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Viele Arten zu töten

Da ich häufig pro-israelische Artikel schreibe und Antisemitismus vehement kritisiere, bleiben inhaltliche Übereinstimmungen mit jenem Spektrum nicht aus, das sich selbst „antideutsch“ nennt.

In meinen Ohren ist diese Bezeichnung freilich eine Selbstbezichtigung: Ich halte Patriotismus für eine ganz selbstverständliche Tugend und befinde mich damit in Übereinstimmung mit den Wertvorstellungen aller Zeiten, Völker und Kulturen seit Adam und Eva. Ausgenommen natürlich diejenigen Völker und Kulturen, die wegen ihres Selbsthasses untergegangen sind. Ausgenommen auch diejenigen Milieus linker Akademiker, die ihrem eigenen Volk dasselbe Schicksal bereiten wollen.

Daher klingt für mich kaum etwas abwegiger, ja abartiger, als wenn ein Deutscher seinen eigenen politischen Standort mit dem Wort „antideutsch“ umschreibt – das ist für mich so, als würde er sich als begeisterter und ideologisch gefestigter Kinderschänder offenbaren.

Ist aber der Wunsch, das eigene Volk möge nicht existieren, schon als solcher bizarr genug – und eine darauf gerichtete Politik eine solche des Völkermordes -, so möchte man seinen Anhängern doch wenigstens mehr Intelligenz wünschen. Es wäre jedenfalls intelligent, wenn sie diejenigen ihrer Anliegen, die per se nicht verwerflich sind (insbesondere ihre Solidarität mit dem Judentum im Allgemeinen und dem Staat Israel im Besonderen), nicht dadurch kompromittieren würden, dass sie den Eindruck erwecken, es gebe einen notwendigen inneren Zusammenhang zwischen einer projüdischen und einer antideutschen Einstellung, und wer mit dem Judentum sympathisiere, müsse zwangsläufig ein Feind Deutschlands sein.

Diese Denkfigur nämlich war und ist die Grundlage von deutschvölkischem Antisemitismus. Man kann den moralischen Konsequenzen dieser verbrecherischen Völkermordideologie nicht dadurch entgehen, dass man als Deutscher einfach die Seiten wechselt. Wenn Patriotismus überall auf der Welt in Ordnung sein soll, nur in Deutschland nicht, dann läuft dies darauf hinaus, das deutsche Volk für lebensunwert zu erklären, mindestens aber für ein Volk minderen Rechts. Statt an der Vernichtung des jüdischen an der des eigenen Volkes zu arbeiten ist aber keinen Deut moralischer oder weniger menschenverachtend. Der geistige Landesverrat, der darin liegt, Deutschfeindlichkeit als positiven Wert darzustellen, ist nicht einfach eine private Marotte, sondern bedeutet, eine genozidale Ideologie zu propagieren.

Der Begriff Völkermord ist nämlich nicht etwa eine quantitative Steigerung von Massenmord – auch wenn beides oft Hand in Hand geht -, sondern bezieht sich auf die Zerstörung des sozialen und kulturellen Zusammenhangs, der ein Volk konstituiert. Die direkte Tötung von Menschen ist daher nur eine von vielen Arten, ein Volk zu töten. Es gibt aber wirksamere Methoden, und zu diesen Methoden gehört, durch autorassistische Propaganda sein Selbstwertgefühl und seinen Selbstbehauptungswillen zu unterminieren.

“Antideutsch” sind aber selbstverständlich nicht nur die, die sich ausdrücklich so nennen – das sind höchstens die ehrlicheren. Antideutsch sind auch die politischen und Medieneliten, die die übrigen Formen von ethnischer Kriegführung gegen die eigene Nation propagieren oder praktizieren. Die Liste ist unvollständig: Man kann das Volk ethnisch ausdünnen (lassen), man kann „Antidiskriminierung“ (also Diskriminierung von Einheimischen) betreiben, man kann Kriminelle, Extremisten und religiöse Fanatiker ins Land holen, man kann zusehen, wie der soziale Zusammenhalt in immer neuen Wellen von deren Kriminalität weggespült wird, man kann die Souveränität des Nationalstaats nach außen und des Rechtsstaats nach innen unterminieren, man kann die Institution der Familie erst verunglimpfen und dann zerstören, und man kann diejenigen, die sich gegen all das wehren, als Rechtsradikale verleumden und sie an den Rand der Gesellschaft drängen, und sogar über diesen Rand hinaus.

Nur weniges davon, um es mit Brecht zu sagen, ist in unserem Lande verboten.

59 Kommentare zu „Viele Arten zu töten“

  • Ruth:

    Manfred,

    auf die Gefahr hin, Dir jetzt endgueltig auf die Nerven zu gehen:

    Ich bin zu Deinem Text “Grauzone” zurueckgegangen und habe erstmalig das Link zu Kewils Text “Wie erkennt man Neonazi-Denke?” angeklickt. Dort lese ich:

    “Witzigerweise werden von den Neonazis eher die Amis als die Russen angegriffen. Sicher, die Vertreibung von 12 Millionen Deutschen aus Polen und der Tschechei wird von den Neonazis nicht verschwiegen und meist gegen die Polen in Stellung gebracht. Aber irgendwie wird man den Eindruck nicht los, als ob dem klassischen neonazistischen Denker die stalinistischen Russen lieber sind als die kapitalistischen Amerikaner! Dabei gibt es überhaupt nichts daran zu deuteln, daß es den Menschen in der amerikanischen Zone hundertmal besser ging als in der SBZ! Der Neonazi nimmt das einfach dumpf nicht zur Kenntnis!

    Ganz im Gegenteil! Er beklagt die Umerziehung in den Westzonen der Nachkriegszeit, Stalin, die GPU, das DDR-Marionettenregime werden ausgeklammert, dafür Adenauer und seine Minister und Beamten als willige Hampelmänner von Truman oder Eisenhower dargestellt! Aber die ersten Regierungen und Parteien der BRD bestanden durchaus noch aus Männern, die meisten Kriegsteilnehmer oder Kriegsopfer, und nicht aus feigen Memmen oder Kuscheltieren. Der Rechtsradikale nimmt das einfach nicht zur Kenntnis!

    Demnach waere Thatcher nicht anti-deutsch zu nennen, sondern rechtsradikal.

  • Thatcher:

    Ruth, vielleicht überlegst Du Dir lieber doch erstmal, wie Du mich denn einordnen willst, und schweigst solange.

  • Manfred:

    “Russland kann es wohl nicht sein, oder?”
    :lol:
    Nein, natürlich nicht. Es geht auch nicht unbedingt um einen Wechsel der Bündnispartner, sondern der Strukturen. Ich glaube, dass die europäischen Staaten sich in die Lage versetzen müssen, ihre Interessen selbst zu verteidigen, dass die EU dazu wenig bis nichts beiträgt, und dass die NATO als ein Bündnis zweier gleichstarker Partner – Amerika und eine wie auch immer geartete europäische Militärorganisation – weitaus besser funktionieren würde als in ihrem gegenwärtigen Zustand (ein Hund mit 27 Flöhen). Ein solches Konzept steht und fällt aber mit dem Willen Deutschlands, als Großmacht zu agieren. (Wobei ich nicht behaupten will, dass meine Gedanken zu diesem Thema ausgereift wären – im Moment ist das nicht meine Baustelle).

  • Manfred:

    @ Ruth,

    ich habe Deine Kritik bisher ganz sachlich und fair gefunden, und ich bitte Dich, einfach bei diesem Stil zu bleiben. Ich möchte nicht, dass hier die Kommentatoren übereinander herfallen, und ich glaube nicht, dass es uns großen Erkenntnisgewinn verschaffen wird, Etiketten auf Meinungen zu kleben oder gar auf die Kommentatoren selbst. Da die Wahrheit niemals rechtsradikal (oder linksradikal oder konservativ oder liberal oder sozialdemokratisch) ist, muss die erste Frage immer lauten: Stimmt diese Behauptung? Und nicht: Ist sie rechtsradikal?

    (Eine Ausnahme mache ich nur bei dezidiert und offensichtlich antisemitischen Äußerungen, und zwar aus dem einfachen Grund, dass man über die nicht diskutieren kann, ohne die dahinterstehende Frage zu legitimieren, ob das jüdische Volk ein Lebensrecht hat.)

    Thatcher ist nicht rechtsradikal! Ich kann mich auch nicht erinnern, dass er sich jemals pro-stalinistisch oder auch nur russophil geäßert hätte. Was den Zusammenhang mit Kewils Text angeht, so habe ich in „Die Grauzone“ zwar geschrieben:

    „Ich stimme ihm [Kewil] ausdrücklich zu, dass alle Neonazis so schreiben, wie von ihm dargestellt“

    um dann aber hinzuzufügen

    „… er hat, anders als manche Kommentatoren meinten, keine Tabuliste aufgestellt, wonach alle, die in irgendeiner Form ähnlich argumentieren, deswegen automatisch schon Nazis sein müssten.“

    Deswegen kannst Du Kewil hier nicht als Kronzeugen zitieren. Man muss Thatchers drastischen Stil ja nicht mögen – ich selbst schätze ihn – , aber man ist nicht gleich rechtsradikal, nur weil man bestimmte Wahrheiten ausspricht, die vielleicht unbequem sind. So, wie ich auch kein Antideutscher bin, nur weil ich den Nationalsozialismus ein nationales Kollektivprojekt der Deutschen genannt habe. Diese Aussage ist wahr, wenn auch nicht die (ganze) Wahrheit. Ich halte es für ein fruchtbares Vorgehen, zuerst eine starke These zu formulieren und dann evtl . notwendige Einschränkungen und Differenzierungen vorzunehmen, nicht umgekehrt. Man läuft sonst Gefahr, sich um jede klare Aussage herumzudifferenzieren. Wer das liebt, mag die „Zeit“ lesen. :D

    Es ist nun einmal eine Tatsache, dass nach dem Zweiten Weltkrieg alles getan wurde, um Deutschland so weit zu entmachten, wie es bei einem Land dieser Größe überhaupt möglich ist. Es ist eine Tatsache, dass das Grundgesetz den Föderalismus bis an den Rand der Handlungsunfähigkeit treibt; dass wir als einziges Land der Welt das Recht auf Kriegsdienstverweigerung und das Verbot des Angriffskrieges in der Verfassung stehen haben (es geht selbstverständlich nicht darum, ob Angriffskriege etwas Gutes sind, sondern welche politischen Folgen es haben muss, wenn der Bundeskanzler stets mit einem Bein im Gefängnis steht). Wir sind das einzige Land der Welt, dessen Armee von Verfassungs wegen als Parlamentsheer definiert ist; wir waren (bis zur Wiedervereinigung) das einzige Land, das nicht souverän über den Einsatz seiner Armee entscheiden konnte; wir sind der UNO beigetreten, ohne auf der Streichung der Feindstaatenklausel zu bestehen (welche besagt, dass die UNO uns die Rechte aus ihrer Charta verweigern kann) usw. Dies alles geschah auf der Basis eines Geschichtsbildes, wonach die Größe Deutschlands das Hauptproblem Europas gewesen sei (In Wahrheit war sie – vor Hitler – allenfalls das Hauptproblem Englands und Frankreichs; wenn die Geschichte eines gezeigt hat, dann dass Europa nur die Wahl zwischen der Vorherrschaft seines Zentrums – also Deutschlands – und der seiner Peripherie – also Amerikas und Russlands – hatte.) Es ist eine Tatsache, dass diese Geschichtsideologie eine der Westallierten, nicht so sehr der Russen war. Es ist eine Tatsache, dass es in Deutschland spätestens ab Fritz Fischers Geschichtsmachwerken „Griff nach der Weltmacht“ und „Krieg der Illusionen“ mit dem Aufkommen der Achtundsechzigerbewegung zum vorherrschenden Geschichtsbild wurde (Auch hier bin ich selbstverständlich nicht gegen jede Kritik an Deutschland, das wäre ja lächerlich. Wenn aber Mächte, die den Imperialismus auf eine bis dahin ungekannte Spitze getrieben hatten und selber Ambitionen auf deutsches, österreichisches und vor allem osmanisches Gebiet hegten, den davon betroffenen, offensichtlichen Status-quo-Mächten, die Schuld am Ausbruch des Ersten Weltkriegs, gar noch die Alleinschuld, in die Schuhe schoben, so war dies an Dreistigkeit kaum zu übertreffen, und die Historiker, die dies unterstützten, mussten schon gewaltig in die Trickkiste greifen, um es halbwegs plausibel zu machen, und bewegten sich dabei hart am Rande der Geschichtsklitterung), und wie ich gezeigt habe, wurde es spätestens mit Joschka Fischer zur Leitlinie deutscher Außenpolitik. Auch die Europäische Union verdankt einen erheblichen Teil ihrer Dysfunktionalität der Tatsache, dass man Deutschland möglichst viele Kompetenzen wegnehmen wollte. Da man dies Jahrzehnte nach dem Krieg aber nicht mehr zugeben konnte, mussten alle europäischen Staaten Eingriffe in den Kern ihrer Souveränität hinnehmen – dadurch sah es mehr nach Gleichberechtigung aus.

    Das alles kann man sagen, weil es wahr ist. Das ist weder antiwestlich noch antiamerikanisch und schon gar nicht antidemokratisch oder rechtsradikal. Es muss vielmehr gesagt werden können, wenn man eine ernsthafte und rationale Debatte über deutsche Politik führen will.

  • submarine:

    Thatcher

    Kennen Sie den Film ” Germany made in USA”, er wurde ausgestrahlt von Phoenix und beschreibt das, was Sie sagen, sehr schön. Als Zusammenfassung darf man wirklich sehr skeptisch sein, ob jemals etwas von Deutschen entschieden werden konnte. Es spricht nicht gerade für demokratische Freiheit, wenn ein deutscher KanzlerIn, vor Amtseid in die Vereinigten Staaten reisen muss, zu welchem Zweck auch immer. :mrgreen:
    Ich weiss nicht mehr, wo ich es gelesen habe, aber dort wurde behauptet, dass Deutschland noch bis zum Jahr, ich glaube es war 2090,
    alles mit den ehemaligen Alliierten absprechen muss. Es wäre interessant zu erfahren, ob das wirklich so ist.
    Vielleicht weiss es jemand und schreibt hier darüber.

  • submarine:

    Manfred, ein wunderbarer Spruch.
    “to keep the Russians out, the Americans in, the Germans down.”
    Schrecklich schön.

  • Thatcher:

    Nun, die Wahrheit siegt am Ende immer. Zwar muss sie sich eine Zeitlang wüste Beschimpfungen und Etikettierungen gefallen lassen, aber sie kann sich Zeit lassen, während die, die anstelle der Wahrheit die Lüge etablieren wollen, immer gegen die Uhr arbeiten. Die Wahrheit setzt sich von allein durch gegen die Lügen, eben weil sie die Wahrheit ist. Und wenn nicht ich die Wahrheit herausfinde und verkünde, weil man mich mund- oder ganz tot macht, so tun es andere an meiner Stelle, und es ist immer noch die unverwüstliche Wahrheit. Es lebe die Wahrheit! Es sterbe die Lüge!

    @submarine: Ich kenne diesen Film; man kann ihn sich bei GoogleVideo oder in 5 Teilen auch bei YouTube ansehen. Keinem Land der Welt wurde nach einem verlorenen Krieg so übel mitgespielt wie Deutschland. Ich verstehe langsam, warum die Deutschen bis zum Schluss Hitler die Treue hielten und er in ihren Augen sogar im Verlauf des Krieges immer legitimer wurde: Die Deutschen ahnten, was ihnen nach der Niederlage blühen würde. Man soll Kriege, wenn sie schon losgehen, auch gewinnen – egal welche Regierung man gerade hat. Daraus folgt auch, dass ein Krieg nur dann geführt werden soll, wenn er existentiell wichtig für die Nation und das Interesse anders gar nicht zu befriedigen ist. Manche Supermacht scheint dagegen ihre Kriege leichtfertig als routiniert-zynisches Tagesgeschäft zu sehen; da verrohen die Sitten dann schnell.

    Und an diejenigen, die meinen, sie dürften den Künder dieser Dinge in die “Rechtsradikalen”-Schublade stecken: Wenn ein NPD-ler sagt, dass 2 und 2 gleich 4 sind – ist die Rechnung deshalb falsch? Und wenn ein NPD-ler in bezug auf die BRD einige Wahrheiten ausspricht, hat er dann automatisch Unrecht? Manche verhalten sich mitunter so, als würden sie das ernsthaft annehmen. Ich sehe mich inzwischen gezwungen, zwischen dem Deutschen Volk und “seinem” Staat BRD deutlich zu unterscheiden – obwohl ich weiß, dass z.B. die NPD das auch macht. Deswegen will ich doch keine Juden vergasen, himmelherrgottnochmal! Und weil ich das nicht will, brauche ich mich auch nicht ins Bockshorn jagen lassen wie ein konditionierter Hund. Es ist mir einfach Wurst, wenn so jemand mir das unterstellt und mir mit solchen Etiketten Angst einjagen will – es fällt auf ihn/sie selbst zurück. Alle, die zwecks Auslösung des konditionierten politischen Reizes, auf den sie selbst kollektiv konditioniert wurden, “Verschwörungstheorie!” oder “rechtsradikal!” kreischen, sind, wo ich die Tatsachen kenne, in meinen Augen nur geistig gleichgeschaltete Büttel eines lügnerischen Systems, die sich selbst disqualifizieren.

    Noch absurder ist es allerdings zu vermuten, ich sei “antideutsch”, nur weil ich die BRD und ihre erlogenen Legenden sehr kritisch sehe. Ehrlich: In diese Schublade hat mich noch nie zuvor jemand zu stecken versucht. Antideutsche richten ihre Aversion, wie der Name sagt, gegen das ganze Volk und nicht nur gegen den Staat.

    Schaut mal in das Personendokument eines Bürgers eines beliebigen Landes (außer Deutschland) unter “Nationalität”, und ihr werdet dort den Namen eines Staates finden. Im deutschen Personalausweis steht da aber nur “deutsch”. Wir sind also Staatsangehörige des Staates “deutsch”, nicht der “Bundesrepublik Deutschland”, wie man naiverweise vermuten würde. Gibt es nun einen Staat, der “deutsch” heißt, oder sind wir alle staatenlos? Ich lege meine Hand dafür ins Feuer, dass das so beabsichtigt ist und bedeutet, dass die Bundesrepublik Deutschland NICHT der rechtmäßige Staat des Deutschen Volkes ist (das würde auch zum umfassenden Ausschluss des Volkes von allen wirklichen Entscheidungen passen; nicht einmal der fast machtlose Bundespräsident darf in einer Volkswahl bestimmt werden) und dieses folglich das Recht hat, sich einen anderen zu geben – wozu es zur Zeit aber nicht in der Lage ist.

    Die “Verschwörungstheorien” besagen, dass der Kanzlerkandidat vor seiner Vereidigung in die USA reisen muss, um dort die sogenannte “Kanzlerakte” zu unterzeichnen, die einem Geheimen Staatsvertrag entspräche. Daraus soll hervorgehen, dass es bis zum Jahr 2099 sowohl einen Souveränitätsvorbehalt der Alliierten als auch eine Medienhoheit der Alliierten über deutsche Zeitungen und Rundfunkanstalten gebe und dass ferner die Goldreserven des Reiches gepfändet seien. Diese Version beruht aber auf einem Schreiben, das höchstwahrscheinlich eine Fälschung ist. Dennoch gibt es zwischen den politischen und wirtschaftlichen Eliten genügend dubiose Verstrickungen, die eine Bindung der deutschen Regierung an alliierte Interessen auch anderweitig sicherstellen können.

    Ein paar unbequeme Tatsachen:
    Der alliierte Souveränitätsvorbehalt leitet sich aus der Fortgeltung wesentlicher Teile des Überleitungsvertrages von 1955 im “2+4-Vertrag” von 1990 her. Dieser Vertrag verdient höchste Aufmerksamkeit, denn er gründet sich auf Artikel 23 GG, der zum Zeitpunkt des Inkrafttretens des 2+4-Vertrages gar nicht existent war! Außerdem werden als Bezeichnung für den zu schaffenden Staat die Bezeichnungen “Bundesrepublik Deutschland” und “Das vereinte Deutschland” alternierend verwendet, so dass nicht einmal klar ist, ob die heutige Bundesrepublik mit dem “Staatsfragment”, das von 1949 bis 1990 in Westdeutschland bestand, überhaupt identisch ist. Dabei handelt es sich garantiert nicht um Schlamperei; nicht in einem so eminent wichtigen Vertrag! Aber Helmut Kohl war so begierig, durch die Unterzeichnung dieses Vertrags als “Kanzler der Einheit” in die nachkriegsdeutsche Geschichte einzugehen, dass er nicht nur über diese “Unebenheiten” hinwegsah, sondern auch noch die Oder-Neiße-Linie als neue deutsche Ostgrenze anerkannte – was er nicht hätte tun müssen. Dass auch die Aufgabe der Währungssouveränität (in Gestalt der Deutschen Mark) und die Aufnahme einer großen Anzahl krimineller arabischer Einwanderer während der ’80er Jahre auf sein Konto gehen, muss ich hier nicht extra erwähnen; vor diesem Hintergrund ist die Kanonisierung dieses Mannes äußerst fragwürdig.

    Auch 64 Jahre nach Kriegsende und 20 Jahre nach der Wiedervereinigung ist also die Nachkriegszeit immer noch nicht vorbei, weil das Besatzungsregime im Stillen tatsächlich fortbesteht. Rechtlich ist es nämlich so, dass es immer noch keinen Friedensvertrag gibt, der den II. Weltkrieg offiziell beendet, und die Feindstaatenklausel, die sich auf das Deutsche Reich bezieht, immer noch in Kraft ist, d.h. wenn sich anstelle der BRD (bzw. dem “vereinten Deutschland” des 2+4-Vertrages) das souveräne Deutsche Reich wieder erheben sollte, würde der Krieg an der Stelle weitergehen, wo er 1945 unterbrochen wurde. Vertrackt und fatal für unser Volk. Man soll Kriege eben nicht verlieren!

  • submarine:

    @ Thatcher

    Auch 64 Jahre nach Kriegsende und 20 Jahre nach der Wiedervereinigung ist also die Nachkriegszeit immer noch nicht vorbei,

    Das ist Realität. Realität ist auch, dass Deutschland zwar einen “Verfassungsschutz” hat, aber keine Verfassung. Richtig müsste es dann doch heissen “Grundgesetzschutz” . :evil:

  • Manfred:

    @ Thatcher: Es gibt auch die genau umgekehrte Lesart:

    http://www.uni-kassel.de/fb5/frieden/themen/Befreiung/polen-grenze.html

    Demnach ließe Deutschland das Deutsche Reich bewusst nicht sterben, um eine Art Reservestaat im Kleiderschrank hängen zu haben, den man sich bei Bedarf überstreifen kann und für den kein Vertrag der Bundesrepublik gelten würde. Demnach hätte Deutschland tatsächlich zwei Staaten: die real existierende Bundesrepublik und das als Rechtsfiktion fortexistierende Deutsche Reich, das man aber jederzeit wieder aufleben lassen könnte. Die Oder-Neiße-Linie wurde gegen den Willen der Alliierten nicht anerkannt (wobei ich mich ernsthaft frage, wozu dieser Vorbehalt gut sein soll – die politische Integrität der Nation ist mir allemal wichtiger als die geographische Ausdehnung ihres Staates, welches Staates auch immer).

    Ähnlich beim Euro: Dessen Einführung war tatsächlich der Preis für die Wiedervereinigung. Zugleich aber wurde er zu einem Klon der D-Mark. Dass die EZB ihren Sitz in Frankfurt hat, ist mehr als ein Symbol. Die Philosophie, der Geldwertstabilität höchste Priorität zu geben und sie durch die Unabhängigkeit der Zentralbank zu sichern, ist eine deutsche Philosophie, über die die Franzosen am liebsten täglich abkotzen würden. Man kann die Einführung des Euro als Teil der “Europäisierung” Deutschlands sehen, man kann sie aber auch mit ebenso guten Argumenten als Beginn einer deutschen Vorherrschaft über Europa betrachten.

    Ich sage das nur, um deutlich zu machen, wie sehr es eine Frage der Lesart und Interpunktion ist, was man aus an sich unstrittigen Fakten macht, und dass es nicht immer gut ist, sich auf eine Lesart festzulegen. Unter Umständen stimmen nämlich beide, und es ist eine Frage der weiteren politischen Entwicklung, welche Lesart im Rückblick der Historiker in hundert Jahren als die “richtige” gelten wird.

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