Non veni pacem mittere sed gladium. (Mt 10,34)
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von Clio (dieser Beitrag stammt nicht von Manfred!)

Während des Osterfests wurde bekannt, dass die SPD und Thilo Sarrazin dessen Parteiausschlussverfahren “gütlich” beigelegt haben: Sarrazin gab eine beschwichtigende Erklärung bezüglich seines Buches ab (hier im Wortlaut: http://www.zeit.de/politik/deutschland/2011-04/sarrazin-spd-ausschluss-erklaerung ) und darf somit in der Partei verbleiben. Gegen jenen Entschluss regt sich jedoch mittlerweile Widerstand bei den Genossen:

http://www.zeit.de/politik/deutschland/2011-04/sarrazin-spd-ausschluss-schmid

Trotzdem scheint es sehr unwahrscheinlich, dass Sarrazin letztlich doch noch aus der Partei ausgeschlossen werden wird. Was sagt uns dieser Ausgang der Sarrazin-Affäre?

Sein Verhalten dokumentiert, dass er von vielen Menschen – mir eingeschlossen – eindeutig falsch eingeschätzt wurde. Sarrazin war bzw. ist keineswegs ein “Held”, der sich mutig einem übermächtigen, feindseligen Polit-Establishment gegenüberstellte, um die Abschaffung Deutschlands zu verhindern. Ein moderner Kampf “David gegen Goliath” – mitnichten.

Offensichtlich ging es Sarrazin nie um Deutschlands Zukunft bzw. die Sache (also die desaströse deutsche Migrationspolitik) an sich. Wäre dies der Fall gewesen, so hätte er sich längst freiwillig aus der SPD verabschiedet.

Nehmen wir an, ein Mensch ist bereits seit Jahren in einer Partei. Dann merkt er, dass in einem bestimmten Politikbereich, der ihm persönlich sehr am Herzen liegt, eine Menge schiefläuft. Die Partei, der dieser Mensch angehört, fährt hier einen Kurs, der seiner eigenen Meinung diametral entgegengesetzt ist. Zusätzlich existieren starke Anzeichen dafür, dass diese Partei ihr Vorgehen nicht ändern wird. Was tut ein Mensch, der Rückrat besitzt und zu seinen Überzeugungen steht? Natürlich tritt er aus der Partei aus.

Sarrazin ist ein Mann, der es mit seinem Bestseller “Deutschland schafft sich ab” mittlerweile bis zum Millionär gebracht hat. Zusätzlich mit einer großzügigen Berufspension ausgestattet, besitzt er eine materielle Unabhängigkeit, von der ein Großteil der Menschen in Deutschland nur träumen kann. Doch er nutzt diese Freiheit nicht.

Statt zu dem zu stehen, was er in seinem Buch schreibt, biedert er sich in peinlichster Weise bei der Partei an, die sich im vergangenen Jahr mit Wonne an der öffentlichen Hetzjagd auf ihn beteiligte und ihn völlig im Regen stehen ließ. Nur vereinzelte Genossen, wie etwa Klaus von Dohnanyi (der ihn während des Parteiausschlussverfahrens verteidigte) hielten zu ihm.

Zusätzlich ist – nicht nur für Genossen – offensichtlich, dass sich Sarrazin mit den Thesen seines Buches und entsprechenden Verlautbarungen in öffentlichen Vorträgen himmelweit von der heutigen Parteilinie der SPD entfernt hat:

– Die SPD vertritt die Ansicht, dass jedes Kind bei entsprechender Förderung “alles” erreichen kann – Sarrazin vertritt die Position, dass es ein genetisches Limit gibt

– Die SPD wird keinesfalls davon ablassen, Kindersegen im Hartz-Milieu durch großzügige staatliche Leistungen auch weiterhin zu fördern – Sarrazin möchte hingegen (für die SPD völlig undenkbar) eine “Kinder-Prämie” für Akademikerinnen, damit auch die Vermehrung der Hochintelligenten staatlich unterstützt und somit ein Gegengewicht zu den steigenden Hartzer-Zahlen geschaffen wird

– Sarrazin vertritt im Grunde seines Herzens die Meinung, dass ein Teil der zugewanderten Muslime in Deutschland weder integrationsfähig noch -willens ist (zwar will er kräftig “fördern”; seine Vorbehalte gegenüber der muslimischen Zuwanderergruppe in Deutschland/Europa artikuliert er in seinem Buch aber mehr als deutlich) und hält diese Menschen damit für völlig überflüssig in dieser Gesellschaft (diametraler Gegensatz zur SPD-Position)

– Dem vorherigen Punkt zufolge möchte Sarrazin natürlich möglichst wenig zukünftige Zuwanderung aus dem besagten Kulturkreis und wenn, dann höchstens von hochqualifizierten und am liebsten säkularen Muslimen (diametraler Gegensatz zur SPD-Position)

– Sarrazin spricht sich ausdrücklich gegen einen EU-Beitritt der Türkei aus – die SPD befürwortet ihn

– Sarrazin möchte ein “Europa der Vaterländer” – die SPD setzt wie die übrigen Parteien der Schaffung eines “Bundesstaates Europa” nichts entgegen

Was also hält diesen Mann in der Partei? Die Antwort ist: Feigheit und Opportunismus.

Wenn Sarrazin aus der SPD austräte, würde er damit endgültig bekräftigen, was er bereits durch sein Buch bewiesen hat: Er ist kein “Sozialdemokrat” im heutigen Sinne, sondern steht politisch in einigen Bereichen weitaus “rechter” als die gegenwärtige SPD. Da jedoch die Ausdrücke “rechts” und “Rechtssein” im heutigen Deutschland zu Schimpfworten geworden sind, scheint Sarrazin unfähig bzw. zu feige zu sein, dies öffentlich (und damit zunächst sich selbst) einzugestehen.

Durch seine lächerliche Erklärung (die nicht der Wahrheit entspricht) und die ständige Bekräftigung seines Wunsches, in der SPD zu verbleiben, hängt er sich den “Schutzmantel des Linksseins” um. Dieser soll ihn vor dem endgültigen Ausschluss aus dem Kreis der „Anständigen“ schützen, der all die Konservativen trifft, welche ähnliche Meinungen vertreten, wie Thilo Sarrazin. Letzterer betonte in Talkshows, dass er nicht mit „Rechten“ oder der „Neuen Rechten“ assoziiert werden wolle – ihm kann nur gesagt sein, dass er in bestimmten Dingen “leider” genau die Positionen vertritt, die „Rechte“ (bzw. Menschen mit gesundem Menschenverstand, Weitblick und natürlichem Empfinden: wie sagte Joachim Fest? „Das Leben steht immer rechts.“) ebenfalls vertreten. Dies zu leugnen ist opportunistisch und geradezu widerwärtige Anbiederung an den herrschenden Zeitgeist. Es disqualifiziert Sarrazin als Mensch und zeigt, dass er wenig Charakter besitzt.

Das deutsche Partei-Establishment hingegen, welches Sarrazins Thesen zum ultimativen Skandal stilisierte, wird dem angeblichen “Feind” in Wirklichkeit sehr dankbar sein. Schließlich erweckte die Sarrazin-Affäre bei nicht wenigen Menschen den Eindruck, dass ihre Sorgen in Bezug auf bestimmte gesellschaftliche Entwicklungen nun endlich ernst genommen und – noch dazu von einem sozialdemokratischen Politiker – in den Mittelpunkt des öffentlichen Diskurses gestellt werden würden. Die Sarrazin-Debatte gab Anlass zu Hoffnungen und bot ein Ventil für – bei der autochthonen Bevölkerung lange angestaute – Frustrationen. Diese Tatsache wird das Establishment im Stillen begrüßen. Lieber eine aufgeheizte, folgenlose Pseudo-Debatte in den Medien, welche den Bürgern suggeriert, es würde sich nun etwas ändern und sie damit ruhig hält, als Menschen, die aus aufgestauter Frustration heraus anfangen zu handeln und zu meutern. So kann der große Knall immer noch ein Stückchen weiter hinausgezögert und eventuell ganz vermieden werden.

Auch wenn es sicherlich völlig verfehlt wäre, in Bezug auf die “Sarrazin-Affäre” eine Verschwörungstheorie zu konstruieren, so bleibt letztlich jedoch ein bitteres Fazit: Verlierer der Sarrazin-Affäre sind wieder einmal die autochthonen deutschen Bürger. Sie müssen erkennen, dass sich hier ein geltungssüchtiger, charakterloser Mann lediglich materiell bereichern und ins Rampenlicht spielen wollte. Hier agierte kein wahrer „Revoluzzer“, sondern ein Mitglied des politischen Establishments, das unfähig und nicht willens ist, mit diesem zu brechen. Zum ersten Mal bewies Sarrazin dies, als er freiwillig von seinem Posten in der Deutschen Bundesbank zurücktrat und es nicht auf einen Prozess ankommen ließ. Solch ein Schritt war ihm dann doch eine Nummer zu groß.
Nein, Sarrazin: Du kannst noch so oft die Deutsche Klassik bemühen – verinnerlicht hast Du sie nicht.

Sarrazins wahre, billige Ziele hätte ein“deutscher Insider“ allerdings im Grunde schon viel früher erkennen können: Jemand, der in Deutschland wirklich etwas verändern will, schreibt kein Buch, in dem gleichzeitig von verfehlter Integrationspolitik und Genetik die Rede ist. Egal, in welchem Zusammenhang die Genetik hier auftaucht und ob die Aussagen wahr oder falsch sind. Jeder, der in diesem völlig ns-neurotisierten Land aufgewachsen ist, weiß, dass sich in Deutschland jeder „vernichtet“, der genetische Erkenntnisse bemüht, um eine Argumentation zu untermauern. So ein Vorgehen führt zu einem sofortigen Skandal, bietet riesige Angriffsflächen und erlaubt es den Gegnern, den Argumentierenden als “ernstzunehmenden Diskursteilnehmer” vollständig zu diskreditieren. So ein Vorgehen wirbelt eine riesige Staubwolke auf, die sich hinterher auf dieselbe öde Fläche zurücksenkt, von der sie aufgestiegen ist.

Dennoch hat Sarrazin Recht:

Deutschland schafft sich ab. Und Thilo Sarrazin versteht es hervorragend, sich an dieser Tatsache finanziell zu bereichern. Diesbezüglich unterscheidet er sich also keineswegs von dem Personal der deutschen Migrations-Industrie: Jedem sein Teil vom Kuchen.

30 Antworten auf Thilo Sarrazin: „Sozialdemokrat“ mit Geschäftssinn

  • Tja, Clio, Sarrazin ist eben doch ein LINKER. Ein Linker, der erkannt hat, dass muslimische Migration schädlich für Deutschland ist. Allein diese Erkenntnis macht ihn noch nicht zu einem Rechten (außer in den Augen der Linksgrünen).

    Es gibt einige Linke, welche die Migrationspolitik kritisieren, viele Linke werden auch zu Islamkritikern. Wenn sie konsequent sind, müssen sie das sogar, da der Islam für alles steht, wogegen sie kämpfen (Unterdrückung der Frau, von Homosexuellen, religiöser Fanatismus und und und).

    Die meisten Linken sind keine Islamgegner, weil es ihnen in Wirklichkeit gar nicht um diese Punkte geht, sondern um einen Kampf gegen das eigene Volk.

    Es gibt aber noch aufrechte Linke, die tatsächlich glauben eine völlig durchsäkularisierte, solidarische soziale Marktwirtschaft wäre das Paradies. Und einige von ihnen verstehen sogar, dass die Migration die Solidarität untergräbt.

    Das sind wenige, leise Stimmen bei den Linken, die von den Schreihälsen der Globalmoral niedergebrüllt werden. Aber ich halte Thilo Sarrazin für einen von ihnen. Klar hätte eine Sarrazinpartei die Wende sein können. Aber er hat von Anfang an gesagt, dass er das nicht will, dass er die Altparteien dazu bringen will, das Thema wieder „ergebnisoffen“ zu diskutieren.

    Macht ihn das zum Helden? In meinen Augen sicherlich nicht. Und die schönen Aussagen in seinem Buch sind mir auch zu vereinzelt, viel mehr redet er von fördern und integrieren. Wer weiß, dass Integration nicht die Lösung, sondern das Problem ist, dem können solche Vorschläge nicht gefallen.

    Ich habe das mit einem Mann verglichen, der sich darüber beschwert, dass die Einbrecher in seinem Haus nicht mit Messer und Gabel essen.

    Was mich an Ihrem Artikel stört ist daher nicht die Kritik an Sarrazin, sondern dass Sie vorgeben zu wissen, was der Mann „im Grunde seines Herzens“ für eine Meinung hegt und ihm dann Opportunismus unterstellen, weil er die Meinung, die Sie ihm untergeschoben haben, nicht eifrig genug verteidigt.

  • Ich bin für jeden Beitrag zu Sarrazin dankbar …
    ich möchte auf folgenden Beitrag hinweisen: Hans-Peter Raddatz – „Der Banker und der Präsident. Sarrazin- und Wulff-Effekte im Kulturkampf“ (zu finden in Heft 6/2010 der Neuen Ordnung)
    http://www.die-neue-ordnung.de/

  • Ihre Analyse des Sarrazinischen Verhaltens, Clio, hat zweifellos einiges für sich. Bei diesem dem zahlenden Publikum dargebotenem Staatssimulationsdrama „BRD“, ist stets auch das schauspielerische Moment bei den Akteuren zu berücksichtigen. Gelegentlich weichen Staatsmimen vom Drehbuch ab, was den Unwillen der General-Direktion erregt und zum unehrenhaften Ausschluß aus dem hochdotierten Ensemble führen kann. Die selten vorkommende eigenmächtige Aufführung ketzerischer Sub-Dramen gar, kann neben der Aberkennung des Staatsschauspielerdiploms auch quoad vitam ungünstige Ausgänge zur Folge haben, wie im Fall des lyrischen Tenors J. W. M. zu sehen war. Daß Thilo S. bislang -entgegen von Vermutungen aus dem geneigten Publikum- sich an den Text von „BRD“ hält, daran besteht für informierte Kreise indes kein Zweifel. Die ganze Welt ist eine Bühne und wir haben alle zu wenig geprobt.

  • @ kairos:

    Also: Wer Thilo Sarrazin gehört hat – auch Vorträge oder Talkshows – dem sollte eigentlich klar sein, dass Sarrazin tatsächlich denkt, dass ein Teil der Muslime hier nicht integrationsfähig ist. (Haben Sie den Islam-Teil in Sarrazins Buch gelesen? Der ist ja nun in seiner Abneigung gegen den Islam deutlich genug.) Im Gegensatz zu vielen Utopisten, die in der Provinz im Reihenhäuschen sitzen, weiß Sarrazin aufgrund seines eigenen Lebens in Berlin und sicherlich den Erzählungen seiner Frau aus dem Schulalltag, was hier abläuft. Hieraus müsste eigentlich die Forderung nach Ausweisung bestimmter völlig integrationsunfähiger Ausländer resultieren.

    Dazu ist Sarrazin aber auch zu feige, denn dann hätte man ihm sofort entgegengehalten, dass etwa die NPD oder auch die Republikaner oder „der Stammtisch“ das auch fordern. Und Sarrazin wusste sehr genau, dass er eine bestimmte Linie nicht überschreiten durfte, um mit seinen SPD-Mitgliedschafts-Beschwörungen noch durchkommen zu können. So konnte er – und das hat er ja auch öffentlich mit Wonne getan – immer argumentieren: „Seht ihr – ICH fordere nicht, jemanden auszuweisen.“

    Ich glaube nicht, dass Sie mir mit Recht unterstellen können, dass ich Sarrazin Aversionen gegen den Islam und die deutsche Integrationspolitik untergeschoben habe, die bei ihm in Wirklichkeit gar nicht existieren. Zudem habe ich auch nie behauptet, dass Sarrazin ein „Rechter“ sei. Ich habe betont, dass Sarrazin in BESTIMMTEN BEREICHEN Positionen vertritt, die Rechte auch vertreten. (Es sind diejenigen, welche den öffentlichen Diskurs bestimmen, die Menschen beim Vertreten bestimmter Positionen sofort vollumfänglich in die eine oder andere Ecke einordnen. Dies ist längst nicht immer gerechtfertigt.) Es ist nicht immer alles schwarz oder weiß.

    Das heißt: Ich werfe Sarrazin nicht vor, dass er kein Rechter ist. Es geht auch nicht darum, dass er seine Meinung „heftiger“ verteidigen soll. Sondern darum, dass jemand, der eindeutig Positionen vertritt, die seine Partei niemals vertreten wird, diese Partei nicht verlässt. Die SPD wird gar nichts unternehmen, um die Zuwanderung irgendwie zu steuern. Sie wird weiterhin sofort „hier“ kreischen, sobald ein Flüchtling in Sicht- oder Hörweite kommt. Außerdem wird sie weiter die Hartzer mit sozialen Wohltaten beglücken, damit als Wählerklientel an sich binden und immer noch ein Stück unselbständiger machen. Der Kindersegen in dem Milieu wird weiter kräftig befördert werden. Natürlich werden auch Akademikerinnen keine Kinder-Prämie bekommen und von der SPD keine Bevölkerungspolitik betrieben werden.

    Deswegen werfe ich Sarrazin nur eines vor: Dass er nicht konsequent ist. Und sich zudem bei einer Partei anbiedert, die ihn öffentlich diffamiert hat. Das wirkt einfach nur peinlich bei jemandem, der am Ende seines Berufslebens steht und finanziell unabhängig ist.

    • Natürlich habe ich das Buch gelesen, ich bin ja nicht die Kanzlerin.

      Ich will meinen Standpunkt nochmal verdeutlichen: Sarrazin hat von Anfang an gesagt, dass sein Ziel die Aufnahme seiner Themen durch die Altparteien ist. Er war ja zum Teil auch erfolgreich damit, weil Dummbeutel wie Gabriel nicht anders konnten als auf den Zug aufzuspringen und mitzumachen (Gabriel: Wer in der 3. Generation immer noch Türke oder Araber sein will hat hier nix zu suchen – das muss man sagen dürfen!“ – kritisiert hat er Sarrazin dann für die „Genetik.“)

      Ihnen (und mir) ist völlig klar, dass die SPD diese Themen nicht in Sarrazins Sinne aufnehmen wird. Aber ich glaube, Sarrazin ist das nicht klar.

      Sie sagen, jemand der am Ende des Berufslebens stünde könnte mutiger sein, als jemand, der erst noch Karriere machen muss. Ich sage, jemand, der jahrzentelang in den Altparteien gedient hat kann sich nicht so einfach von dem System verabschieden. Sarrazin glaubt auf einen Misstand hinweisen zu müssen, den seine Partei „übersehen“ hat. Dass man den Misstand absichtlich ignoriert, bzw. auch noch befördert, sieht er nicht. Daher habe ich ihn als einen „idealistischen Linken“ beschrieben.

      Und ich kann Ihnen mit Recht unterstellen, dass Sie Sarrazin etwas unterschieben, wenn Sie schreiben „im Grunde seines Herzens“, da Sie ebensowenig wie ich einen Zugang zum sarrazinischen Herzen haben. Wir haben nur das, was er in sein Buch geschrieben und in Interviews gesagt hat. Und daraus ziehe ich andere Schlüsse als Sie. Daher glaube ich, dass Sie Sarrazin „rechtere“ Positionen unterschieben, als er tatsächlich hat, weil SIE diese Positionen vertreten. Ich greife Sie gar nicht für das Vertreten dieser Positionen an, weil ich da sehr ähnlich denke, ich glaube nur, dass Sie jemanden fälschlich für einen Verbündeten halten – und enttäuscht von einem Verhalten sind, das ich mit meiner anderen Einschätzung von ihm erwartet habe,

  • Ist doch nachdenkenswert, dass Random House (Liz Mohn) der Verleger Sarrazin’s Bestsellers ist, oder? Bitte mal lesen:
    Sarrazin ist abgebrüht genug, als Ventil benutzt zu werden und das auch auszuhalten. Jemand der nicht dreimal chemisch gereinigt ist, hätte das nicht geschafft und ohne entsprechende HintermännerInnen schon gleich gar nicht.

  • Als Horst Mahler im Kampf gegen das singulär-monströse Auschwitz-Leugnung-Gesetz dazu aufrief, sich selbst wegen Holo-„Leugnung“ anzuzeigen, meinte einer darauf:

    In einem Staat, wo die Bürger noch einen Sinn für Ehre und Ritterlichkeit haben, könnte es funktionieren. Diese ‚brd‘ jedoch wäre von ehrlosen Zombies bevölkert, auf die nichtmal ein neuer Opfertod Jesu einen Eindruck machte.

    So ist es vielleicht auch bei Sarrazin. Er besieht sich die Stimmen für rechte Parteien und befindet: die Zeit ist noch nicht reif. Ich kann kalkuliertes Heldentum bei diesem Wahlpöbel durchaus verstehen. Der Sinn für Ehrsamkeit muß im „Volk“ erst wieder wachsen (vielleicht durch Entreicherung), dann könnte es auch mit Sarrazins Parteiaustritt klappen. Solange gönnte er sich wohl den SPD-Mitgleidsbeitrag als eine Art Mafia-Schutzgeld.
    Ich kenne einige Malocher, die Schutzgeld an die Gewerkschaften zahlen, obwohl sie sie verabscheuen?

  • Hallo Clio,

    eine interessante Sichtweise die Sie in ihrem Kommentar darlegen. Es gibt allerdings auch die absolut konträre, verschwörungstheoretische Sichtweise z.B. unseres Initiativgruppenführers aus dem wohlbehüteten München (der Herr dürfte hier bekannt sein) Googlen Sie einfach mal initiativgruppe wordpress sarrazin taqiyya und lesen Sie diese Linksaußenposition mit Genuss.

  • 1. Sarrazin wurde von v. Dohnani vertreten. Eine konservative SPD-Background-Größe.
    2. Vermutung: Sarrazin wird von starken Leuten in der SPD gestützt. Die Äußerungen Helmut Schmidts weisen in diese Richtung.
    3. Viele „Große“ in der SPD, u.a. Peer Steinbrück, haben sich nur gegen die Vokabeln Sarrazins ausgesprochen. Nicht gegen den Inhalt.
    4. Sarrazin wird das denken, was in der vergangenheit stimmte: Die CDU verwaltet bloß den Zustand und versucht (vielleicht) die Verschlechterung der allegmeinen Situation zu verschleppen. Sie ist nicht in der Lage die notwendigen postiven veränderungen zu gestalten. Gleichzeitig: Nur die SPD konnte einige dieser Dinge ändern, die geändert werden müssen: Hartz IV und die Unternehmenssteuersenkung gleichzeitig. Hätte die CDU niemals hinbeckommen. Feigheit vor dem feind, dem Wähler.
    So auch hier: Nur die SPD könnte eine zweckmäßige Politik betreiben, da die CDU befürchtet ob des Nazi-Geschreis in Welt, va. den USA und Frankreich und „bestimmter Kreise“ sogar selbst ihre eigene feige Klientel verlieren würde.

    Aber:
    Sarrazin und sein konservativer SPD-Background irren sich hierin. Die SPD wird gar nichts mehr reißen. Die SPD ist altersmäßig mausetot. Mit den alten „Malochern“ hätte man es machen können. Die jungen Nachfolger sind ultralinks. Mit denen geht es nicht.

    Ich vermute, der Background hat Sarrazin zu leiseren Tönen aufgefordert, damit er im Spielfeld bleibt.
    Daß seine Faktendarstellung im Kanzleramt, im Innenministerium (Schäuble hat dies doch im gespräch mit R. Giordano zugegeben), bekannt sind, ist doch selbstverständlich.
    Der weiche Druck aus den USA, der „Wirtschaft“ und „bestimmten Kreisen“ ist einfach zu hoch. Die CDU ist in der Schockstarre. Nur der Verfassungsschutz und die Mätzchen drumherum garantieren der CDU noch Stimmen jenseits der 30%. Und nur diese tatsache macht die republik zu dem, was sie ist.
    Das ist doch völlig klar, die CDU ist im Kern nur eins: Feige. Seit deren Bestehen.

    Widerspruch gegen den Bestzungsmachtgehorsam kam nur von der SPD und Teilen der (alten!) FDP und der ehemaligen DP. Die Politik der Bundesrepublik ist weitgehend mit jener der CDU identisch. Und das heißt: Opportunieren und stillhalten. Schadenseintritt minimieren und verzögern. Gestalten? – Fällt aus. Denn nur wer nichts macht, macht auch keine Fehler.

    Die Regierung Schröder war besser als die Regierung Merkel. Und das, obwohl die eine Hälfte aus Verrätern und die andere aus Idioten bestand.

    • Besser hätte ich es nicht sagen können.

    • Was die Senkung der Unternehmenssteuer anbelangt: OK.
      Doch ich sehe Hartz IV nicht als positive Innovation und die Deregulierung der Finanzmärkte auch nicht. Hartz IV ist ungerecht gegenüber Arbeitnehmern, die nach langjähriger Berufstätigkeit arbeitslos wurden und dann dieselbe Summe bekommen, wie der Nachwuchs von Ali Baba, der noch nie gearbeitet hat. Daneben muss er erst einmal sein Erspartes „verschnabulieren“, bevor er anspruchsberechtigt ist. Wenn man sagt, die alte Regelung war zu teuer, dann sollte man sich vor Augen halten, daß allein der „Migrationskomplex“ jährlich ca. 75 Milliarden Euro verschluckt (Quelle: Hans Meiser – „Ausplünderung Deutschlands seit 1919“). 40% der Hartz IV Empfänger haben Migrationshintergrund, da will jedoch niemand ran (siehe Udo Ulfkottes neues Buch „Kein Schwarz, kein Rot, kein Gold“).
      Was die Deregulierung der Finanzmärkte gebracht hat durften wir kürzlich miterleben, das war nicht etwa nur unerfreulich, sondern geradezu desaströs. Und dieser „Fisch ist noch nicht gegessen“.
      Diese neoliberale (und nicht etwa konservative) Politik konnte erfolgversprechend nur von einer vorgeblich Linken umgesetzt werden, allein schon um eine Opposition von Links abzuwürgen.
      Komplementär dazu sehen wir die vorgeblich Liberalen/Konservativen die Kernpunkte der kulturmarxistischen Agenda umsetzen, um eine möglicherweise vorhandene Opposition aus diesem Lager zu kontern.
      Der gesamte Kram ist selbstverständlich „alternativlos“

      • Ich lege auf Ihre Meinung großen Wert. Diese stimmen ausnahmsweise wohl nicht überein.

        Ich ging in meinem Kommentar allergings weniger von der objektiven Beurteilung der angesprochenen Maßnahme aus, sondern von der subjektiven Einschätzung.

        Natürlich war Hartz-IV ein schwerer Fehler. Nicht aus Gerechtigkeitsgründen, was immer das sein mag, sondern aus Zweck-Gründen. Was will man mit ALG und ALG-II eigentlich erreichen? Das sollte man sich erstmal klarmachen.
        Aber darum geht es nicht.

        Es ging auch nicht um eine – welche? – Finanzmarkt-Deregulierung. Ich vertrete die Ansicht, daß der Finanzmarkt eher zu reguliert ist. Dies war auch die Ursache der Immmobilien-Krise, die erst in Folge alle anderen Krisen auslöste. Ich kann leider derzeit nicht weiter darauf eingehen.

        Wer eine Regulierung will, sollte genau sagen was er will und die gewünschten und unerwünschten Folgen darlegen. Man kann über alles reden. Ich befürchte nur, daß unsere Sachkompetenz dazu kaum ausreicht.

        • Mit Ihrer Meinung geht es mir ebenso, werter Meyer, und ja, möglicherweise sind wir in dieser Frage uneins.
          Manfred hat sich an einer anderen Stelle in meinem Sinne geäußert (leider finde ich den Beitrag nicht).
          Ich beziehe mich durchaus auf Bismarck als demjenigen, der den Grundstein der Sozialgesetzgebung gelegt hat. Die Arbeitslosenversicherung selbst ist jüngeren Datums (1927), seinerzeit eingeführt von einer konservativen Regierung. Es hat sich damals schon gezeigt, das der „Markt“ kein Interesse an der sozialen Frage hatte, daß also der (National)Staat gefordert war, wollte er nicht zu einer reinen Interessenvertretung der Macht- und Besitzeliten verkommen. Der Staat als Hüter der Interessen des ganzen Volkes bzw. der gesamten Bevölkerung.

          Mir ist klar, daß in einem (globalisierten) Europa kaum Platz sein wird für eine Sozialgesetzgebung, zumindest nicht in der Form, wie wir sie bislang kannten.

        • Ich sehe das so: Arbeitslosengeld ist für unverschuldet arbeitslos gewordene Staatsbürger gedacht, nicht als eine „Weltsozialhilfe“ für alle Fremden, die sich aus welchen Gründen auch immer hier im Land aufhalten.
          „Im Juli 1927 verabschiedete der Reichstag mit überwältigender Mehrheit das Gesetz zur Einführung einer staatlichen Arbeitslosenversicherung. Die Pflichtversicherung sollte die Erwerbslosenfürsorge der Gemeinden ablösen. Erstmals besaßen Arbeiter und Angestellte einen Rechtsanspruch auf Arbeitslosenunterstützung, der gebunden war an Arbeitswilligkeit und unfreiwillige Arbeitslosigkeit.“
          Quelle: http://www.dhm.de/lemo/html/weimar/innenpolitik/versicherung/index.html

          • Ich möchte hier gar nicht gegenargumentieren, weil ich Ihre Ziele durchaus teile. Sogar die Mittel mögen zutreffend sein.

            Nur möchte ich die organisatorische Frage stellen, ob es in der Vergangenheit besonders glücklich war, daß soziale, medizinische, ökonomische mit Fragen nach Innen- und Außenpolitik derart miteinander verknüpft sind, daß man das eine nicht ohne das andere bei Wahlen, und wären sie noch so demokratisch, haben kann?
            Fernau meinte, daß während die Welt sich neu organisierte in Deutschland die xte Regierung wegen der Müllabfuhrlöhne auseinanderbrach.
            Also muß tatsächlich der Staat darüber bestimmen? Kann man diese Frage nicht auf ein andere, ggf. eigene Körperschaft auslagern?

            Die zweite Frage, die sich mir stellt, warum man das Ziel des sozialen Übergangsschutzes nach einer Entlassung nicht auch durch andere Mittel erreichen kann? Bspw. längere Kündigungsfristen ODER geregelte Abfindungen?
            Reichen die nicht aus? Wozu noch ergänzend versicherungsleistungen?
            Und wenn schon: Sollte man diese Leistungen nicht in das Interesse der Arbeitsvertragsparteien stellen? Bspw. Entweder lange Fristen oder hohe Abfindung oder eine Versicherung? Oder oder und! Also Freiwilligkeit? Wieso muß ich mich versichern obwohl ich dies gar nicht will?

            Die Wallstreet hat sich einen Staat zum Untertanen gemacht. Aber ganusowenig ist es richtig, erwachsene Menschen so zu behandeln, als wären sie kleine Kinder. Können das wirklich nur Selbständige? Komisches Menschbild!

            Zuletzt die Frage nach der Wirkung von Arbeitslosengeld. Solange man seinen Lebenstandard halten kann, gibt es für niemanden einen Grund neue Arbeit zu suchen. Selbst ein gutqualifizierter Topverdiener wird sich die gutbezahlte Pause gönnen. Wenigstens eine Zeit lang. Kann das der Sinn sein?
            Was ist, wenn ich die Arbeitsfreie Zeit höher schätze, als ein hohes Einkommen? Mit Hartz-IV läßt sich schwer gut(!) leben, aber es geht. Und mit dem Hinzuverdienst sowieso. Ein bißchen schwarz dabei …

            Die depressiven Abhänger tun mir leid! Wenn schon Staatsknete, dann Wälder entunterholzen, städtische Gärten pflegen, Müll sammeln … Raus aus der Bude!

            Anderer Fall: Ich kenne jemanden, der die Zeit für Leistungssport nutzt, das maximale nebenbei verdient, plus Großzügigkeit der Eltern und an einem Programm geschrieben hat, mit dem er jetzt ordentlich Kohle verdient. Das kann es nicht sein. Das Programm sollte zur Hälfte dem Staat gehören. Und es kann nicht anders sein, daß man die verwendung der Zeit invetsiv und konsumptiv anders bewertet. Also für Staatsknete Arbeit. Klar definierter Sektor. Kein zweiter Arbeitsmarkt. Über Wohngeld und Krankenkassenzuschuß kann man reden.

            Zum Abschluß: Mir ist es wichtig, die politische von der wirtschaftlichen Frage zu trennen. Das sollte man tun. Wenn jemand Voll-, Halb- oder viertelsozialistisch Leben und wirtscaften will: Bitte schön. Nur laßt euch eine Organsiation einfallen, die mich außen vor läßt; was anprüche und Pflichten angeht.
            Wenn ich ein griechisches subprime Staatsanleihen-Derivat 😉 kaufen will, dann will ich es haben. Wer es nicht haben will, soll darauf verzichten.
            Nur wer es kauft, soll nicht zu Papa Staat kommen und die Tränen kullern lassen. Too big to fall ist eine Lüge. Das gilt für mercedes-Benz genauso. Auch als Arbeitnehmer habe ich die Möglichkeit mir meinen Arbeitgeber auszugucken. Umso besser qualifiziert, umso besser meine Wahlmöglichkeit.

            Wie gesagt, wer es anders will, soll es haben. Aber bitte ohne mich. Ich glaube daran, daß die Sozialsysteme zu 75% an der gesellschaftlichen Zerstörung schuld sind. Sie lassen vergessen, daß es um das Überlebenen geht. Ein Selbständiger vergißt das keine Sekunde. Wem die Früchte mal mehr mal weniger in den Mund wachsen, sprich, wer sich keine echten Sorgen mehr machen muß, degeneriert zu afrikanischen Verhältnissen.

            Das ist mein Ansatz. Sozialsysteme sind weitgehend inhuman.

  • @Clio. Ich denke auch, daß es Sarrazin in erster Linie um die SPD geht, welche Positionen innerhalb der SPD vertretbar sind. Dann ergibt sein Verhalten durchaus Sinn. Nicht umsonst kreischt der linke Flügel so.

    Es ist auch international durchaus bedeutsam, wenn man sagen kann: „Selbst die SPD in Deutschland spricht jetzt über dieses Problem.“ und dabei auf Sarrazin verweisen.

    Dadurch entsteht jedenfalls mehr Druck als durch einen weiteren vergrätzten Politiker, welcher sich aus der Politik zurückgezogen hat.

    Und man muß auch die strategischen Perspektiven der SPD neben der Linken und den Grünen sehen, insbesondere ihren Anspruch als Arbeiter- und Volkspartei.

    Freilich sieht es nicht gerade danach aus, als ob der, sagen wir mal, erdverbundene Flügel der SPD nochmal wieder die Oberhand gewinnt, insbesondere weil die SPD zumeist gerade auf die genau entgegengesetzte Weise erfolgreich war (e.g. Brandt, Schröder), aber der „visionäre Spielraum“ für die SPD verliert mit jedem Jahr an Glaubwürdigkeit.

    Die Wahl in Baden-Württemberg war schlimm für die CDU, aber doch noch um einiges schlimmer für die SPD. Deutschland ist nicht Hamburg, ich meine, eine Hamburger und Bremer Regionalpartei zu werden, kann nicht Ziel der SPD sein.

    Im heutigen Osten erfüllt die SPD eine reine Scharnierfunktion, welche hinfällig wird, wenn sie im Westen ihre Bedeutung einbüßt. Glänzend war der Sieg in NRW ja nun auch nicht gerade. Wahrscheinlich ist da mittelfristig wieder das bürgerliche Lager dran, weil viele traditionelle SPD Wähler dort mit Linker und Grünen nicht allzu viel anfangen können.

    Die Lage der SPD ist mies, sehr mies. Bei der überübernächsten Bundestagswahl sind wahrscheinlich die Grünen mit Linker und SPD als Anhängsel dran.

  • Ich glaube eher, dass Sarrazin hier klug entschieden hat.
    Ähnlich wie im Fall der Bundesbank hat er ein Abkommen geschlossen, bei dem beide Seiten gewinnen.
    Sarrazin hat seine politische Karriere weitgehend hinter sich.
    Seine weitere Einflussnahme auf die deutsche Politik wird nicht auf dem Wege von Parteipolitik erfolgen.
    Mehr dazu von mir auf http://a2e.de/phm/11/04/23/sarrazin/

  • Ich kann hier nicht zustimmen, es ist für seine Sache strategisch viel, viel wirksamer, wenn Sarrazin in der SPD bleibt. Im Falle eines Austritts würde er nur auf dem Abstellgleis landen.

    • Sarrazin hat in der Partei doch überhaupt keinen nennenswerten Einfluss. Zudem könnte die SPD nie Vorschläge von Sarrazin umsetzen, ohne sich – man denke an die Hetzjagd, die Nahles, Gabriel & Co. im vergangenen Jahr auf ihn veranstalteten – bei vielen Leuten vollständig unglaubwürdig zu machen. Sie macht im Moment auf genau dem Weg weiter, den sie seit langem geht und zementiert damit die bestehenden Verhältnisse. Von diesem Vorgehen kann man nicht mit einem Male völlig abweichen – schon gar nicht, wenn sich dann noch mehr Migranten in Deutschland aufhalten sollten oder auch nur generell die Zahl der Hartz 4-Empfänger angestiegen sein würde. Das Protestpotential gegen Änderungen würde damit immer größer.

      Natürlich hat Sarrazin bei dem Abkommen klug entschieden – für sich selbst. Aber es ist pures Wunschdenken, wenn jemand erwartet, dass er oder seine Thesen in Zukunft nennenswerten Einfluss auf die deutsche Politik haben würden. Sarrazin ist mittlerweile Schnee von gestern. Im akademischen Bereich bzw. der Migrationsforschung sowie der Integrationsindustrie ist er eine völlige Unperson und hat nicht den geringsten Einfluss; die Politik hat ihn als Rassisten diskreditiert.

      Was glauben Sie denn, was in Zukunft passieren wird? Keine Zuwanderung mehr von Muslimen? Sanktionen bei Integrationsverweigerung? Änderungen in Bezug auf die Hartz-Leistungen? Bevölkerungspolitik (die ohnehin in Bezug auf den demographischen Wandel viel zu spät käme)? Im Leben doch nicht.

      Sarrazins Buch kam auch viel zu spät. Der einmal eingeschlagene Weg kann gar nicht mehr wirklich verlassen werden. Wenn Europa nichts tut, um die Verhältnisse etwa in afrikanischen Ländern zu verbessern, werden wir eines Tages von dort derartig überrannt werden, dass man Zuwanderung überhaupt nicht mehr steuern KANN.

      Und bei den Hartz-Leistungen kann man auch nicht mehr viel tun: Wenn man – ohne dass dies geschieht, weil etwa der Sozialstaat zusammengebrochen wäre – Leistungen kürzt, dann gefährdet man – bei dem Anspruchsdenken, das die Bürger heute an den Tag legen – mittlerweile massiv den gesellschaftlichen Frieden. In diese Nesseln wird sich die SPD nicht setzen. Sie ist schon durch die Agenda 2010 bei vielen diskreditiert und im Moment deutlich auf dem absteigenden Ast.

      Nein, Sarrazin hat jetzt abkassiert und damit hat die liebe Seele ruh. Er kann sich doch jetzt öffentlich nicht einmal mehr frei äußern, nachdem er seine Erklärung gegenüber der SPD abgegeben hat.

  • Die Sarrazin-Debatte hat letztes Jahr die Republik extrem polarisiert, deshalb ist der Gedankengang von Clio wirklich interessant, um aus der Verfahrenheit der Debatte zu kommen.

    Allerdings haben die Vorkommentatoren das meiste schon gesagt, was ich auch denke. Kurz: jemand der jahrzehntelang durch einen Glauben geprägt wurde, kann man nicht so einfach umpolen. Das ist m.E. der Hauptgrund für Sarrazins Verbleiben in der SPD, selbst um den Preis ideologischer Widersprüche.

    Wer in einem religiös geprägten Umfeld aufgewachsen ist, kann vielleicht verstehen, wie schwer es ist, sich einfach so aus den alten Klamotten zu verabschieden.

    Sein Verdienst bleibt, einer schweigenden Mehrheit allein durch die Buchverkaufszahlen einen statistisch nachweisbaren Fussabdruck in der Medienlandschaft zu verschaffen. Wenn er dabei noch Geld verdient hat, ist mir das egal, wir leben (noch) nicht im Sozialismus.

  • Ich will hier den letzten Absatz des Beitrags von Raddatz zitieren.
    Man braucht sich letztlich nur die vielen geistreichen Beiträge in diesem Blog durchzulesen um feststellen zu können, daß er mit seinem Schlusssatz recht hat.

    „Da die deutsche Führerklasse weiterhin auf den Islam als neuer Leitkultur programmiert bleibt, wird sie das Staatsrisiko, aber auch die komplementäre Chance erhöhen, in der ihr eigenes Risiko liegt. Mit anderen Worten: Sie wird Figuren produzieren, die Merkel, Wulff & Co. noch übertreffen,
    aber auch in der Masse Intelligenz provozieren, die Sarrazin – nicht umsatz aber machttechnisch – in den Schatten stellt und das Risiko für den Mainstream erhöht.“ (Zitat Raddatz)

    • Was ich von Raddatz zum Thema Himmler und Bhagavad Gita gelesen habe, ist indes einfach nur lächerlich.

      Nur um das exemplarisch zu bekräftigen. Es heißt in der Bhagavad Gita man solle die Tat nicht ihrer Frucht wegen anstreben. Ein Prinzip, welches Himmler wahrlich nicht beherzigt hat. In nicht einem einzigen Fall, genauer gesagt.

      Diese ganze Suppenpsychologie Hitler und Himmler betreffend wird mir zunehmend zuwider.

      Meine Analyse beschränkt sich mittlerweile auf zwei eher offensichtliche Facetten:

      1. Das informelle Rückgrat des Dritten Reichs wurde von Sadisten gebildet.
      2. Das Gros des Apparats bestand aus Leuten aus einfachen Verhältnissen, welche ständig unter dem Druck standen, mit ihrer Aufgabe überfordert zu sein.

  • Fremder, ich komme ebenfalls aus einfachen Verhältnissen. Es mag sein, daß es Aufgaben gibt, die mich überfordern könnten, bislang war dies glücklicherweise nicht der Fall. Ich denke es ist zumindest fragwürdig zu behaupten, daß lediglich Menschen aus einfachen Verhältnissen mit gewissen Aufgaben überfordert sein können.

    Der „Apparat“ des III. Reiches bestand in etwa aus denselben Leuten wie der der Weimarer Republik (ausgenommen der Parteiapparat), abzüglich der Juden und anderer unerwünschter Personen (Kommunisten etc.pp.).
    Was den ersten Punkt anbelangt, bin ich eher der Meinung, daß wir es in erster Linie mit amoralischen Fanatikern/Ideologen/Karrieristen/Verbrechern zu tun hatten (Sadisten hat es sicherlich auch gegeben), Himmler z.B. mochte wohl Massentötungen anordnen und rechtfertigen, aber daß er sich persönlich an diesen Morden ergötzt hätte, kann man nun nicht behaupten (siehe seinen Zusammenbruch während eines Besuchs in einem Vernichtungslager).

    Meyer, dank für ihre Antwort.
    Ein weites Feld, da ist Raum für diese oder jene Auffassung.
    Ich sehe das als die alte Problematik von „haben“ und „nicht haben“ (materielle Besitz, finanzielle Ressourcen).
    Warum z.B. haben die alten Römer regelmäßig Getreidespenden (später dann auch Öl und Fleisch) an die Bevölkerung verteilt, weniger regelmäßig auch Geldbeträge ?
    Großzügigkeit anderer Art (Verteilen von Beute etc.) mussten z.B. auch germanische Stammesführer beweisen, wenn sie ihre Position behaupten wollten.
    Es geht natürlich auch anders, z.B. mit nackter Gewalt bzw. Gewaltandrohung, aber diese Mittel taugen nichts, wenn man etwas Dauerhaftes aufbauen will.

    Mit einem reinem Egoismus läßt sich meines Erachtens kein Staat machen.

    Will man als verantwortungsbewusster Staatsmann einen Ausgleich schaffen zwischen denen die haben und denen die nicht haben? Wenn ja, wie soll der aussehen? Sind etwa die, die „nicht haben“ lediglich als Maneuvriermasse für die Eliten und ihren Anhang zu sehen (Besitzstandwahrung)?

    Das der Industriekapitalismus eine soziale Frage aufgeworfen hat liegt auf der Hand und kann nur von denjenigen abgestritten werden die sagen: „reine Subsistenz reicht doch, Arbeitsunfall oder Krankheit: Pech gehabt, im Alter: soll er eben sehen wo er bleibt, was geht mich das an“ u.s.w. u.s.f..

    Damit will ich es erst einmal bewenden lassen.

    • Ich denke es ist zumindest fragwürdig zu behaupten, daß lediglich Menschen aus einfachen Verhältnissen mit gewissen Aufgaben überfordert sein können.

      Das habe ich nicht behauptet. Mir ging es darum, daß viele Menschen damals auf Posten standen, auf denen sie nicht die geringste Erfahrung hatten. Himmler war auch so einer.

      Nein, Himmler war kein Sadist. Aber warum hatte er ständig Angst vor Hitler? In seiner Position, mit dem gesamten Geheimdienstapparat unter sich, hätte er formal keine Angst zu haben brauchen. Aber es galt, meiner Meinung nach, das ungeschriebene Gesetz, daß die besonders „entschiedenen“ (sprich: sadistischen) Elemente einander unbedingt deckten. Deshalb hat auch niemand Erich Koch auf die Finger gehauen, obwohl sich alle einig waren, daß er einen schlechten Job in der Ukraine gemacht hat.

    • Konservativer, ich bin der Meinung, daß unsere divergierenden Ansichten über Sozialleistungen über ein Modell der freiwilligen Mitgliedschaft in einer öffentlich-rechtlichen Sozialkörperschaft oder privatrechtlichen Sozialgenossenschaft zu regeln ist, die vergleichbar der inneren Organsiation der Bundesrepublik gestaltet sein könnte.

      Damit wäre der Staat, der sich dann um seine Netto-Kernaufgaben zu kümmern hätte, von diesem Spaltkeil befreit. Das wäre ein ECHTER Kompromiß zwischen der Forderung nach einem Minimalstaat UND der Forderung nach einem Sozialstaat.

      Das, so denke ich, ist der Charme dieses Ansatzes. Einigte man sich darauf, so blieben unsere sozial verschiedenen Ansichten nicht in der Quere zwischen unseren sonst sehr weit übereinstimmenden Sichtweisen stehen.

      Der Erfolg der Mitglieder der jeweiligen Sozialkörperschaften bzw. -genossenschaften, über mehrere Generationen hinweg läßt sich dann hervorragend vergleichen.

      Die Großfamilien wurden durch die Verstädterung im Zuge der Industrialisierung zerstört. Durch Minimalleistungen hat der Staat eingegriffen. Heute bietet der Staat Maximalleistungen, die weit über das einer Großfamilie hinausgeht. Im Zuge dessen sind Kinder und Ehe keine INVESTITION mehr, sondern Luxus und dementsprechend selten.

      Die Geburtenrate sinkt exakt seit der Einführung der Altersrente unter Bismarck. Zufall?
      Die soziale frage kam nicht etwa auf, weil die Unternehmer so schlecht zahlten. Das ist ja völlig falsch – zumindest in Deutschland (Marx hat britische Verhältnisse beschrieben). Sondern sie kam auf, weil eine Landflucht einsetzte, da die Industrie und vor allem der Bergbau hervorragend zahlte. Aber natürlich zahlte sie nicht im Alter ohne Arbeitsgegenleistung, klar! – Und diese Verwerfungen, die eine Großfamilie auf dem Land mit drei Generationen aufgefangen hätte, hat nun der Staat aufgefangen. Der Staat hat die (in der Stadt) zu teuren Kinder einfach ersetzt, von Anfang an. Wozu noch Kinder? Ich bin sicher, daß ein Staat mit familiären Sozialsystem auf lange Sicht der erfolgreichere ist, weil immer genug Nachwuchs entstehen muß! Unser Niedergang liegt einzig und alleine am fehlenden Nachwuchs, alle anderen Ursachen sind alleine nicht ausreichend als Erklärung.

      Es liegt aber gerade in der Natur des vorsorgenden Menschen, ein System der sozialen Sicherheit zu schaffen, weil unser ganzes Sein historisch sich auf systematische und kollektive Gefahrenabwehr hin entwickelt hat. Landwirtschaft, Lagerhaltung, usw. usf.

      Dieser natürliche Nestbauzwang, zu bewundern in den nordischen Ländern (logischerweise) noch viel deutlicher als bei uns, ist zum inneren Antagonisten des Überlebens der Generationen geworden. So meine These.

      Dennoch stimme ich Ihnen völlig zu: Mit Egoismus ist gar nichts zu erreichen. Nur sehe ich Egoismus nicht als Gegenteil zum Sozial-Sozialismus, sondern ich sehe diese Form des Sozialismus als eine verkörperte Form des Massenegoismus. Und der ist in nichts besser als der Egoismus der Wenigen; nur „mehr“ und damit politisch wirksamer.

      • Meyer, Danke für ihre Antwort. Die Lage in Deutschland im 19. Jahrhundert mag der folgende Text illustrieren:
        http://rspree.wordpress.com/2011/03/08/okonomischer-wandel/

        • Der von Ihnen eingestellte Link ist interessant und in kurzer Zeit nur zu überfliegen. Ich habe diesen Text sogar ausgedruckt, weil ich diesen in Ruhe lesen will.

          Meine Informationen bezüglich der Entlohnungshöhe bezogen sich tatsächlich nur auf den Kohlenbergbau im Ruhrgebiet im letzten Drittel des 19. Jhdt.

          Ob ich meine These aufgrund der Informationen beim Überfliegen einschränke, kann ich noch nicht sagen. Vorstellbar wäre, daß sich der doppelte soziale Druck Stadt/Land und unzureichende Sozialsysteme für alle Beteiligten auf die Errichtung eines zentralen Sozialsystems ausgewirkt haben. Der Gedanke, daß wer selbst kaum etwas hat, auch keine Kinder ernähren kann, ist sicherlich ebenfalls zutreffend.

          Dennoch erscheint es mir nach wie vor kein Zufall zu sein, daß der Zeitpunkt der demographischen Regression alles andere als ein Zufall ist. Dies habe ich ebenfalls auch für andere Industriestaaten gelesen.

          Nach Hayek’schem Erklärungsmuster ist dies auch nachvollziehbar.

  • Danke für die Klarstellung Fremder.
    Ich denke es ist tragisch für Deutschland, daß seit Bismarck sicherlich die Mehrheit unserer federführenden Entscheidungsträger mit den anstehenden Aufgaben überfordert war, und das unabhängig von ihrer sozialen Herkunft.
    In der politischen Arena mehr als im militärischen Bereich (hier haperte weniger im taktischen, als im strategischen Bereich), was letztere anbelangt muss man allerdings bedenken, daß das Kräfteverhältnis (incl. der verfügbaren Ressourcen) derart ungleich war, daß selbst die fähigsten Militärs scheitern mussten. Doch da die Wehrmacht ein (wirksames) Instrument des Nationalsozialismus war, kann dieses Thema in Deutschland (gegenwärtig jedenfalls) im öffentlichen Diskurs kaum „unfallfrei“ diskutiert werden. Das ist im Ausland anders.

  • Meyer, Ihre Einwände bezüglich des Mißbrauchs von Sozialleistungen sind einleuchtend und richtig. Diese können und müssen abgestellt werden, die Mittel/Instrumente dazu gibt es.

    Ebenso sollte jeglicher Wildwuchs (Stichwort „Weltsozialamt“) innerhalb des Sozialsystems zunächst identifiziert und anschließend abgestellt werden.

    Trennung von sozialen und (staats)politischen Fragen: Zustimmung.

    „Ich glaube daran, daß die Sozialsysteme zu 75% an der gesellschaftlichen Zerstörung schuld sind.“
    Hier sind wir uneins, ich denke, daß es im Wesentlichen eine um sich greifende politische Inkompetenz sein dürfte, die für den gegenwärtigen Niedergang hier im Land verantwortlich zu machen ist.

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