Non veni pacem mittere sed gladium. (Mt 10,34)
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Es mag eine Befreiung darin liegen zu konstatieren: Wir, der Westen insgesamt, Amerika ohnehin, befinden uns in einer Phase untergehender Kultur. Kein Grund, eine Krankheit zu bejammern oder zu verdrängen, deren Symptome allzu deutlich sind. Leben mit dem Krebs muß möglich sein.

Sicher, die Systeme, oftmals überkomplex, daher fragil und angreifbar, funktionieren, jedenfalls die technischen und ökonomischen, jedenfalls für die meisten. Die oral hochbefriedigten Konsumenten stoffwechseln noch, mehr denn je. Und all die Unterhaltungssender senden. Dank Intensivmedizin und Dialysezentren steigt die Lebenserwartung, so daß Deutschland und andere Industrieländer zu gerontologischen Versorgungsgesellschaften hinüberaltern. Eher schlecht als recht, aber auch das wird anständig verdatet und verwaltet. Überhaupt leben hierzulande beinahe fünfzig Prozent von Transferleistungen. Das ist humanitär gesehen lobenswert, soziologisch ist es ein Signal, und quergerechnet in ähnlicher Weise ein Luxus wie die immensen Gewinne der klügsten oder kaltblütigsten Geldmacher. Regiert wird das alles von einer sich tugendhaft gebenden Kraft mit mystisch anmutender Selbstbezeichnung – der Mitte.

Daß es im Produzieren und Verbrauchen weitergeht und dennoch im Schatten des Blasen-Booms eine ideelle Krise einsetzen mag, die Wendungen vorbereitet, zeigt das Beispiel Deutschlands und Europas in einer Zeit mit der beredten Bezeichnung „Fin de siècle“. Wenn die Nation je Großmacht war – industriell, militärisch, sogar sozial gesichert –, dann um 1900. Eine hohe Zeit für die Wissenschaften, die Ingenieure, die Literatur. Was für eine Reihe großer Namen von Albert Einstein bis Max Weber! Was für ein Spektrum in den Künsten von Worpswede bis zur Berliner Sezession und zur Dresdener Brücke! Zudem vielleicht die letzten Jahre ganz großer Musik – noch Bruckner, schon Mahler, bald Schönberg.

Und doch: Bei aller Prosperität – welche Erschöpfung! Oder Poetisch ausgedrückt:

Weltende

Dem Bürger fliegt vom spitzen Kopf der Hut,
in allen Lüften hallt es wie Geschrei.
Dachdecker stürzen ab und gehen entzwei
und an den Küsten – liest man – steigt die Flut.

Der Sturm ist da, die wilden Meere hupfen
An Land, um dicke Dämme zu zerdrücken.
Die meisten Menschen haben einen Schnupfen.
Die Eisenbahnen fallen von den Brücken.

(Jakob van Hoddis, 1911)

Was für eine Weltendestimmung, obwohl das Leben, meint man, ungleich vitaler pulste – auf dem Potsdamer Platz ebenso wie auf den Gütern Ostelbiens.

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Heino Bosselmann auf Sezession im Netz
Kategorie(n): Heute, Krise
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