allem dem Wer.

Daß eine Ideologie leidenschaftliche Anhänger hat, ist eine Sache; daß diese Anhänger in der Politik und in den Zentren der gesellschaftlichen Ideologieproduktion nahezu ausschließlich das Sagen haben, ist eine ganz andere – zumal es sich um eine Ideologie handelt, deren Prämissen, wie wir gesehen haben, von den meisten Menschen unwillkürlich abgelehnt werden, die also die Wahrscheinlichkeit, Menschen zu überzeugen, gegen sich hat.

(…) Ein solcher Zustand wäre letztlich dennoch undenkbar, wenn nicht wohletablierte, mächtige Akteure ein Interesse daran hätten, daß es so ist – denn es wäre wohl doch zu blauäugig, auch in diesen Akteuren lediglich irregeleitete Idealisten zu vermuten. Wer sind diese Akteure, und warum korrespondieren ihre Interessen mit der Metaideologie? In welchen Zustand gerät eine Gesellschaft, die der Metaideologie folgt, und wer zieht daraus Nutzen?

Ich lege dar, wie die angeblich emanzipatorischen Prozesse von Entstrukturierung und Entdifferenzierung dazu dienen, neue Machtstrukturen aufzubauen und zu legitimieren. Der systematische Angriff auf Strukturen wie Nation, Familie, Staat, Recht und Religion dient – entgegen den emanzipatorischen Postulaten – vor allem dazu, das machtbegrenzende Element dieser Strukturen zu beseitigen, um neuen, unkontrollierbaren Herrschaftsformen den Weg zu ebnen. Dabei bilden die einschlägigen Interessengruppen informelle Kartelle:

Die Interessengruppen, die hierbei eine Rolle spielen, überlappen sich vielfach personell, was die Kartellbildung erleichtert. Ohne Anspruch auf Vollständigkeit lassen sich folgende Gruppen identifizieren:

  • die international vernetzte politische Klasse mit ihrem Kollektivinteresse, sich von demokratischer Kontrolle zu befreien und dem individuellen Karriereinteresse ihrer Mitglieder, das sie auf ideologische und machtpolitische Konformität festlegt;

  • die politische Linke, getrieben von ideologischen Zielen und Machtinteressen;

  • ethnisch-religiöse Minderheiten und deren oft selbsternannte Interessenvertreter;

  • gesellschaftliche Randgruppen mit hoher ideologischer Durchsetzungsmacht, etwa die Homosexuellenlobby;

  • sekundäre Interessengruppen, etwa die Angehörigen der Sozial-, Integrations- und Ideologieindustrie, die mit der Verwaltung, Deutung und Beschönigung der Probleme betraut sind, die durch die Politik der systematischen Entstrukturierung entstehen, allein deshalb schon ein Interesse an deren Fortbestand haben und obendrein von der Unterstützung insbesondere durch die Politik abhängig sind;

  • und schließlich „das Großkapital“, genauer die Letzteigentümer der miteinander verflochtenen internationalen Großkonzerne, eine relativ kleine Schicht von Multimilliardären, von denen einige aktiv, speziell über die von Ihnen kontrollierten Stiftungen, an der gesellschaftlichen Durchsetzung von Ideologien und Politiken arbeiten, die einem ungehemmten Globalkapitalismus förderlich sind.

Diese letztere Interessengruppe ist diejenige, die ihre Ziele voraussichtlich durchsetzen wird, sofern die Politik der Entstrukturierung fortgesetzt wird.

Und weiter unten:

Es handelt sich bei ihnen um ein heterogenes Kartell von – insbesondere politischen, ideologischen, sozialen, ökonomischen und ethnischen – Interessengruppen, die aus verschiedenen Gründen ein Interesse an der Dominanz der Metaideologie und an der Fortführung der von ihr postulierten Destruktions- und Entstrukturierungsprozesse haben. Daß die Ziele dieser Gruppen einander auf den ersten Blick teilweise widersprechen, hindert sie nicht an der Kartellbildung, weil sie alle dieselben Angriffsobjekte aufs Korn nehmen und in Positionen sind, in denen sie sich gegenseitig Rückendeckung geben.

So, nun habe ich Euch aber wirklich genug verraten. Das Buch kann hier vorbestellt werden (klicken!) und wird nach Erscheinen umgehend ausgeliefert. Viel Spaß beim Lesen!

40 Antworten auf Mein neues Buch: „Die liberale Gesellschaft und ihr Ende“

  • Das liest ja beim ersten Überfliegen recht vielversprechend, werde in einem späteren Kommentar noch ausführlicher dazu Stellung beziehen.
    Sozusagen vorab sei angemerkt, dass der Argumentationsstil (oder sagt man: Duktus?) bekannt ist („typisch MKH“): etwas atemlos, eloquent, und nicht ganz frei von Jargon (der Politik“wissenschafter“ Soziologe, eine inhärent marxistische Domäne, lässt sich nicht ganz verleugnen).
    Zur ausführlicheren Auseinandersetzung mit dem ‚idelogischen Überbau‘ des „Liberalismus“ (da haben wir ihn schon, den Jargon) ist die Lektüre des Buches erforderlich. Der harte ökonomische Unterbau jedoch, also die unerbittliche ’normative Kraft des Faktischen‘ ist schnell erzählt:

    Um -in der gottlosen Ära nach Jahrhunderten expliziten Heilsversprechens (post-1789)- sich die Unterstützung der Bevölkerung zu sichern musstem sich die Protagonisten des Establishments etwas einfallen lassen. Nachdem die letzten Vertreter des „ancien regime“, nämlich der europäische Hoch- bzw. Titularadel nach 1918 aus den realen Machtpositionen verdrängt worden war mussten neue Klientel in den politischen Prozess einbezogen (angefixt) und alimentiert werden: Arbeiter und -vor allem- Frauen. Dazu wurden nun diverse Fässer aufgemacht bzw. Kettenbriefsysteme eingerichtet: staatlich-gesetzliche Kranken-, Renten- und sonstige Sozialversicherungen; „öffentliche“ (d.h. staatliche) Infrastrukturinvestitionen; staatliche Bildung(smonopolisierung); sowie globale, flächendeckende Einführung von Papiergeld-Notenbanken.
    Diese Maßnahmen und Einrichtungen führen zunächst zu steigendem Massenwohlstand (auch wenn vielfältige Kollateralschäden nicht ausbleiben). Im strukturellen Denken eher unbegabte Menschen sprechen vom „Kondratieff-Frühling“. Die im „ancien regime“ erarbeiten Erkenntnisse von Wenger, Mises, Wicksell et al. gelten nichts mehr, (auch) in der Ökonomie wird der klassische Liberalismus von einem konstruktivistischem Sozialismus abgelöst.

    Der weitere Gang der Geschichte ist bekannt: es werden immer neue Kettenbriefsysteme eingerichtet, existierende werden verbreitert und vertieft; kein Bereich der Gesellschaft wird verschont, und sie werden in jeden Erdenwinkel exportiert. Das Einschmelzen in immer gigantischere Strukturen soll kaschieren, dass all diese Institutionen nicht nur strukturell, sondern bald auch faktisch pleite sind („Kondratieff- Sommer“). Alle Entwicklungen -Kriege, „Globalisierung“, Politik- sind in diesem Lichte zu sehen: wie kann das [per se unhaltbare] System am Laufen gehalten werden?

    Schließlich geht die unerbittliche Mathematik ihren Gang: die ungedeckten Wechsel werden zunehmend eingereicht. Das System muss nun zur offenen Repression (die direkte Lüge ist ein Teil davon) greifen, um wenigstens sich selbst am Leben zu erhalten („Kondratieff- Herbst“). Oder, wie es im Englischen so schön heißt: „the chickens coming home to roost“! Endlich können alle Finanz- und Buchungstricks nicht verhindern, dass die Schneeballsysteme zusammenbrechen: kein afrikanisches Ökonomiewunder, nicht die neueste Fracking-Technologie oder das exotischste Finanzderivat, keine noch so absurden (Rechnungslegungs-) Vorschriften können den Verfall aufhalten. Die Armut wird allgemein und endemisch, die Lebenserwartung sinkt rapide („Kondratieff- Winter“).
    Und dann? Dann beginnt ein neues Spiel, und wir wissen heute noch nicht, was es für eines sein wird.
    Aktuell befinden wir uns im Kondratieff-Herbst, und wir müssen uns noch viele schmutzige Tricks der Machthaber und ihrer Kalfaktoren gewärtigen, die alle den unausweichlichen Niedergang und letztlich Zusammenbruch doch nur verzögern, aber nicht aufhalten können.

  • Als in religiösen Fragen eher konservativer, aber politisch Liberaler- so dachte ich wenigstens- möchte ich mich hier dagegen verwahren, mit Linken in einen Topf geworfen zu werden. Was zum Teufel ist am derzeitigen System liberal? Wie kommt man dazu, es sei eine liberale Position, dass es Aufgabe des Staates sei, die Gesellschaft zu gestalten? Das Gegenteil ist der Fall: der Staat hat sich möglichst zurückzuhalten und sich nicht in die Privatangelegenheiten der Bürger einzumischen. Es existiert doch vielmehr eine Ähnlichkeit zwischen Rechten und Linken, nämlich die kollektivistische Staatsgläubigkeit. Was das angeht, sind die sich seit dem Sündenfall der französischen Revolution einig, darin nationale Interessen, Klassenbewusstsein oder sonstige Chimären von Gemeinwohl aufzubauen, um in die NATÜRLICHEN Freiheiten und Rechte des Einzelnen eingreifen zu können.

    • Die Antwort, sofern Sie an der wirklich interessiert sind, finden Sie in meinem Buch. 😉

      • Interessiert bin ich offensichtlich, sonst hätte ich mir wohl kaum die Mühe gemacht, nach häufigem Mitlesen hier einen Kommentar abzugeben. Ich möchte nur wissen, ob Sie auf dem Pappkameraden einschlagen, den sich Rechte wie Linke, und an dem- zugegeben- der eigentlich illiberale Großkapitalismus, als dessen Marionette der vorgebliche Liberalismus mitgebastelt hat, einschlagen, oder ob Sie sich mit dem beschäftigen, was eigentlich Liberalismus ist. Der also, der auf den vorstaatlichen Prinzipien Eigentum, Subsidiarität und Privatautonomie aufbauende, die höchstens durch vorstaatliche überpositive (=naturrechtliche) Prinzipien eingeschränkt werden können, nicht durch abstrakte, akkumulierte Interessen.

        • Diese Debatte habe ich ungefähr dreitausend Mal geführt. Ich beschäftige mich damit, was dabei herauskommt, wenn man abstrakte Rechte und Normen an den Anfang seiner Überlegungen stellt, um daraus dann zu deduzieren. Mir ist wohlbekannt, dass es viele ehrenwerte Liberale gibt, die die absurden Konsequenzen nicht mitzumachen bereit sind. Das macht die Prämissen aber nicht richtiger.

  • Ich glaube, die ceteris paribus-„Formel“ ist in der Tat von entscheidender Bedeutung. Vor einiger Zeit ist mir genau das in den Sinn gekommen, als wir in einer VWL-Vorlesung einen Artikel über Migration aus dem „Economist“ vorgelegt bekamen. In diesem beschrieb der Autor zuerst wie produktiv doch ein ungelernter Drittweltler in einem westlichen Industrieland mit all seiner guten Infrastruktur und seinen Institutionen sein könnte. Kurz danach dann schreibt er von einer Studie nach welcher das globale BIP um 30% steigen könnte, wenn die halbe Arbeiterschaft der gesamten dritten Welt (!) in die reichen Länder verlegt würde. Das eine mit dem anderen zu verknüpfen und kurz nachzudenken, also das eigentlich Naheliegende, scheint ihm nicht in den Sinn gekommen zu sein.

    Das Buch von/über Fjordman in Ihrem Netzladen lässt sich übrigens nicht in den Warenkorb legen, ist es vielleicht ausverkauft?

  • Ich werde mir die Vorschau nicht durchlesen. Schließlich will ich mir die Spannung nicht verderben, da ich das Buch schon bestellt habe. Ich gehe aber mal davon aus, dass ich hier ebenso, wie bei Manfreds anderen Büchern auf genau durchdachte Analysen treffen werde. Schade, dass MK-Hs Bücher von der Presse totgeschwiegen werden. Keine Rezension, kein Veriss (ansonsten macht sich der Rezensent lächerlich, und die Chefredakteure von GEZ, FAZ, Welt, WAZ & Co. wissen das), keine kritische Analyse (aus Angst, dass man auf empirisch belegbare der vorherrschenden Ideologie widersprechende Tatsachen stößt). Da bleibt wirklich nur noch das Intenet.

  • Lieber Herr Kleine-Hartlage,

    so sehr ich ja Ihren Analysen im allgemeinen zustimme, kann ich doch in einem Punkt nicht zustimmen, nämlich in Ihrer Interpretation des Kategorischen Imperativs. Wer auch nur ansatzweise begriffen hat, worum es bei dem KI geht, dem muss eigentlich klar sein, dass ein Terrorist sich nicht in der von Ihnen skizzierten Weise auf den KI berufen kann. Vielmehr ergibt sich aus dem KI eindeutig, dass das Handeln eines Terroristen moralisch und rechtlich unzulässig ist.

    Beim Kategorischen Imperativ geht es gerade darum, zu prüfen, ob eine Handlung, mit der persönliche Vorteile oder Vorteile für andere (z.B. „Glück und Wohl der Menschheit“) realisiert werden sollen, moralisch vertretbar sind oder nicht. Kant ist gerade derjenige, der die Ethik von der Ausrichtung auf „Glück“ und „Wohl“ radikaler abgetrennt hat als alle seine Nachfolger und Vorgänger und der damit das denkbar beste Antidot gegen jede Form von Menschheitsbeglückung bildet, das man sich denken kann.

    Konkret sähe die Anwendung auf den Terroristen-Fall so aus, dass man sich fragen müsste, ob die Maxime: „Um das Glück und Wohl der Menschheit herzustellen, will ich töten, wenn es mir dazu zielführend erscheint“ den Test des KI gerade nicht besteht. Die Maxime erweist sich nämlich als selbstwidersprüchlich insofern, als der Terrorist um überhaupt handeln zu können das Recht in Anspruch nehmen muss, selbst nicht getötet werden zu dürfen. Genau dieses Recht spricht er anderen aber durch seine Maxime ab. Folglich ist die Maxime selbstwidersprüchlich und damit irrational im Sinn von Kants Begriff der reinen praktischen Vernunft.

    Ich würde vor dem Hintergrund beinahe vorschlagen, die Passagen zum KI aus dem Buch zu streichen, wenn das noch möglich ist. In der Form ist das, was Sie geschrieben haben, nämlich so evident falsch, dass Sie das Buch wirklich ausgesprochen angreifbar machen.

    • Ich fürchte, Ihre Argumentation wird den Terroristen so wenig überzeugen wie den Moslem, der der Meinung ist, die islamischen Maximen, denen er folgt, sollten sehr wohl als Grundlage der allgemeinen Gesetzgebung dienen, und deshalb sei ein Ungläubiger, der ihnen zuwiderhandelt, so etwas wie ein Krimineller, weswegen man diesen (unter bestimmten Voraussetzungen) auch töten dürfe, ohne damit selbst das Recht auf Leben zu verwirken. Nicht anders wird übrigens der Polizeibeamte argumentieren. Im Übrigen ist mein Manuskript unter anderem auch von einem Professor für Philosophie gegegelesen worden, der einen solchen Schnitzer, wenn er denn einer wäre, zweifellos beanstandet hätte.

  • Sie haben offenbar einen guten Richer, Herr Kleine-Hartlage. Die National-Zeitung hat diese Woche einen entsprechenden Beitrag zu den Unruhen in der Türkei. Komm leider gerade nicht an meine Druckausgabe ran, sonst könnte ich etwas dazu schreiben. Die Welnetzeitung der NZ könnt ihr leicht finden, z.b. gugeln.

  • Ein Beispiel liberaler Denklogik und der ganze Irrtum in dieser, habe ich mal ganz hautnah innerhalb einer neu gegründeten Partei erlebt. Es war „Die Freiheit“.

    Vorgeschichte war das (nicht für mich) umstrittene Islam-Thesenpapier von Michael Stürzenberger! Dagegen lief ein einflussreicher Teil des liberalen Partei-Flügels Sturm, wegen Angst vor Verfassungsfeindlichkeit, Volksverhetzung und überhaupt war es wohl nicht so lieb. Im weiteren Verlauf traten mehrere „Liberale“ aus…

    Im Streitgespräch gipfelte die liberale Denke dann wie folgt: „Eher nehme ich Mineratte um den Kölner Dom in Kauf, als meine liberale Position zu verlassen und die Thesen von Stürzenberger zu billigen!“

    Auf meine Frage, ob denn nicht was an der liberalen Position grundsätzlich falsch sein müsste, wenn am Ende lieber Minarette um den Dom stehen, anstatt ganz klare Forderungen gegenüber Islam-Vereine und Muslime zu stellen, in deren Fortlauf eines demokratischen Gesellschaftsprozesses bei nicht Erfüllung auch Verbot oder gar Ausweisung steht, konnte nur entgegnet werden, nein wir müssen das liberal lösen…

    Spätestens zu diesem Zeitpunkt wusste ich, der Feind sitzt tatsächlich im Inneren und weiß noch nicht mal das er selber der größter Feind ist!

    Gruß WSD

    P.S. Buch wird bestellt!

    P.P.S. Übrigens wurde von der Staatsanwaltschaft München kürzlich befunden, dass das Islam-Thesenpapier nicht Verfassungsfeindlich ist bzw. einen Tatbestand der Volksverhetzung nicht erfüllen würde! http://www.pi-news.net/2013/05/staatsanwaltschaft-munchen-keine-volksverhetzung-durch-islam-thesenpapier/

  • Man kann ja immer Thesen widerlegen

    Was mich aber viel mehr interessiert: Was wird als Alternative zum Liberalismus angeboten?

    Was hat diese Alternative den Menschen zu bieten?.

    • Evtl. ist ja auch einfach keine Ideologie niemals richtig!

      Und das Problem dabei ist nicht, das es Ideologien gibt, sondern der Staat ideologisch handelt!

      Viele labern immer von einem säkularen Staat, betrachten es aber immer nur in Richtung Religion aber leider fast nie in Richtung Ideologie!

      Noch viel schlimmer ist, wenn ideologisch verblendete Menschen, sich gar weigern anzuerkennen oder überhaupt in der Lage sind es zu bewerten, das sie einer Ideologie anhängen!

    • Ich biete keine Alternativen an. Das Buch (das wird darin auch mehrfach betont) ist Diagnose. Es enthält keinen Therapievorschlag, weil jeder solche Vorschlag in dem Selbstwiderspruch münden würde, dass ich eine fundamentale Krise diagnostiziere, dieser aber mit den Mitteln staatlicher Politik, also auf relativ einfachem Wege, abzuhelfen wäre. Wenn es nur so einfach wäre! Die Krise ist derart tief, dass Rettung nur von unten, aus der Gesellschaft heraus wachsen kann. Dazu muss diese Gesellschaft sich aber erst einmal darüber klar werden, wo sie überhaupt steht, und dazu soll das Buch einen Beitrag leisten.

  • Ich habe etwas wunderschönes gefunden: Es ist das Lied der Singenden Revolution Estlands infolge der politischen Umwälzungen 1991 mit dem Verfall der UDSSR:

    http://www.youtube.com/watch?v=R-fsTAnmNIY

    Nichts kann schöner, kompakter und deutlicher ausdrücken, was auch wir unseren Landsleuten zurufen sollen:

    Keeping the beauty of fatherland
    Keeping the beauty of fatherland.

    Fighting against the enemy:
    Pay attention, pay attention,
    Pay attention, pay attention!

    If you believe in yourself,
    In opinions of the wise,
    In shoulders of the strong,
    In mightiness of the elders,
    In nimbleness of young men,
    In sisters, brothers,
    Above all in yourself,
    Then you get better life.

    If you believe the talk of the wolf,
    Fear the yelps of the dogs,
    Hear the curses of the masters,
    Complains of the underlings,
    Bitings of the greedy,
    Admonishments of the low ones,
    Scolds of the blind,
    Then you get nothing.

    If you sink into lies,
    Stooping into dreams,
    On all fours under the order,
    Bowing under the rouble,
    Then you get fleas in groin,
    Itches in your heart,
    Halters on your head, bones in your stomach,
    Then you go to hell.

    If you believe in yourself,
    Then you believe in the folk,
    In the farms, in the wiseness,
    In the teaching, in the rights,
    In the birch grove of home place,
    In the swallow by the clouds,
    Then you get mighty spirit,
    Then you get better life.

  • Lieber Herr Kleine-Hartlage,
    da müsste man nun in der Tat sehr tief in die Praktische Philosophie Kants einsteigen und sich vor allem das Verhältnis von Moral und Recht bei Kant genauer anschauen. Das würde allerdings zum philosophischen Oberseminar und wäre dementsprechend hier etwas fehl am Platz.

    Deshalb nur kurz so viel: Wenn der hypothetische islamistische Terrorist mit Kant-Kenntnissen 😉 so argumentieren würde, wie Sie es skizziert haben, dann hätte er den systematischen Ort der Maximenprüfung mittels des KI falsch verstanden. Diese besagt nämlich gerade nicht, dass jede Handlungsmaxime, die den Verallgemeinerbarkeitstest des KI besteht, in ein legitimerweise erzwingbares Rechtsgesetz überführt werden darf, d.h. ein Gesetz, dessen Befolgung durch andere erzwungen werden darf (das wäre ja auch absurd, denn eine Maxime wäre z.B. auch: „Immer wenn ich durch eine Handlung, die niemand anderes Rechte verletzt, glücklicher werden kann, will ich diese Handlung vollziehen.“ So etwas wäre aber als kodifizierte Rechtspflicht völlig abwegig).
    Vielmehr hat die Maximenprüfung rein negativen Charakter, d.h. der KI vermag nur nicht-verallgemeinerbare Maximen auszuschließen. Dementsprechend wäre auch das gesamte Strafrecht, das sich auf der Basis des KI konstruieren ließe, ein Strafrecht, das ausschließlich aus negativen Pflichten (Verboten) bestehen kann. Ein solches kantianisches Rechtssystem enthält also lediglich so etwas wie das Verbot der Tötung, des Diebstahls, des Betrugs etc., kann und darf aber darüber hinaus keine Pflichten vorschreiben: schon gar nicht Pflichten, sich nach bestimmten Handlungsmaximen zu richten.

    Was das Gegenlesen angeht, hängt sicher vieles davon ab, von welchem philosophischen Hintergrund der Gegenlesende selbst herkommt. Es gibt nicht wenige philosophische Schulen, die geradezu von einem anti-kantischen Ressentiment getragen sind und deren Vertreter darum gerne jede Kant-Kritik durchgehen lassen …

    • Audentes fortuna iuvat

      Hallo,
      Es geht Herrn Kleine-Harlage nicht um mögliche logische Widersprüche des KI bzw. um die ausfühliche Entwicklung desselben in der Kritik der praktischen Vernunft.
      Ich zitiere den Autor: „Kulturen sind … auch nicht zuletzt, Konsensgemeinschaften, die unter jeweils konkreten und unwiederholbaren Voraussetzungen historisch gewachsen sind und einer je spezifischen inneren Logik folgen … wenn die Gerechtigkeits-, Wahrheits- und Moralvorstellungen der verschiedenen Kulturen … miteinander unvereinbar sind …“ dann ist die „… Orientierung am Kategorischen Imperativ, sofern er abstrakt gedacht wird, unter Umständen nicht geeignet … das elementare Problem menschlichen Zusammenlebens zu lösen.“.
      Wenn also die kulturellen Gerechtigkeits-, Wahrheits- und Moralvorstellungen – d.h. deren Definitionen – unterschiedlich sind, so wird das kant’sche Sittengesetz („Handle so, daß die Maxime deines Willens jederzeit zugleich als Prinzip einer allgemeinen Gesetzgebung gelten könne“) von unterschiedlichen Kulturen unterschiedlich interpretiert und angewandt werden.
      Zum Beispiel wird ein Anhänger der levantinischen Unterwerfungsreligion, die die sog. ‚Ungläubigen‘ als ’schlimmer als das Vieh‘ – und daher als Untermenschen – bewertet und dem Tode freigibt demgemäß auch nach seinem KI handeln können… also, daß die Maxime seines Willens ‚jederzeit zugleich als Prinzip einer allgemeinen Gesetzgebung gelten könne‘. In diesem Fall und seiner Ansicht nach ist dieses Handeln sogar ‚göttlich verordnet‘.

      • Ähm, haben Sie meine Beiträge eigentlich gelesen???

        Erst einmal gibt es nicht „meinen“, „seinen“ oder „deinen“ Kategorischen Imperativ, sondern den Kategorischen Imperativ, der lautet: „Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde“ (bzw. die von Ihnen zitierte Formulierung). „Mein“, „dein oder „sein“ können nur Handlungsmaximen sind; der KI ist aber keine Handlungsmaxime, sondern eine Prüfregel für Handlungsmaximen, wobei das Prüfkriterium darin besteht, dass die Maxime auch bei Verallgemeinerung noch widerspruchsfrei sein muss.
        Demnach geht es zweitens auch nicht um Widersprüche im KI, sondern um Widersprüche in den Maximen.

        Eben genau aus den genannten Gründen ist die Maxime, dass man „Ungläubige“ töten dürfe, gerade keine verallgemeinerbare Maxime und daher kulturunabhängig durch den Kategorischen Imperativ als moralisch falsch identifizierbar. Wer so handelt oder denkt, der handelt dementsprechend nicht „nach seinem KI“, sondern im Gegensatz zu dem KI. Und sein Handeln kann eben gerade nicht als „Prinzip einer allgemeinen Gesetzgebung“ dienen, weil die Maxime dieses Handelns bei Verallgemeinerung widersprüchlich wird.

        • Audentes fortuna iuvat

          Hallo!
          Beim Eintippen von „Kritik des Kategorischen Imperativs“ auf google.de erhält man 58.900 Treffer während man bei „Kategorischer Imperativ Prüfregel für Handlungsmaximen“ auf ganze 2 Treffer kommt, wobei eines davon auf ein Buch über ‚Feministische Religionsphilosophie‘ verlinkt.
          Ich zitiere aus Wikipedia: “ … Die klassische Kritik an Kants Kategorischen Imperativ erfolgte durch Hegel: Hegel kritisierte diesen als bloß formales Prinzip der Handlungsbeurteilung, das jede beliebige materiale Norm zu rechtfertigen erlaube. Weil die Vernunft mit dem Kategorischen Imperativ nur ihre Selbstgewissheit zum Kriterium der Moralität machen könne, ließen sich beliebige Willensbestimmungen als moralisch beurteilen, solange diese mit der Vernunft selbst verträglich erscheinen. Angewendet auf die Praxis produziere der Kategorische Imperativ nur „Tautologien“. Die Prüfung mit dem Kategorischen Imperativ reiche „aus diesem Grunde nicht weit; eben indem der Maßstab die Tautologie und gleichgültig gegen den Inhalt ist, nimmt er ebensogut diesen als den entgegengesetzten in sich auf“. „

  • Ich bin bei sowas nicht so fit, aber wenn ich den von Ihnen zitierten KI lese und gleichzeitig der Meinung bin, das Ungläubige von allen Gläubigen getötet werden sollen, wo und wie verstoß ich dann gegen KI, wenn ich einen Ungläubigen töte???

    Wo leiten Sie ab, das ich aus KI heaus erkennen kann, das ich moralisch falsch damit liegen? Zumal die Meinung der Ungläubigen ja keinen Wert zur Hinterfragung ansich darstellt in meiner Maxime!

    • Kommentar/Frage war an #romat gerichtet.

      • @ WahrerSozialDemokrat:

        Das steht doch in meinem ersten Beitrag: Der KI verlangt es, die eigene Handlungsmaxime als „allgemeines Gesetz“ zu denken und dann zu fragen, ob sie sich in der verallgemeinerten Form noch konsistent denken lässt.
        Die verallgemeinerte Maxime ist in diesem Fall nicht konsistent denkbar, da jemand, der das Recht beansprucht, einen anderen zu töten (aus welchem Grund auch immer), für sich selbst das Recht beanspruchen muss, nicht getötet werden zu dürfen – denn wenn er tot wäre könnte er nicht handeln und mithin niemanden töten. Also ist die Handlungsmaxime nicht als „allgemeines Gesetz“ denkbar. Es erweist sich vielmehr, dass sie solange nur konsistent denkbar wäre, wie derjenige, der sie hat, für sich selbst eine Ausnahme davon zu machen gedenkt.

        Damit hat sie aber den Test des KI nicht bestanden und ist insofern nach Kants Konzeption von praktischer Rationalität mit dieser nicht vereinbar und folglich moralisch unzulässig.

  • Also es sind ja zwei verschiedene Paar Schuhe, ob man eine Vorstellung von einer Alternative zum Liberalismus hat, oder ob man angibt, wie diese Vorstellung zu realisieren ist.
    Nachdem mir schon immer klar war, „dass die Demokratie die schlechteste aller Staatsformen, ausgenommen alle andere“.ist, weiß ich mittlerweile, dass sie in der BRD gescheitert ist und dass sie wahrscheinlich eben notwendig auf lange Sicht überall scheitern muß. Alexis de Toqueville hat bereits Gründe angegeben, warum sie scheitern wird und Bedingungen angegeben, wie man das Scheitern verhindern kann. Da sie bei „uns“ aber gescheitert ist, sind diese Bedingungen aber vermutlich nicht mehr reaktivierbar. Das würde bedeuten, dass erst nach einem gesellschaftlichen Zusammenbruch ein neues System entstehen könnte, dass aber keine Demokratie mehr sein kann.

    Wenn man sich die Gesellschaften der Zukunft ansieht, ist das aber auch klar, denn all das sind jedenfalls keine Demokratien. Also da wären: Rußland, China, Südamerika. Japan ist ein Sonderfall, weil es eine Vergangenheit hat, die es hoffentlich fortführen kann.
    Der Status keiner dieser Gesellschaften ist für Deutschland erreichbar. Japan hat religiöse Normen natürlich in das gesellschaftliche System integriert. Vermutlich geht es damit auch in Ansätzen diktatorisch zu, ´was aber vermutlich als natürlich empfunden und daher nicht bemerkt wird.

    Rußland und China kommen von Diktaturen her und haben daher mehr oder minder autoritäre Herrschaftsstrukturen, die eventuell die Meinungsfreiheit beschränken und politische Konkurrenz ausschalten, aber eben auch verhindern, dass Minderheiten sich propagandistisch Macht erarbeiten.

    Fazit: Zunächst muß man konzedieren, dass Deutschland den heutigen gesellschaftlich stabilen (?) Status von China und Rußland nicht erreichen kann.
    Andererseits könnte man ja untersuchen, ob Rußland und China stabile Alternativen wären und als Alternativen wünschenswert wären, bzw. wie sich diese Systeme „verbessern“ könnten, ohne demokratisch zusammen zu brechen. Und diese Alternativen könnte (müßte) man dann im Sinne der Frage von @advocat (6 comments) on 29.06.2013 um 21:57 ehrlich formulieren.

    Ich denke, damit hätte man zumindest eine genauere Vorstellung davon, was möglich ist und was einen erwartet, als wenn man sagt, dass unsere Gesellschaft sich aus sich selbst heraus reformieren muß. Oder man überläßt die Frage nach der Alternative dem was sich hier in dieser Gesellschaft entwickeln wird.
    Das halte ich aber, nachdem klar ist, dass die liberale Demokratie gescheitert ist und warum sie scheitern mußte nicht für sinnvoll. Denn es wird sich dann keine dauerhaft funktionsfähige liberale Demokratie mehr entwickeln. Allein deshalb sollte man schon versuchen die Alternative zu skizzieren.

  • Schon allein die Bitte, daß Manfred nun konkrete Wege, Alternativen zu schaffen, aufzeigen soll, zeigt, daß dies nichts bringen würde, wenn Manfred es täte. Denn wer nach soetwas fragt, zeigt, daß er in einem kindlichen Entwicklungsstadium (in der Persönlichkeitsstruktur infantil) stehen geblieben ist.

    Heißt, daß ihr euch in eurem derzeitigen Bewusstseinszustand auch zukünftig alles gefallen lassen werdet, was der Staat tut. Nur aufgrund eines tiefgehenden, alles umkrempelnden Bewusstseinssprungs werdet ihr das Bewusstsein entwickeln können, derart „radikal“ zu werden, sodaß ihr in einer Gemeinschaft faktisch Alternativen schafft. Und da bringt es allein nichts, wenn Manfred Bücher schreibt. Er kann schreiben, so viel er will. Davon allein wird sich nichts ändern. Auch kann die politisch-gesellschaftliche Situation noch so sehr schlechter werden; es wird sich nichts ändern. Selbst der 2. Weltkrieg hat die Menschen nicht grundlegend umgekrempelt. Die grundsätzlichen Probleme in der Gesellschaft sind geblieben. Insofern ist Manfreds Satz, daß die Gesellschaft erst einmal herausfinden muss, wo sie steht, absolut richtig und wichtig.

  • Also ich weiß sehr wohl, wo die Gesellschaft steht (so weit man das eben wissen kann). Und ich weiß auch,. dass es keinen aufzuzeigenden Weg gibt, denn sei 1971 (als ich mich Marxist dünkte, in Wirklichkeit war ich es nie, ohne es zunächst genau zu wissen) weiß ich: „Der Weg ist das Ziel“ .

    Trotzdem wäre es angebracht darüber zu reflektieren unter welchen Randbedíngungen eine Gesellschaft stabil und halbwegs menschlich sein kann. Das muß ja nicht in dem Buch geschehen sein. Wir wissen alle, dass zum Beispiel der Islam solchen Randbedingungen durchaus genügt und sogar expandieren kann. Aber er ist erstens unmenschlich und zweitens zivilisatorisch nicht entwicklungsfähig, kann also keine technische Welt und keine Wissenschaft entwickeln. Aber so wollen wir ja nicht leben. Und aus dem Nichts (wie die Welt beim Urknall) wird eine neue lebenswerte Ordnung ja nicht entstehen. Am Ende werden die theoretischen Betrachtungen vielleicht für die Praxis nutzlos sein, aber man kann sich aus der Theorie ja doch eine Orientierung darüber holen, wie eine Gesellschaft institutionell aufgebaut sein muß, damit sie menschlich und funktionsfähig ist. Das wäre z. B. eine lohnende Aufgabe für die nicht ideologische Soziologie (die freilich in Deutschland (so weit ich orientiert bin) professionell nur hier vom Blog-Autor betrieben wird) Denn wenn das auch keine Mathematik ist. Gehen tut da in jedem Fall was.

    Und unter diesem Aspekt ist es auch fraglich, der falschen Ideologie des Liberalismus den schwarzen Peter für das Scheitern zuzuschieben. Sicherlich trägt der Liberalismus den Keim seines Scheiterns in sich. Aber die USA haben sehr lange ohne Ideologie liberal funktioniert. Dafür gint es Gründe die auch Tocqueville bereits erkannt hat (Bürgergesellschaft, lokal religiöse Strukturen) Und auch bei „uns“ ging es on den 50-er und 60-ern ohne Probleme.

    Es müssen also wohl noch spezielle Gründe hinzu kommen, die den Liberalismus dann schnell entarten lassen. Nehmen wir die Studentenbewegung, die auch mich am Rande als 16-jährigen irgendwie faszinierte. Was am Liberalismus hat verhindert, dass er sich gegen die Studenten nicht durchsetzen konnte. Und wie hätte man vorgehen müssen, um sich gegen diesen Unsinn durchzusetzen. Ich war nie wirklich dabei, aber habe partiell sympathisiert. Welche Institutionen hätten 68 eindämmen können? Mit mir hätten diese Institutionen reden können. Und sie haben es auch getan. Vor dem Studium Verwaltungsdirektoren von Krankenhäusern und auch Kollegen aller Art. Aber wie hätte man die Studenten mit denen nicht zu reden war, zähmen können? Einzelne Professoren die sich ganz speziell wehrten hatten keine Chance. Letztlich hätte wahrscheinlich nur ein rigides Ordnungssystem,. das jede Art von unflätiger Störung unterbunden hätte, eine Chance gehabt. Wenn das bereits gegen ein liberales System verstößt, dann gibt es eben dauerhaft keine Chance für ein gleichzeitig menschliches System.
    Denn Gesellschaften können unmöglich im Gleichgewicht bleiben (das ist auch in der Natur so; -> offene Systeme)). Und mit denen die das Gleichgewicht stören ist halt vernünftig nicht unbedingt zu reden, wie dann?
    Ich bin jetzt nur auf ideologische Störungen eines funktionierenden liberalen Systems eingegangen (wie ich es eben in den 50-er und 60-ern verorten würde). Aber ökonomische Störungen kann es ja auch geben und die sind objektiv nun a priori nicht theoretisch in den Griff zu bekommen. Daran trägt der Liberalismus aber keinerlei Mitschuld. In der Folge solcher Störungen entstehen dann ganz eigene Ideologien. Und die überlagern gegenwärtig u. a. die Ideologien, die Derivate der Meta-Ideologie sind. Es gibt ein ganzes Sammelsurium von Ideologien, die keineswegs den Liberalismus als Wurzel haben. Der Feminismus z. B. steht voll daneben. Höchstens seine Bekämpfung wird durch den Liberalismus verhindert. Aber jertzt muß ich erst mal aufhören, sonst verlier ich den Überblick.

  • Die Diskussion um pro „Geeignetheit“ des kategorischen Imperativs ist im Prinzip obsolet, da der Islamist entweder der Meinung sein kann, dass er dem kategorischen Imperativ genüge oder ihn einfach praktisch brechen kann. Dass er ihn theoretisch nicht brechen kann und nicht darf, nutzt ja nichts, wenn er ihn praktisch bricht. Im Gegensatz zu Naturgesetzen können ethische Prinzipien jhalt übertreten werden. Nicht ohen Konsequenzen, aber die Kosequenzen sind nicht sofort sichtbar und können dem der sie übertritt sogar Vorteile bringen.

    Das ist im Grunde genommen das Manko jeder neuzeitlichen Transzendentalphilosophie (Habermas, K. O. Apel), die einen a priorisch vorgegebenen Konsens beschwört. Wie Kant das genau gemacht hat müßte man untersuchen. Das kenn ich leider nicht weiter,
    Der angeblich a priorische Konsens kann jederzeit (z. B. mit Taqiyya) gebrochen werden (obwohl es so aussieht, als ob sich ihm jeder anschließen müsse, der nur den Mund aufmacht und damit in die Kommunikationsgemeinschaft eintriitt (da ist irgendwie was dran (!), aber es nutzt in der Praxis nichts!) . Und damit ist alles Theoretisieren darüber obsolet. Wie man dann doch noch darüber theoretisieren kann, könnte man weiter untersuchen. (Vittorio Hösle argumentiert ja dafür, dass es gehe). Aber für die Praxis dürfte es irrelevant bleiben. Eine merkwürfige Situation.

  • @Ingres (4 comments) on 01.07.2013 um 13:05

    Um das so weit wie möglich zu vervollständigen: Habermas und Apel argumentieren (so weit man das z. B. bei Habermas Argumentieren nennen kann, seine ideologischen Ziele waren zumindest früher zu offensichtlich) , dass man mit der Einlassung auf ein Gespräch das a priori der Kommunikationsgemeinschaft anerkannt habe. (Apel geht meine ich weiter als Habermas, wäre leicht in wiki nachzuschlagen) Habermas will glaube ich nur die Bedingungen für die ideale Kommunikation herstellen, dann klappts. Apel meint eben sogar, dass jeder der diskutiert den anderen a priori als gleichberechtigt anerkannt habe. Man kann aber beide unter demselben Tag abhandeln, weil beide „Theorien“ für die Praxis dieselben Folgen haben, denn Apels a priori mag theoretisch was haben, ist aber für die Praxis obsolet, genau wie der kategorische Imperativ auch.

    Die Folgern für die Praxis sieht Habermas darin, das in der idealen (unverzerrten) Kommunikationssituation automatisch die besten Ergebnisse erzielt werden. Da liegt natürlich auch der Hase im Pfeffer, denn die besten Ergebnisse sind natürlich diejenigen die Habermas behagen, nämlicvh die emanzipativen, die sich für die Unterdrückten einsetzen. Theoretisch könnte natürlich was anderes rauskommen, aber dafür hat Habermas das ja nicht konstruiert. Sonder er wollte eine Wissenschaft, die zu den richtigen Ergebnissen kommt und nicht primitiv den marxistischen Parteilichkeitsstandpunkt propagiert. Diesen Standpunkt versteckt Habermas in seiner Beschwörung einer „kritischen“ (gegen den Szientismus) Sozialwissenschaft.

    Um dann auch noch die Ziele die er hat, zu verstecken, meint er also, dass diese Ziele sich zwanglos in der idealen Kommunikationsgemeinschaft einstellen. Konkret: wenn die Gesprächssituation ideal ist, dann einigen sich der Gewerkschafter Zwickel und der ehemalige BDI-Präsident Henkel auf die richtigen Maßnahmen für die Mühseligen und Beladenen dieser Erde. Der Religionsersatz ist offensichtlich! Ich habe mal ein solches Gespräch gesehen,. Aber Zwickel und Henkel einigten sich nicht. Warum? Habermas würde sagen: Die Kommunikation war verzerrt, weil nicht die idealen Bedingungen herrschten. Es ist klar, dass das in einen unendlichen Regraß mündet. Das hat Hans Albert denen alles analysiert, aber was kümmert das den Ideologen.

    Was nun? Nach Habermas muß man die ideale Kommunikationsgemeinschaft herstellen um die Verzerrungen zu beseitigen Ein Zirkel! (MKH analysiert diesen Zirkel ja auch bei Behandlung des kategorischen Imperativs hier im Artikel. Ich habe diesen Zirkel nur an einem anderen Ansatz verdeutlicht. Aber wer will kann das ja widerlegen. Ich bin da 35 Jahre privat nicht mehr weiter gekommen) Um zu idealen Ergebnissen dafür zu kommen, wie man salopp gesagt die Forderungen der Antifa befriedigen kann, muß die Gesellschaft bereits ideal sein, bzw. man muß die ideale Gesellschaft herstellen, um sich dann in dieser idealen Gesellschaft ideal einig zu werden. Denn so lange die Gesellschaft nicht ideal ist,. ist die Kommunikation verzerrt. Und dann siegt natürlich das Böse, nämlich der Kapitalismus usw.

    Nun hat das aber auch eine besondere Beziehung zum hier vorgestellten Ansatz von MKH.
    Denn alle Versuche einen transzendentalen oder a priorischen Konsens als begründbar verbindlich zu erweisen sind so weit ich weiß, eben gescheitert und sollen nur die Ideologie des säkularen Heils stützen. Sie sind nur der Ersatz für die marxistische Forderung, sich auf den Standpunkt des Proletariats zu stellen.

    Wie kann man also zu einer stabilen menschlichen Gesellschaft kommen. Einerseits mit der Idealvorstellung der Habermasschen Kommunikationsgemeinschaft (aber ohne theoretischen Firlefanz davor zu setzen). Praktisch muß man sich ja zusammenraufen. Aber welchen Konsens setzt man für das Zusammenraufen voraus und wie kann man ihn stiften. Ich meine gar nicht, es sein denn er ist da. Er muß von selbst kommen. Die Religionen stiften in der Tat einen solchen Konsens. Der Islam mit Brutalität und er hat ihn noch.
    Aber das Christentum kann ihn nicht mehr verbindlich stiften. Wie er dann wieder kommen kann, weiß ich nicht.

  • >>Voraufklärerische, religiös fundierte Ethik sei entbehrlich,< unbewußte Paraphrasierung der natürlichen Verhaltnisse). Die Frage wäre also nicht, religiös fundierte Ethik vs. aufklärerische Ethik sondern welche Ethik bzw. welche Normen passen zur Natur, zur natürlichen Ordnung. Und da meine ich, dass die Religon, bzw die Bibel die Nase vorn hat. Andererseits kann man nicht alle speziellen Normen der Bibel unwidersprochen stehen lassen. Das Problem ist eigentlich, dass die Ethik der Bibel wie gesagt eine unbewußte Paraphrasierung der Natur (natürliche Ordnung) ist, während die rationale Ethik die Prinzipien bewußt ableiten will. Die rationale Ethik kann aber kein Prinzip der Bibel wirklich widerlegen. Und auch keinen neuen Prinzipien schaffen, denn dafür kommt die rationale Ethik zu spät, das ist eben schon gelaufen! Man kann sich lediglich darauf einigen, uralte ethische Prinzipien in einen neuen rechtlichen Rahmen zu fassen. Die ethischen Prinzipien bleiben allerdings ewig. Aber man kann höchstens zwangsweise verhindern, dass sie aufgeweicht werden. Eine rationale Argumentation für ihre unverfälschte Beibehaltung gibt es nicht. Man muß sich von Fall zu Fall entscheiden.

  • Im letzten Kommentar (Ingres (6 comments) on 01.07.2013 um 16:47) ging was schief, der Anfang ging aus Versehen verloren, deshalb hier nochmal:

    >>Voraufklärerische, religiös fundierte Ethik sei entbehrlich,unbewußte Paraphrasierung der natürlichen Verhaltnisse). Die Frage wäre also nicht, religiös fundierte Ethik vs. aufklärerische Ethik sondern welche Ethik bzw. welche Normen passen zur Natur, zur natürlichen Ordnung. Und da meine ich, dass die Religon, bzw die Bibel (gegenüber den heutigen Wahnvorstellungen) die Nase vorn hat.
    Andererseits kann man nicht alle speziellen Normen der Bibel unwidersprochen stehen lassen. Das Problem ist eigentlich, dass die Ethik der Bibel wie gesagt eine unbewußte Paraphrasierung der Natur (natürliche Ordnung) ist, während die rationale Ethik die Prinzipien bewußt ableiten will. Die rationale Ethik kann aber kein Prinzip der Bibel wirklich widerlegen. Und auch keine neuen Prinzipien schaffen, denn dafür kommt die rationale Ethik zu spät, das ist eben schon gelaufen! Man kann sich lediglich darauf einigen, uralte ethische Prinzipien in einen neuen rechtlichen Rahmen zu fassen. Die ethischen Prinzipien bleiben allerdings ewig. Man könnte dann höchstens zwangsweise verhindern, dass sie aufgeweicht werden. Eine rationale Argumentation für ihre unverfälschte Beibehaltung gibt es nicht. Man muß sich von Fall zu Fall entscheiden.

  • Der dritte Versuch, meine Vorstellungen zu: religiös fundierte vs. naturalistischen Ethik unterzubringen. Der Anfang war auch beim zweiten Versuch verloren. Hoffentlich klappts diesmal. Ansonsten bitte ich in jedem Fall um Entschuldigung.

    „Voraufklärerische, religiös fundierte Ethik sei entbehrlich“

    An dieser Stelle habe ich ein grundsätzliches Problem. Da für mich alles Denken Menschenwerk ist, gibt es für mich keine religiös fundierte Ethik, genauso wenig, wie es eine naturalistisch (evolutionistische) Ethik geben kann.

    Ich weiß nicht woher die ethischen Prinzipien ursprünglich kommen. Wenn ich davon ausgehe, dass sie reines Menschenwerk sind, muß ich allerdings davon ausgehen, dass sie sich evolutionär oder intuitiv entwickelt haben. Sie könnten natürlich auch eine spontane denkerische Eingebung Einzelner gewesen sein. In jedem Fall gehe ich aber davon aus, dass diese Normen der menschlichen Natur nicht blindlings übergestülpt (und auch nicht wegen Herrschaftsinteressen formuliert wurden), sondern daß sie sich verstehen lassen als der Versuch,
    die Natur des Menschen und der Gesellschaft zu paraphrasieren und auszudeuten. Allerdings gehe ich nicht davon aus, dass sie von einer übersinnlichen Macht gesandt wurden.

    Aus meiner Sicht würde also der Gegensatz: religiös fundierte Ethik vs. naturalistischen Ethik nur bestehen, weil man lediglich später auf den Gedanken kam, dass man die Ethik naturalistisch begründen könne. Die religiös fundierte Ethik wäre danach einfach eine Form der naturalistischen Ethik ohne sich dessen bewußt zu sein. ( unbewußte Paraphrasierung der natürlichen Verhältnisse). Die Frage wäre also nicht, religiös fundierte Ethik oder rationale Ethik, sondern welche Ethik bzw. welche Normen passen zur Natur, zur natürlichen Ordnung.

    Und da meine ich, dass die Religon, bzw die Bibel (gegenüber den heutigen Wahnvorstellungen) die Nase vorn hat.

    Andererseits kann man nicht alle speziellen Normen der Bibel unwidersprochen stehen lassen. Das Problem ist eigentlich, dass die Ethik der Bibel wie gesagt eine unbewußte Paraphrasierung der Natur (natürliche Ordnung) ist, während die rationale Ethik die Prinzipien bewußt ableiten will. Die rationale Ethik kann aber kein Prinzip der Bibel wirklich widerlegen. Und auch keine neuen Prinzipien schaffen, denn dafür kommt die rationale Ethik zu spät, das ist eben schon gelaufen! Man kann sich lediglich darauf einigen, uralte ethische Prinzipien in einen neuen rechtlichen Rahmen zu fassen. Die ethischen Prinzipien bleiben allerdings ewig. Man könnte dann allerdings höchstens zwangsweise verhindern, dass sie aufgeweicht werden. Eine rationale Argumentation für ihre unverfälschte Beibehaltung gibt es nicht. Man muß sich von Fall zu Fall entscheiden.

  • Um noch mal darauf zurückzukommen, wie die Alternative zum Liberalismus aussehn könnte. Also wie man sie erreichen kann weiß ich nicht, aber da ich seit ca 10 Jahren nicht mehr, an die Demokratie als beste Staatsform glaube, sollte man einfach mutig schon mal nach einer Alternative suchen.
    Ich will jetzt hier meine Vorstellungen nicht spezifizieren, aber ich meine man kann sie recht konkret machen, wenn man in Philosophie, Geschichte und Politik gut ausgebildet ist oder sich entsprechende Kenntnisse angeeignet hat. Man sieht sich an, was die Besten (also die Klassiker, bei Aristoteles und Platon bis Max Weber usw. darüber so gedacht haben. Und dann sieht man sich noch die konkreten politischen Systeme der Geschichte an. Und daraus kann man dann die Alternative formulieren.
    Also das Volk jedenfalls kann und darf nicht herrschen (in welchen Abgrund das geführt hat, sehen wir und Alexis de Tocqueville hat es direkt nach der französischen Revolution nach seinem Amerikabesuch vorausgesagt!) , das Volk sollte lediglich lebhaft mitdenken und mit diskutieren.
    Jetzt müßte man das noch gegen Mißbrauch absichern. Vielleicht könnte man das wie ein Unternehmen mit Aufsichtsrat organisieren. Eigentlich liegt es ja nahe: In Unternehmen sollten ja auch gute Leute in den entscheidenden Positionen sitzen. Das sollte in der Politik auch so sein. Man müßte nur noch sicher stellen, dass ein Top-Ausbildungssystem für diese Elite existiert, dann würden zum Beispiel Studienabbrecher (es verstünde sich doch eigentlich von selbst, dass ein Politiker zumindest auch in Politik, Philosophie und Geschichte gut ausgebildet ist) nicht in politische Positionen hinein gelangen. Im Grunde genommen ergint sich also das alternative System ganz von selbst. Obs die Gesellschaft dauerhaft prosperieren läßt kann man nicht wissen. Aber was soll für normale Menschen schlechter werden.

  • Carl Sand

    Geschätzter „Audaces fortuna iuvat“:

    Wie Romat Ihnen bereits zu erklären versuchte, ist es mit dem kategorischen Imperativ etwas komplizierter.

    Insbesondere ist er NICHT mit der „Goldenen Regel“ identisch. (Es wäre ein philosophisch interessantes
    Seminarthema, ob die „Goldene Regel“ überhaupt den Test des kategrorischen Imperativs passieren würde, oder wgen ihrer Bedingtheit „was DU nicht willst, daß man Dir tu“ ein hypothetischer und somit nach Kant abzulehnender Imperativ ist).

    Einige Klarstellungen:

    1. Der KI ist keine Regel, sondern ein Test.

    2. Die Polemik Hegels ist etwas komplizierter, als bei Wikipedia dargestellt.

    3. Der KI vermag tatsächlich keine Regeln aufzustellen, sondern nur (nach Kant) moralisch uneindeutige,
    ergo (nach Kant) falsche Regln auszusondern. Insofern ist er nicht inhaltsleer, da es doch einige Regeln gibt, die diesen Test nicht bestehen.

    4. Der kategorische Imperativ ist genau das: kategorisch. Er prüft, ob eine Regel so gestellt ist, daß sie
    in der Lage ist, immer zu gelten.

    5. Hierzu muß nach Kant die entsprechende Regel ABSOLUT bedingungsfeindlich gestellt werden. Bedingungen sind böse (für Kant).

    6. Die Prüfung stellt fest, ob die Regel erstens allgemein, d.h. für jeden gestellt ist (erste Bedingungsfeindlichkeit), ob sie weitere Bedingungen enthält (zweite Bedingungsfeindlichkeit) und ob sie begriffslogisch überhaupt möglich ist, wenn sie allgemein gestellt ist.


    7. Hierzu ein Beispie: Darf MAN (wichtig: nicht ICH, sondern MAN) lügen?

    7.a) Gegenstand der Frage ist Kommunikation, bzw Wahrheit.

    7.b) Dabei geht es nicht um die Frage „Darf ICH“ lügen, denn das wäre eine Bedingung (ICH).

    7.c) Hierzu wird die Frage positiv und negativ verallgemeinert:

    7.d) Gibt es den Begriff Wahrheit noch, wenn JEDER! IMMER! die Wahrheit sagte? – Ja.

    7.e) Gibt es den Begriff Wahrheit noch, wenn JEDER IMMER lügen würde? – Nein.

    7.f) Also ist die Regel „Jeder muss immer die Wahrheit sagen eine nach dem KI erlaubte Regel, während die Regel „Jeder muss immer lügen“ nach dem KI unmöglich ist.
    Eine Regel wie „Jeder darf unter der Bedingung abc lügen“ ist eine bedingte Regel und scheidet damit von vorneherein aus.


    8. Diese Ergebnisse scheinen vergelichsweise unpraktikabel. Kant hat hierzu ein krasses Beispiel in seiner Schrift „Von der vermeintlichen Pflicht, aus Freundesliebe zu lügen“ gegeben. Sie beinhaltet folgendes Gedankenexperiment:
    Die entschlossenen Mörder eines Freundes klingeln an der Tür, während sich der Freund im Hause aufhält. Darf man diesen Mördern die Unwahrheit sagen?
    Kant argumentiert hier genau wie oben: Erstens ist bereits die Bedingung „Freund“ eine Bedingung, die nicht im kategorischen Imperativ vorgesehen ist. Aber auch der zweite Teil, ob man bei „Mördern“ lügen dürfe, stellt eine unzulässige Bedingung dar.
    In seiner Antwort an Hufeland hat Kant klargestellt, daß er in der moral keine „Kollisionsnorm“ kenne. Auch wenn man „Jeden“ vor seinen Mördern verstecken wolle, dürfe man nicht „immer“ lügen – denn dadurch ginge der Begriff „Wahrheit“ verloren.

    9. Das Fehlen einer solchen Kollisionsnorm ist Kants große Lücke in seinem System. So ließe sich argumentieren, „Leben“ sei begriffslogische Voraussetzung für „Wahrheit“. Wenn es also um das Leben eines „jeden“ versteckten ginge, so müsse man dann „immer“ lügen – aber nur dann, wegen
    des Vorrangs einer Norm „jedem immer das Leben (wenn praktisch möglich) zu retten“ – (Im Vergleich zu „jedem – also auch sich selbst“ – „niemals“ das Leben zu retten. Eine mögliche Lösung, die Kant jedoch als Bedingtheit ablehen würde.

    10. Kant ist sogar der Meinung, ein Mörder müsse nach dem KI in seine eigene Hinrichtung einwilligen, da er von einem spiegelnden Strafrecht ausgeht und der Satz „Jeden Mörder immer zu schonen“ für Kant begriffslogisch unmöglich mit dem Begriff Leben (vs. Mörder) zu vereinbaren ist.

    11. Komplizierter Kram, ich weiß, und mit der Entwicklung von Kollisionsnormen sind wir hier inzwischen ein Stück weiter in der Rechtsphilosophie.

    12. Die Frage mit den Moslems stellt sich also (für Kant) überhaupt nicht, da „Moslem“ oder „Ungläubiger“ für kant eine – na? Richtig! „Bedingung“ ist.

    13. Insofern besteht die „Goldene Regel“ den KI-Test nicht, da gleich zwei Bedingungen drin vorkommen – Erstens ein Subjekt (Was DU willst) und zweitens eine Wahrnehmung (was man Dir TU). Dumm gelaufen für die Goldene Regel.

    14. Somit ist der KI der Versuch Kants, einen moralischen Test für Regeln zu entwerfen, der AUSSCHLIESSLICH auf verstandesmäßigen Überlegungen beruht (ohne jede Wahrnehmung,
    Erfahrung, Schmerz, Lust) etc. ein interessantes intellektuelles Speil, welches einen Teil von Regeln aussondert – und somit den Verstand hervorragend schult (Will ich diese Regel
    wirklich nicht, um für mich einen Vorteil zu erlangen? Qui bono?) aber zur Grundlegung eines Rechtssystems (wenigstens ohne Kollisionsnorm) wenig geeignet.

    15. Immerhin würden obengenannte „Glaubenskämpfer“ den KI definitiv und aus allen nur möglichen Begründungen des KI den Test nicht bestehen. Beruhigend.

    • Audentes fortuna iuvat

      Hallo,

      vielen Dank für Ihren umfassenden und interessenten Beitrag!

      Ich bin jetzt zu folgender Schlussfolgerung gekommen:

      1. Der kant’sche K.I. ist ein Handlungs- und Normenprüfkriterium der unvollständig, unmoralisch, realitätsfremd und gebrauchslos ist.

      2. Unter dem gleichen Begriff ‚K.I.‘ wird im allgemeinen Sprachgebrauch eine Handlungsmaxime gemeint.
      Diese Handlungsmaxime ist kulturell und individuell bedingt und kann jede beliebige Handlung und Norm rechfertigen.

      3. In jedem Fall kann der K.I. nicht das Problem menschlichen Zusammenlebens lösen.

  • Konservativer

    Sehr geehrter Manfred
    Ich freue mich, wie viele andere auch, auf Ihr neues Buch.

    Sehr geehrte Kommentatoren
    Ihre Diskussion ist interessant.
    Ich möchte diesbezüglich Ihr Augenmerk auf ein Buch lenken, das Sie erkenntnistechnisch wahrscheinlich ebenso voranbringen wird wie mich. Es ist das Buch „Mut zur Freiheit – Ruf zur Ordnung
    Rechtsphilosophie auf dem schmalen Grat zwischen Fundamentalismus und Nihilismus“

    von Klaus Kunze.
    Leider bekommt man das Buch lediglich noch antiquarisch (evtl. über Amazon) und als Online-Ausgabe hier (ich habe es der besseren Lesbarkeit wegen ausgedruckt, ist etwas mühselig, da man jeder Kapitel einzeln kopieren und ausdrucken muss, aber es ist die Mühe wert):
    http://klauskunze.com/heikun/mut/index.htm

  • Konservativer

    Ich habe eben bemerkt, nach dem erneuten Aufsuchen seiner Seite, daß Klaus Kunze sein oben erwähntes Buch nun auch als .pdf Datei gratis zum download anbietet. Dafür meinen Dank an Klaus Kunze. Hier der Link:
    http://klauskunze.com/heikun/mut/Mut%20zur%20Freiheit.pdf

  • Nun muß ich doch ein wenig quengeln: Wer ist das graue Männlein und was will er uns sagen ? Ist es Pinoquio ?
    Und warum der graue Einband ?
    Wären nicht auch Flammen geeignet gewesen ? Rot und Gelb ?
    Fragen über Fragen.

    • Der graue Einband gehört zum Gesicht der Reihe „Antaios Thema“. Und das graue Männlein, das sich einen Nagel in den eigenen Kopf rammt – nun, das ist doch eigentlich selbsterklärend, oder?

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