Non veni pacem mittere sed gladium. (Mt 10,34)
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Die beiden französischen Sozialforscher Youssef Courbage und Emmanuel Todd untersuchen den Zusammenhang zwischen Islam und demographischer Expansion eingehend und unter Rückgriff auf hochinteressante Statistiken, beweisen dabei aber ziemlich genau das Gegenteil dessen, was sie zu beweisen beanspruchen:

Einen ‘Kampf der Kulturen’ wird es nicht geben. Wenn man die Indikatoren der gesellschaftlichen und politischen Entwicklung betrachtet, muss man sich im Gegenteil dem Gedanken an eine ‘Begegnung der Kulturen’ anschließen.“1

Sie grenzen sich dabei ausdrücklich von so unbedarften Zeitgenossen wie dem Verfasser von “Das Dschihadsystem” ab:

Die Kritiker des Islam suchen im Leben Mohammeds und im Koran nach den Ursachen der angeblichen geistigen und kulturellen Erstarrung in der muslimischen Welt. Für sie ist der islamische Fundamentalismus der Ausdruck einer unüberbrückbaren Kluft zwischen den Muslimen und den Bürgern des Westens.

Dieser Essay wird den oberflächlichen Charakter von solchen pessimistischen und aggressiv vorgetragenen Befunden aufzeigen.“2

Nichts wäre nun selbstverständlicher, als diesem Versprechen Taten folgen zu lassen, also wenigstens exemplarisch einige der besagten Kritiker des Islam zu benennen, ihre Theorie kurz zu skizzieren, um dann deren „Oberflächlichkeit“ darzulegen. Dass nichts dergleichen geschieht, ist die erste Enttäuschung, die einem die Autoren bereiten.

Die zweite besteht darin, dass sie schon in der Einleitung eine These entwickeln, die der von Titel („Die unaufhaltsame Revolution“) und Untertitel („Wie die Werte der Moderne die islamische Welt verändern“) ins Gesicht schlägt: Wenn nämlich die westlichen Werte die islamische Welt so tiefgreifend verändern, dass Todd und Courbage von einer „Revolution“ sprechen, so bedeutet bereits das Wort „Revolution“ im landläufigen – und gewiss im französischen – Sinne, dass hier ein ancien régime gestürzt wird, und zwar durch den Siegeszug der westlichen Werte. Dieses ancien régime kann aber in diesem Zusammenhang nichts anderes sein als der Islam in seiner Eigenschaft als Grundlage der gesellschaftlichen Ordnung. Die These, die Todd/Courbage tatsächlich vertreten – der Fortgang der Analyse wird das zeigen -, lautet also, dass der Westen den Kampf der Kulturen gewinnen wird. Nun, das kann man natürlich behaupten. Man kann aber nicht gleichzeitig behaupten, diesen Kampf gebe es gar nicht.

Dass der Islam auf die Zersetzung, der er (nicht als Religion, wohl aber als dominantes Werte- und Normensystem) in der Tat in seinen Stammländern ausgesetzt ist, aggressiv und mit dem Versuch reagieren könnte, seinerseits den Westen zu zersetzen, ist eine Möglichkeit, die nicht erörtert wird. Schauplatz des Dschihads ist ausschließlich die islamische Welt; die westliche und deren denkbare Islamisierung bleiben außer Betracht.

Die Grundthese der Autoren lautet nun, dass die Entwicklung der islamischen Welt sich jener der westlichen angleichen wird. Hierzu gilt es zunächst plausibel zu machen, dass der Islam entgegen dem Augenschein keine totalitäre Gewaltideologie sei:

Das Religiöse existiert unabhängig von den Besonderheiten des jeweiligen Glaubens. Psychologisch und gesellschaftlich betrachtet, sind Christentum, Buddhismus, Hinduismus, Islam und Animismus im Grunde das Gleiche: eine Deutung der Welt, die dem Leben einen Sinn gibt und es den Menschen ermöglicht, sich in ihrer gesellschaftlichen Umgebung ethisch korrekt zu verhalten. Die Besonderheiten des jeweiligen Glaubens, der Gott oder die Götter, die Art, wie das metaphysische Heil angestrebt wird, der moralische Verhaltenskodex und die Verbote spielen erst in zweiter Linie eine Rolle.“3

So populär die hier formulierte Ideologie auch ist – und so wenig die Autoren sie deshalb begründen zu müssen glauben -, so absurd ist sie:

Die Fragen nach dem Sinn des Lebens, nach der Ewigkeit, der Schöpfung, der Unterscheidung von Gut und Böse drängen sich dem Menschen auf, weil der Mensch ein über sich selbst reflektierendes Wesen und in dieser Hinsicht einzigartig unter den Geschöpfen ist. Aus dieser Gleichartigkeit der Fragen auf die Gleichheit der Antworten zu schließen, ist ein schwerwiegender Verstoß gegen elementare Logik.

Dass die Unterschiede zwischen den Religionen, und speziell zwischen dem, was jeweils als „ethisch korrektes Verhalten“ gilt, erst „in zweiter Linie eine Rolle“ spielen, ist eine weder theologisch noch religionssoziologisch begründete dogmatische Setzung der Autoren, die es erkennbar darauf anlegen, die Religion als denkbare Ursache für Fehlentwicklungen muslimischer Gesellschaften auszuschließen. Ihr Ansatz läuft also darauf hinaus, das System der kulturellen Selbstverständlichkeiten anders zu erklären als mit der von mir favorisierten religionszentrierten Theorie; er verdient daher eine eingehende Würdigung:

Todd und Courbage gehen davon aus, dass die politischen Ideologien und kulturellen Leitbilder einer Gesellschaft sich vor allem aus den in ihr traditionell vorherrschenden Familienstrukturen ableiten ließen. Wo letztere, wie in Frankreich, Russland und China, auf der rechtlichen Gleichheit der Söhne basierten, seien die gesellschaftlich vorherrschenden Ideologien universalistisch, wohingegen etwa in Deutschland die Bevorzugung des Erstgeborenen und die Benachteiligung der folgenden Söhne die Regel gewesen sei; deswegen habe Deutschland nicht eine universalistische und auf Gleichheit beruhende Ideologie hervorgebracht, sondern den Nationalsozialismus mit seiner postulierten und gewaltsam durchgesetzten Ungleichheit der Völker und Rassen.

Leider prüfen die Autoren keine Alternativmodelle zu dem von ihnen unterstellten Zusammenhang von Familienstruktur und politischer Ideologie. Statt das Verhältnis der Brüder untereinander zum Grundmodell von Beziehungen der Völker untereinander zu erklären, wie Todd und Courbage es tun, könnte man mit besseren Argumenten die Beziehungen der Familie zu anderen Familien als Grundmodell von Völkerbeziehungen und die Beziehungen des Einzelnen zu seiner Familie als Grundmodell seiner Beziehung zu Kollektiven überhaupt (also auch zu seinem Volk) behandeln. Mit besseren Argumenten deshalb, weil Brüder nun einmal Einzelpersonen und keine Kollektive sind.

Dass Todds und Courbages Hypothese auf schwachen Füßen steht, merkt man beim (halbherzigen) Versuch der Autoren, sie auf den Islam anzuwenden: Da das islamische Recht die Söhne gleich behandle, sei die in islamischen Gesellschaften vorherrschende Ideologie universalistisch. Die logische Konsequenz aus dieser Theorie – die die Begriffe „egalitär“ und „universalistisch“ in einen Topf wirft – wäre, dass diese Ideologie die Gleichberechtigung aller Menschen und Völker propagiere.

Bemerkenswerterweise wird diese Konsequenz von den Autoren4 zwar angedeutet und suggeriert, aber nicht explizit gezogen. Darauf kommt es auch nicht an: Dass diese Schlussfolgerung sich aufdrängt, genügt, die Prämissen im Sinne eines Widerspruchsbeweises zu widerlegen, denn selbstredend erkennt der Islam mitnichten die Gleichberechtigung von Muslimen und Nichtmuslimen an, egal ob einzeln oder im Kollektiv.

Wenn wir Todds Theorie allerdings modifizieren und den Blick auf das Verhältnis des Einzelnen zur Familie und der je eigenen Familie zu den fremden lenken, die familiäre Ordnung als Spiegelbild und zugleich Grundmodell der Gesellschaft behandeln, wie sie nach islamischer Vorstellung sein sollte, und Todd/Courbages eigene Befunde im Lichte dieser modifizierten Theorie interpretieren:

Dann ist es auffallend, welch enorme Rolle die Verwandtenehe in islamischen Ländern spielt: Die Autoren machen viel Aufhebens um die unterschiedlich hohe Verbreitung der endogamen Ehe in unterschiedlichen Ländern; der niedrigste Wert (Bangladesh) liegt bei 10 Prozent endogamen Ehen (an Ehen insgesamt), der höchste bei 57 Prozent (Sudan).

Nur kommt es hier nicht auf den Vergleich islamischer Länder untereinander an, sondern auf den von islamischen und westlichen Ländern, und gemessen an westlichen Standards sind selbst zehn Prozent ein ungewöhnlich hoher Wert. Dabei sind diese zehn Prozent bereits ein statistischer Ausreißer nach unten. Die Autoren legen Zahlen für neunzehn islamische Länder vor, und von denen weisen nicht weniger als sechzehn (!) Endogamiequoten von 25 Prozent und höher auf. Interessanterweise scheint der Anteil solcher Ehen bei muslimischen Migranten im Westen höher zu sein als in den Herkunftsländern. So beträgt der Anteil von Verwandtenehen in der Türkei nach Angaben von Todd/Courbage 15 Prozent, bei Türken in Deutschland aber 25 Prozent.5

Das bedeutet, dass bei der Partnerwahl die Zugehörigkeit zur eigenen erweiterten Familie ein positives Kriterium ist. Was darauf schließen lässt, dass die innerfamiliäre Solidarität (die bei exogamen Ehen weniger sicher zu sein scheint) ein enorm hoher Wert ist. So hoch, dass sogar die durchaus bekannte erhöhte Gefahr von Missbildungen bei Kindern aus solchen Verbindungen in Kauf genommen wird6. Es ist allgemein bekannt, dass Ehen im islamischen Kulturkreis sehr häufig von den Eltern arrangiert werden, und dass die Interessen der betroffenen künftigen Ehepartner dabei normalerweise nachrangig sind.

Nimmt man diese Informationen zusammen und schließt von ihnen auf die mutmaßlich vorherrschende Gesellschaftsauffassung, so bedeuten sie, dass der Einzelne vor allem als Glied der Familie zählt, deren Wohl er sein Leben unterzuordnen hat. Wenn die Familienstrukturen also die Basis der vorherrschenden Gesellschaftsideologie darstellen, wie Todd und Courbage ja behaupten, dann wird man aufgrund des von ihnen selbst vorgelegten Befundes mindestens sagen müssen, dass diese Ideologie kollektivistisch, und dass Freiheit im Sinne individueller Persönlichkeitsentwicklung in ihr nicht vorgesehen ist. Dies deckt sich sowohl mit vielen qualitativen Beschreibungen der Verhältnisse in muslimischen Familien als auch mit der impliziten Logik der koranischen Lehre.7

Wenn wir dies feststellen, nämlich die Übereinstimmung zwischen Religion, Familienstruktur und Ideologie, dann ist die Frage, ob zuerst der Islam da war oder zuerst die Familienstruktur, ein klassisches Henne-Ei-Problem, weil man beide Faktoren nicht unabhängig voneinander betrachten kann. Wie schon im zweiten Kapitel von “Das Dschihadsystem” ausgeführt, ist die leitende Frage für den Sozialwissenschaftler nicht, wie bestimmte soziale Konstellationen ursprünglich einmal entstanden sind, sondern wie sie sich reproduzieren.

So wie der Prophet sich mit den vorgefundenen Sozialstrukturen arrangieren musste, so mussten sich diese Strukturen – eben zum Beispiel die familiären – vierzehn Jahrhunderte lang mit dem Islam arrangieren. Wenn beides nicht zusammenpassen würde, wäre eines von beiden verschwunden: entweder der Islam oder die Sozialstruktur.

Todd/Courbages Kernargumente sind freilich zwei andere:

Sie führen durchaus zutreffend aus, dass es einen universellen Zusammenhang zwischen Alphabetisierung einerseits und dem Rückgang der Geburtenraten andererseits gibt, wobei sie, abweichend von der Standardtheorie, der Alphabetisierung auch der Männer einen hohen Stellenwert einräumen. Um diese Zusammenhänge nachzuweisen, setzen sie den Zeitpunkt der Alphabetisierung8 in Bezug zu dem Zeitpunkt, zu dem die Geburtenraten zurückgingen, berechnen die Korrelation und kommen zu folgendem Ergebnis:

Bei der Gesamtheit unserer Stichprobe unter muslimischen und nichtmuslimischen Ländern … beträgt der Korrelationskoeffizient … zwischen der Alphabetisierung der Männer und dem Geburtenrückgang +0,84 und zwischen der Alphabetisierung der Frauen und dem Geburtenrückgang +0,80. Die Wahrscheinlichkeit ist also insgesamt sehr hoch, dass zwischen den jeweiligen Variablen tatsächlich ein Zusammenhang besteht. Die beiden zuletzt genannten Koeffizienten offenbaren einen geringen, aber erkennbaren Unterschied zwischen den Geschlechtern: Die Alphabetisierung der Männer spielt beim Geburtenrückgang offenbar eine etwas größere Rolle als die der Frauen. Bei den muslimischen Ländern allein beträgt der Korrelationskoeffizient, der die männliche Alphabetisierung und den Geburtenrückgang in Beziehung setzt, nur noch +0,61, der zwischen der weiblichen Alphabetisierung und dem Geburtenrückgang nur noch+0,55. Hier ist der Unterschied größer. Ganz offenbar spielen die Männer in den muslimischen Ländern beim Geburtenrückgang eine deutlich größere Rolle als die Frauen, obwohl die Männer hier später alphabetisiert wurden als anderswo.“9

Die Autoren sind so begeistert von ihrer Entdeckung minimaler Korrelationsunterschiede (0,84 zu 0,80 und 0,61 zu 0,55) zwischen Männern und Frauen, dass sie die dramatische Kluft, die in dieser Hinsicht nach ihren eigenen Daten zwischen der islamischen Welt und der Gesamtheit aller analysierten Länder klafft (0,84 zu 0,61 und 0,80 zu 0,55), glatt übersehen oder jedenfalls nicht thematisieren.10

Tatsächlich lautet das Ergebnis dieser Untersuchung, dass zwar ein Zusammenhang zwischen Alphabetisierung und Geburtenrückgang auch in der islamischen Welt existiert, dort aber signifikant geringer ist als in der westlichen!

Es ist nicht erkennbar, durch welchen anderen Faktor als den der Religion eine solche Diskrepanz erklärbar sein soll. Todd/Courbage jedenfalls führen schon deshalb keinen an, weil sie den ganzen Sachverhalt stillschweigend unter den Tisch fallen lassen. Mit ihrer deterministischen Konvergenzhypothese, wonach das Reproduktionsverhalten der islamischen Welt sich über kurz oder lang dem der westlichen anpassen werde, ist dieser Befund ja auch offenkundig unvereinbar.

Ihr zweites Kernargument lautet, dass historisch dem Rückgang von Geburtenraten stets eine Krise der Religion vorausgegangen sei. Sie belegen dies anhand historischer Daten vor allem (aber nicht nur) aus christlich geprägten europäischen Ländern. Eine durchaus plausible, für Europa sogar zwingende Überlegung und eine gut belegte Hypothese. Könnte man nun nachweisen, dass der Glaubensverlust in islamischen Ländern ebenso voranschreitet wie vor hundert oder zweihundert Jahren in Europa – ja, dann wäre die islamische Welt ohne Zweifel ebenso auf dem Marsch in den Atheismus, Synkretismus und Individualismus wie Europa, und der Kampf der Kulturen löste sich wahrscheinlich in Wohlgefallen auf.

Allerdings kann von einer Glaubenskrise in der islamischen Welt nicht ernsthaft die Rede sein. Menschen, die nicht an Gott glauben, sind unter Muslimen nachweislich deutlich seltener vertreten als unter Nichtmuslimen11, und Todd/Courbage behaupten auch nichts anderes. Da sie in der islamischen Welt einen Geburtenrückgang feststellen, nicht aber eine Glaubenskrise, versuchen sie ihr Standardmodell mit folgender Argumentation zu retten:

Bei der Interpretation der Statistik steht man … vor folgender Alternative:

Nach einer Deutung ist der Rückzug des Glaubens in den muslimischen Ländern – anders als in zahlreichen anderen Regionen der Welt – keine Vorbedingung für den Geburtenrückgang. Verteidigen ließe sich diese These mit der besonderen Toleranz des Islam gegenüber der Verhütung. Demnach wäre diese Religion entgegen dem Klischee der Fortschrittsfeindlichkeit als die einzige große Religion mit der demographischen Modernisierung … unmittelbar vereinbar. Diese Schlussfolgerung erscheint allerdings übertrieben optimistisch, wenn man sich daran erinnern, dass alle religiösen Systeme zur Fortpflanzung ermuntern und damit das Bevölkerungswachstum fördern.“12

Der Islam kennt tatsächlich kein Äquivalent zum jüdisch-christlichen „Seid fruchtbar und mehret euch“ und hat dementsprechend auch kein Problem mit der Verhütung – sehr im Unterschied zum Christentum.

Statt diesen Unterschied zu akzeptieren und einfach anzuerkennen, dass “der Rückzug des Glaubens in den muslimischen Ländern – anders als in zahlreichen anderen Regionen der Welt – keine Vorbedingung für den Geburtenrückgang“ ist, verfügen die Autoren, dass „alle religiösen Systeme zur Fortpflanzung ermuntern“ und der Islam also doch ein Problem mit der Verhütung haben muss. Weil, so schließt man messerscharf, nicht sein kann, was nicht sein darf: Das Dogma, wonach alle Religionen das Gleiche wollten, darf unter keinen Umständen angefochten werden. Nicht einmal dort, wo man „dem Klischee der Fortschrittsfeindlichkeit“ entgegentreten und die Vereinbarkeit von Islam und Moderne belegen könnte.13

Da die erste Alternative also – wiederum durch dogmatische Setzung – aus der Welt geschafft ist, bieten die Autoren uns eine zweite an:

Die zweite Deutung ist wohl eher stichhaltig: Entgegen dem augenblicklichen Anschein ist der traditionelle Glaube in denjenigen muslimischen Ländern, in denen die Geburten zurückgehen, massiv ins Wanken geraten. (…) Muss man angesichts des … Geburtenrückgangs die Hypothese einer Entislamisierung aufstellen? Sollte eine solche Entwicklung in Gang gekommen sein, wenn auch erst unterschwellig und gewissermaßen unsichtbar? Derzeit können wir diese gewagte Hypothese noch nicht bestätigen.“14

Hier wird dem Leser ein Zirkelschluss untergejubelt: Die Autoren erklären den Geburtenrückgang mit dem Glaubensverlust; da sie den aber nicht beweisen, nicht einmal belegen können, „beweisen“ sie seine Existenz mit dem Geburtenrückgang. Ein solches Vorgehen spottet jeglicher wissenschaftlichen Redlichkeit.

Damit man sie aber nicht auf diese These festnageln kann (obwohl sie „wohl eher stichhaltig“ und obendrein die zweite von zwei Möglichkeiten ist, von denen sie die erste ausgeschlossen haben), nennen sie es eine „gewagte Hypothese“, die sie „noch nicht bestätigen“ können, wobei das Wort „noch“ die Mitteilung an den Leser beinhaltet, dass er diese „gewagte Hypothese“ ruhig schon einmal glauben solle, weil ihre Bestätigung sozusagen nur eine Frage der Zeit sei.

Wenn wir also die Standardtheorie vereinfacht so zusammenfassen, dass Glaubenskrise und Alphabetisierung zusammen die Ursache für einen langfristigen Geburtenrückgang seien, dann bedeutet dies, dass der tatsächlich feststellbare Geburtenrückgang in der islamischen Welt auch in Zukunft nicht zu so existenzgefährdend niedrigen Geburtenraten führen wird wie im Westen, und zwar deswegen, weil zwar die Alphabetisierung Fortschritte macht, nicht aber die Zersetzung der Religion.

Genau in diesem Sachverhalt dürfen wir auch die Ursache dafür suchen, dass die Korrelation zwischen Alphabetisierung und Geburtenrückgang, wie oben erwähnt, in der islamischen Welt deutlich schwächer ausgeprägt ist als im Westen.

Die Annahme, alle Religionen seien im wesentlichen gleich, führt die Autoren direkt zu dem Fehlschluss, sie erfüllten in allen Gesellschaften dieselbe (wenn überhaupt eine) soziale Funktion. Das wird natürlich so ausdrücklich nicht gesagt: Todd und Courbage sprechen in dem oben zitierten Abschnitt lediglich von den psychischen Funktionen von Religion – selbst der Faktor „Ethik“ wird unter dem Gesichtspunkt individueller Orientierung gesehen, nicht seiner sozialen Wirkungen. Dass Religion eine soziale Funktion haben könnte, scheint den Autoren überhaupt nicht in den Sinn zu kommen, jedenfalls stellen sie nicht die Frage nach der sozialen Funktion des Islam, schon gar nicht unter dem Aspekt seiner Unterschiede zum Christentum.

Dabei sollte es auf der Hand liegen, dass eine Religion, die alle Bereiche der von ihr geprägten Gesellschaften regelt, in einem viel höheren Maße gesellschaftlich verbindlich sein muss als eine, die man als reine Privatsache auffassen kann und die lediglich psychische Funktionen zu erfüllen scheint, wie etwa das zeitgenössische Christentum. Eine Glaubenskrise wäre im Islam gleichbedeutend mit einer Gesellschaftskrise; ihn ins bloß Private abzudrängen hieße die Auflösung der Gesellschaft zu riskieren.

Es mag verführerisch sein, aus äußerlichen Ähnlichkeiten zwischen Fundamentalismen verschiedener Religionen auf eine Wesensgleichheit zu schließen und den Islamismus deshalb bloß für die letzte Zuckung einer in Wahrheit zur Bedeutungslosigkeit verurteilten Religion zu halten. Wer so argumentiert, und Todd/Courbage schließen aus der Popularität islamisch-fundamentalistischer Positionen auf einen dadurch verdeckten Glaubensverlust, denkt an die Rolle, die der christliche Fundamentalismus in Europa spielt; nämlich eine Außenseiterrolle.

Nur sollte er sich dann konsequenterweise fragen, warum der Islamismus in islamischen Ländern die gesellschaftliche Leitideologie ist und islamistische Parteien praktisch jede Wahl gewinnen, zu der sie überhaupt antreten dürfen, während man dies von christlich-konservativen Parteien in Europa eben nicht behaupten kann.

Da Todd und Courbage den sozialen Kontext der islamischen Religion völlig außer Betracht lassen, verkennen sie die existenzielle Bedeutung, die die Aufrechterhaltung des Islam als Glaube und als soziales System für Muslime und ihre Gesellschaften hat.

So entgeht ihnen auch die Rolle des demographischen Dschihad: Um dem auf die Spur zu kommen, müssten sie nicht nur die heutigen Geburtenraten islamischer Gesellschaften mit den früheren vergleichen, sondern vor allem die Geburtenraten islamischer mit denen solcher nichtislamischer Gesellschaften, mit denen sie dasselbe Land teilen. Dankenswerterweise stellen sie uns eine Reihe von Daten zur Verfügung, die einen solchen Vergleich ermöglichen:

Aus diesen Daten geht hervor, dass bei Aufeinandertreffen von muslimischen und nichtmuslimischen Volksgruppen im selben Land oder derselben Region die Geburtenrate der Muslime fast immer höher ist als die der Nichtmuslime.15

Besonders aufschlussreich ist die Tabelle16, in der für jeden der siebzehn indischen Bundesstaaten die Geburtenraten von Hindus und Muslimen einander gegenübergestellt werden. Nur in einem einzigen von diesen siebzehn sind die Geburtenraten wenigstens gleich, in allen übrigen sechzehn liegt die Geburtenrate der Muslime höher als die der Hindus. Die Autoren fügen eine Aufstellung der Analphabetinnenraten bei. Es könnte ja immerhin sein (und würde Todd/Courbages Theorie entsprechen), dass der geringere Bildungsstand der Musliminnen die höheren Geburtenraten erklärt. Dies ist aber nicht der Fall: Die Analpabetinnenrate ist in immerhin sieben von siebzehn Bundesstaaten unter Hindus größer als unter Muslimen, ohne dass sie deswegen auch höhere Geburtenraten aufwiesen.

Seit siebenhundert Jahren benutzt die westliche Wissenschaft „Ockhams Rasiermesser“: Das heißt sie folgt der Regel, dass bei zwei einander widersprechenden Theorien diejenige vorzuziehen ist, die mit einem Minimum an Erklärungsfaktoren ein Maximum an Phänomenen erklärt. Unter der Diktatur der Political Correctness gerät diese bewährte Regel immer mehr in Vergessenheit, und zwar zugunsten des Prinzips, dass nicht sein kann, was nicht sein darf.

Todd/Courbages Studie ist ein Musterbeispiel für solch „politisch korrekten“ Umgang mit dem sozialen Phänomen „Islam“: Um zu vermeiden, dass der Islam zum erklärenden Faktor wird, greifen die Autoren willkürlich und eklektisch nach alternativen Erklärungsmustern, um den Sachverhalt durchweg höherer Geburtenraten von Musliminnen mit anderen Faktoren als den Auswirkungen des Islam zu erklären. Mal ist es die subalterne Stellung von Frauen, mal ihre geringe Alphabetisierung, mal die relative Armut muslimischer Bevölkerungsgruppen – das alles hat selbstredend nichts mit dem Islam zu tun -, mal die Position von Muslimen als Minderheit. Der gemeinsame Nenner dieser Ad-hoc-Theorien ist ausschließlich, dass sie nicht den Islam als Ursache benennen. Stets sollen es lokale Besonderheiten sein, die „rein zufällig“ zu einer globalen Regelmäßigkeit führen.

Im Falle Malaysias, um nur ein Beispiel zu nennen, erwähnen die Autoren ausdrücklich, dass die Steigerung der Geburtenrate der Muslime Teil einer Politik ethnischer Verdrängung von Indern und Chinesen war, ziehen daraus freilich nicht den naheliegenden Schluss, dass ethnische Verdrängung im 20. und 21. Jahrhundert ebenso ein Mittel des Dschihad sein könnte wie in den 14 Jahrhunderten zuvor, sondern betrachten den Islam bloß als ein Mittel zum Zwecke der Stiftung „nationaler“ Identität. Sie verbleiben damit damit in jenem von europäischen Denkgewohnheiten geprägten Interpretationsschema, das, einem roten Faden gleich, ihre ganze Studie durchzieht. Wenn eines Tages ihr eigenes Land – Frankreich – islamisch ist, und es ist durchaus möglich, dass sie beide das noch erleben werden, werden sie uns zweifellos versichern, die hohen Geburtenraten der dortigen Muslime hätten nichts mit dem Islam zu tun. An dem Ergebnis, dass Frankreich eine islamische Republik sein wird, wird dies freilich nichts ändern.

1 Youssef Courbage/Emmanuel Todd, Die unaufhaltsame Revolution. Wie die Werte der Moderne die islamische Welt verändern, München 2008, S.7

2 ebd.

3 ebd., S.27

4 ebd., S.55 unten

5 „Oft werden diese Verbindungen von der Familie arrangiert – laut einer Befragung des Essener Zentrums für Türkeistudien (ZfT) machen sie ein Viertel der Heiraten von Türkischstämmigen in Deutschland aus.“ Christoph Wöhrle, Inzest: Wenn der Cousin mit der Cousine schläft, in: Die Welt, 25.2.07, http://www.welt.de/vermischtes/article732888/Wenn_der_Cousin_mit_der_Cousine_schlaeft.html

6 „Immer mehr Kinder im Berliner Stadtteil Neukölln kommen mit angeborenen Behinderungen zur Welt. Als Grund wird Inzest vermutet. Die Ehe zwischen Verwandten unter türkischen und arabischen Migranten ist weit verbreitet und ein Tabuthema.“ ebd.

7 Es deckt sich freilich nicht mit der Ideologie sogenannter oder auch bloß so genannnter „Migrationsforscher“, die die Aufklärung über die gesundheitlichen Gefahren von Verwandtenehen zu hintertreiben versuchen: „Nicht nur Vertreter der großen Islamverbände Milli Görus und Ditib verurteilen Yadigaroglus [zur Aufklärung über die Gefahren von Verwandtenehen] Engagement als stigmatisierend. Schützenhilfe bekommen sie von einigen Migrationsforschern, die schnell vor Islamfeindlichkeit warnen.“, „Migranten: Verwandt, verlobt, verheiratet“, Zeit online, 27.3.07, http://www.zeit.de/online/2007/12/verwandtenehe?page=all

8präzise: den Zeitpunkt, zu dem die Alphabetisierung der Männer bzw. Frauen zwischen 20 und 24 Jahren die 50-Prozent-Marke überschritt

9 Courbage/Todd, a.a.O. S.20ff.; Hervorhebung im Original

10 Dabei ist noch nicht einmal einkalkuliert, dass die islamischen Länder in der Gesamtstichprobe ja bereits enthalten sind, der Unterschied also noch größer ausfallen würde, wenn man lediglich islamische mit nichtislamischen Ländern vergleichen würde statt die islamischen mit allen.

11 Charles F. Westoff, Thomas Frejka, Religiousness and fertility among European Muslims, Rostock 2006, S.13f. (http://www.demogr.mpg.de/papers/working/wp-2006-013.pdf)

12 Todd/Courbage, a.a.O. S.34

13 Es lohnt sich, einen Moment nachzudenken, woher es eigentlich kommt, dass der Islam gerade in diesem Punkt so „modern“ aussieht: Wie die Korananalyse (Das Dschihadsystem, Kap. III) ergeben hat, misst der Islam dem menschlichen Leben keinen Wert an sich bei; das Leben ist vielmehr dazu da, für Allah geopfert zu werden, es ist Mittel zum Zweck. Eine Ethik des kompromisslosen Lebensschutzes, wie sie speziell von der katholischen Kirche verfochten wird, wäre in einem solchen Kontext in der Tat inkonsequent. – Beschreiben wir die westliche Moderne zur Abwechslung in theologischen statt in sozialwissenschaftlichen Begriffen, so stellen wir eine rapide Paganisierung fest: Eine Gesellschaft, die die Heiligkeit des menschlichen Lebens für eine reaktionäre Marotte hält, ist im Kern heidnisch. Es liegt in der Natur der Sache, dass der Islam, der in diesem Punkt schon immer heidnisch war, plötzlich sehr modern aussieht. Mit „Fortschritt“ hat das nichts zu tun, insofern lässt sich aus diesem Sachverhalt auch kein Argument gegen das  „Klischee der Fortschrittsfeindlichkeit“ gewinnen: Der Islam hat einfach das menschliche Leben schon immer so gering geachtet, wie der Westen es erst heute tut.

14 ebd.; Hervorhebung im Original

15 Das gilt für den Libanon (ebd., S. 108), Israel (S.112), den indischen Subkontinent (S.131), den Balkan (S.162), Nigeria (S.189), Elfenbeinküste (S.191), Burkina Faso (S.191) und Malaysia (S.180). Die einzigen Ausnahmen sind die jüdischen Siedler im Westjordanland, deren Geburtenrate die der Palästinenser knapp überschritt – und dies erst seit 2005 – (S.114), und der Tschad, wo Christinnen im Durchschnitt 6,5 Kinder gebären, Musliminnen aber „nur“ 6,2 (S.192)

16 ebd., S. 135

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