Non veni pacem mittere sed gladium. (Mt 10,34)
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Manfred Kleine-Hartlage hat auf meinen Beitrag zur Beschneidungsdebatte mit seinem Artikel über den „Fundamentalismus ohne Fundament“ geantwortet, womit eine kleine Debatte entstanden ist, die ich gern fortgesetzt hätte. Mit Martin Lichtmesz‘ „Identitären Notizen zur Beschneidungsfrage“ ist meine Antwort jedoch hinfällig geworden. Sicher, ich komme auf anderem Wege zum selben Ergebnis, was auch interessant gewesen wäre. Aber irgendwann ist eine Debatte über ein relativ nebensächliches Thema, jedenfalls wenn man weder Jude noch Moslem ist, totgetreten.

Ich möchte aber trotzdem auf Kleine-Hartlages Beschreibung meines politischen Denkens reagieren. Er meint, ich hätte einen antiliberalen Affekt, ich würde eine Dichotomie zwischen abstrakter Verfassung und Gewachsenem konstruieren, ja sogar darauf herumreiten, daß uns das Grundgesetz von den „Siegermächten“ aufgezwungen wurde. Ich würde schließen, „daß jegliche Tradition, die nicht aus liberal-aufklärerischem Denken“ stamme, und sei es das Ritual der Beschneidung, „ein geeignetes Gegengewicht“ gegen totalitäre Tendenzen darstelle. In letzter Konsequenz würde ich sogar unterschiedliches Recht für unterschiedliche Gruppen fordern, den liberalen Rechtsstaat nur „unter dem Gesichtspunkt seiner aufklärerischen, revolutionär-zersetzenden Tendenzen“ betrachten. Zudem würde ich nicht definieren, was ich wolle und mich stattdessen darauf konzentrieren, was ich nicht wolle. Am Ende wird mir sogar Fundamentalopposition gegen die Verfassung unterstellt, Kleine-Hartlage schlägt sogar den ganz großen Bogen bis zur Konservativen Revolution.

Das ist alles unzutreffend.

Ich übe keine Fundamentalopposition gegen die Verfassung, sondern wäge die Rechte auf Religionsfreiheit und körperliche Unversehrtheit anders ab. Mir ist klar, daß ein Ergebnis solcher Abwägungen immer auch von persönlichen Einstellungen abhängig ist, also nie alle zufrieden sein werden. Dementsprechend bin ich der Meinung, daß eine Grenzziehung im Sinne von „ganz oder gar nicht“, also entweder jede Körperverletzung im Namen der Religion erlauben oder überhaupt keine,  nicht der richtige Weg ist, um sich einem abstrakten Ideal von Gerechtigkeit anzunähern. Die Probleme der Umvolkung, Entchristianisierung und Entortung können nicht mit dem Verbot der Beschneidung gelöst werden und sollten daher nicht als Argument dafür verwendet werden.

Es ist auch nicht so, daß mir das Fundament fehlen würde: Ich bete einen Zimmermann an, der vor knapp 2000 Jahren gestorben ist. Regelmäßig bitte ich seine Mutter (die ohne Geschlechtsverkehr und durch einen Geist schwanger wurde) darum, sie möge bei ihm doch bitteschön ein gutes Wort für mich und meine Lieben einlegen. Ich hänge mir eine FSK18-Abbildung seines grausamen Foltertodes gut sichtbar in die Wohnung und verzehre mindestens einmal pro Woche ein speziell zubereitetes Stück Esspapier, das ich nach einem rituellen Akt (der ausschließlich von Männern durchgeführt werden darf) für den Körper des Zimmermanns halte. Dazu gehört das Verbot von Dingen, welche viele Menschen mit gutem Gewissen machen, und die jedem mal passieren können. Und ich werde meinem Nachwuchs beibringen, daß diese Geschichte die einzige Wahrheit ist, und daß die Leugnung dieser Wahrheit den Weg in die Hölle zur Folge haben kann. Die psychischen Folgen dieser Mischung aus absurder Geschichte, schlechtem Gewissen und Höllenangst sind nicht vorherzusehen.

In Anbetracht dieser meiner Un-Vernunft bin ich relativ verständnisvoll für die seltsamen Rituale anderer Religionen, die zwar nicht der Wahrheit entsprechen, aber von manchen Leuten doch aufrichtig dafür gehalten werden. Mein Affekt ist weniger antiliberal und mehr kleinbürgerlich: Wenn’s die Angelegenheit meines Nachbarn ist, und ich es auch nicht so schlimm finde, dann geht’s mich einfach nichts an.

 

 

Martin Böcker auf Sezession im Netz
Kategorie(n): Ereignis, Heute
Schlagwörter: , , , ,
528 Wörter | Keine Kommentare

Zum Originalartikel: Fundamentalismus ohne Fundament?

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3 Antworten auf Fundamentalismus ohne Fundament?

  • Martin Böcker hat als Christ mit einer flapsigen Darstellung christlicher Rituale und Glaubensvorstellungen sich zur Beschneidugnsdiskussion geäußert.
    Ich antworte als Christ und mir fallen dazu 3 Dinge ein, die in der gesamtn Diskussion m.E. zu kurz kommen:

    1. Als Christ bin ich eigentlich nicht in der Lage über ein Stückchen Haut zu diskutieren, wo es doch in diesem Land gängiger Usus ist, nicht wesentlich jüngere Kinder – eben vor ihrer Geburt – einfach umzubringen.

    2. Wie in diesem Blog mehrfach nachgewiesen (und mir als Christ völlig klar) ist der Islam – im Gegensatz zum Judentum – gar keine Religion sondern eine als Religion getarnte faschistoide Gesellschaftsauffassung. Auch – und gerade dann – wenn durch eine Verweigerung der Beschneidung dem Kind der Eingang in seine Gemeinschaft verunmöglicht würde, wäre es richtig den Juden die Beschneidung zu erlauben und den Mohammedanern nicht. Die Koalition von Juden und Mohammedanern in dieser Sache muß (und will) ich nicht anerkennen.

    3. Bei den Juden findet die Beschneidung am 8. Tag statt. Das ist eine Zeit wo das Kind das in vielen Fällen größte Trauma seines Leben gerade hinter sich hat – die Geburt. Der kleine Schnitt ist da ein unwesentliches Detail.
    Bei den Mohammedanern findert der Schnitt zwischen dem 8. und 14. Lebensjahr statt – vor oder während der sexuellen Reifung an einer strategischen Stelle. Das Kind oder der Jungendliche muß erfahren, daß Erwachsene ihm unmotiviert Schmerzen zufügen und dies gefeiert wird. Es ist klar, daß ein so Behandelter nichts dabei finden wird andere – vorzugsweise solche, die dieses Trauma nicht erlebt haben – in der U-Bahn zusammenzuschlagen.

    Meine Sichtweise ist unjuristisch und so nicht handhabbar. Ich sehe eben nur verwundert und mit Unverständnis auf den gesamten Diskurs.

    • Wie in diesem Blog mehrfach nachgewiesen (und mir als Christ völlig klar) ist der Islam – im Gegensatz zum Judentum – gar keine Religion sondern eine als Religion getarnte faschistoide Gesellschaftsauffassung.

      Wer immer dies „in diesem Blog“ nachgewiesen haben mag – ich war es jedenfalls nicht. Ich halte im Gegenteil die Unterscheidung zwischen „Religion“ und „Gesellschaftsauffassung“ (welcher auch immer) genau wie die Unterscheidung von „Islam“ und „Islamismus“ für ein Produkt westlicher Sichtweise, die den Blick auf den Islam gerade versperrt.

  • Mein Affekt ist weniger antiliberal und mehr kleinbürgerlich: Wenn’s die Angelegenheit meines Nachbarn ist, und ich es auch nicht so schlimm finde, dann geht’s mich einfach nichts an.

    Zu dieser ‚Kleinbürgerlichkeit‘ könnte ich mich im Prinzip schon bekennen. Böcker übersieht hier nur, daß mein Nachbar nur dann wirklich ‚mein Nachbar‘ ist, wenn uns zwar auf der individuell-personalen Identitätsebene nichts verbinden mag, aber wir dafür auf der, oder besser gesagt einer (denn es lassen sich deren mehrere definieren: Familie, Sippe, Stamm, Nation …), kollektiven Identitätsebene verbunden sind, insofern wir durch das Empfinden derselben kollektiven Erfahrung verbunden sind – wenn die Dinge normal sind!

    Wir leben aber in einer Situation, in der es keine tradierte Form inhaltlich tatsächlich Zusammengehöriger mehr gibt; stattdessen sind durch die Macht der ‚Sieger der Weltgeschichte‘ die individuellen Träger unterschiedlicher kollektiver Erfahrungen in Kollektivformen hineinvergewaltigt worden, die eben nicht ihrer kollektiven Erfahrung entsprechen, sondern lediglich die Macht der Sieger repräsentieren.

    Im Falle der UdSSR ist diese Macht zusammengebrochen und die ihr Unterworfenen konnten zumindest dieser Gewalt entkommen; im Fall der USA ist diese Macht nach wie vor intakt und es ist nicht abzusehen, ob und wie sie zusammenbrechen könnte. Und diese Macht hat dafür gesorgt, daß in einem historisch wohl beispiellosen Zusammenspiel von grundierender und flankierender militärischer Macht, darauf aufbauender ‚demokratischer Gehirnwäsche‘ a la USA (Liberalismus, Individualismus, Kapitalismus) und allgemein-linker Gehirnwäsche in Verbindung mit dem – erfolgreichen! – Modell ‚Identität durch Konsum‘ (du bist was du dir leisten kannst und lebst, um Produkte zu kaufen und ihren Konsum zu genießen), inhaltlich-tatsächlich Deutsche plötzlich ‚Nachbarn‘ haben, die es für mindestens normal, wenn nicht Ausdruck überlegener Kultur, halten, ihren männlichen Kindern die Vorhaut abzuschneiden.

    Diejenige kollektive Erfahrung, die mit Recht ‚die deutsche‘ genannt werden darf – und die sich mehr oder weniger eigenständig grob gerechnet in dem Zeitraum zwischen 911 und 1914 als die ausdrücken und ausprägen konnte, die sie tatsächlich ist, hat aber aus sich heraus niemals irgendwelche derartigen Beschneidungstraditionen entwickelt. Für diese Erfahrung ist diese Praxis stattdessen ein Übergriff, eine Vergewaltigung, eine abstoßende Absurdität. Mithin treffen hier – als ‚Nachbarn‘ – zwei kollektive Erfahrungen aufeinander, die sich gegenseitig ausschließen und die sich nur deswegen im Raum miteinander treffen, weil – in und für unsere Gegenwart jedenfalls – das Böse, vorläufig zumindest, gesiegt hat.

    Und wenn Deutsche (die das tatsächlich inhaltlich sind), dann ob dieser Praxis ihres ‚Nachbarn‘ in Erregung geraten, dann bedeutet das einfach nur, daß sie über diesen Punkt die Differenz zwischen einer Form, die angeblich jetzt auch ihre Erfahrung ist, und ihrer tatsächlichen (kollektiven) Erfahrung – derjenigen also, an deren Empfinden sie aufgrund ihres Soseins bzw. einer Konstitution, die wir zumindest technisch-naturwissenschaftlich nicht erfassen können – bewußt zu realisieren beginnen. Und sie realisieren diese Differenz als Un- bzw. Mißbehagen (bei den Unempindlicheren) bis hin zum Schmerz (bei den Bewußteren)!

    Sie bemerken also, daß sie mit einem fremden kollektiven Ich in einer gemeinsamen Form verbunden sind bzw. verbunden werden sollen … mit etwas, das der kollektiven Erfahrung, die zu empfinden sie tatsächlich – aufgrund ihres Soseins – gebunden sind, völlig entgegensteht. Und hier muß ich ergänzen: Wenn Böcker das nicht merkt und das einfach als ‚Angelegenheit seines Nachbarn, die ihn nichts angeht‘ betrachtet … dann ist der Schluß, den ich daraus zu ziehen gezwungen bin: Böcker ist kein Deutscher! Denn er steht ganz offensichtlich nicht (mehr) in Resonanz zu der Erfahrung, die tatsächlich ‚die deutsche‘ ist.

    Aber das ist eher ein untergeordneter Punkt. Der zentrale Punkt scheint mir dagegen darin zu liegen, daß an der Wahrnehmung dieser kulturellen Differenz ein relativ große – und aus der Sicht der Herrschenden möglicherweise eine gefährlich große Gruppe – bewußt werden könnte, daß sie in einer politischen Kollektivform leben, die sie bisher zwar, mehr oder minder schlafend, für Deutsch-Land hielten … von der sie nunmehr aber zu realisieren beginnen (könnten), daß sie in Wirklichkeit mehr oder weniger das Gegenteil davon ist. Nicht zuletzt darum wohl bemüht sich die Politik des Regimes darum, das sich hier entwickelnde Feuer durch eine Veränderung der Gesetzeslage möglichst schnell auszutreten.

    Noch ein nachgetragener Link zur Beschneidungsdebatte im allgemeinen:

    http://tinyurl.com/cghbbff

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