Non veni pacem mittere sed gladium. (Mt 10,34)
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Man wird kaum mehr rekonstruieren können, wer als Erster auf die Schnapsidee gekommen ist, das in der britischen Politik nahezu allmächtige House of Commons „Unterhaus“, das praktisch ohnmächtige House of Lords „Oberhaus“ zu nennen und damit die Machtverhältnisse buchstäblich auf den Kopf zu stellen.

Selbst wenn diese Namen aus einer Zeit stammen sollten, als die Macht im Königreich noch anders verteilt war, waren sie doch von Anfang an Fehlübersetzungen. Zwischen beiden Häusern bestand ja niemals ein Verhältnis der Über- und Unterordnung, allenfalls zwischen den von ihnen repräsentierten Ständen.

Das House of Commons vertritt die „Gemeinen“, die einfachen Bürger, die Allgemeinheit, oder schlicht das Volk. Das House of Lords ist buchstäblich das Haus der Herren, also der traditionellen Führungsschicht des Landes.

Es wäre daher von Anfang an treffender gewesen, vom „Volkshaus“ und dem „Herrenhaus“ zu sprechen, zumal beide Begriffe dem deutschen Staatsrecht geläufig sind: Der eine bezeichnete in der Paulskirchenverfassung von 1848 die Volksvertretung, der andere in der preußischen Verfassung von 1851 eine Institution, die ziemlich genau dem britischen House of Lords entsprach.

Ich glaube, es würde unseren Journalisten wohl anstehen, das inzwischen völlig anachronistische Wort „Unterhaus“ aus ihrem Vokabular zu streichen; und sei es nur, um zu demonstrieren, dass sie wenigstens hin und wieder vor dem Schreiben denken.

3 Antworten auf "Unterhaus"

  • Ja, die Bezeichnungen sind natürlich völlig überholt; aber bis Oliver Cromwell hatte das House of Lords tatsächlich mehr Macht als das House of Commons und wurde deshalb als upper house bezeichnet. Das ist natürlich schon eine Weile her.

    Bis 1832 (?) gab es noch die rotten boroughs, Wahlbezirke, die im Parlament mit Abgeordneten vertreten waren, in denen aber schon Jahrhunderte lang fast niemand mehr wohnte oder die längst das Meer verschlungen hatte. Und es gibt immer noch den Poet Laureate und den Royal Keeper of the Swans, die Perücken der Richter, die Durchsuchung des Parlamentsgebäudes auf Schießpulver am Guy Fawkes Day (seit 1605!) und einiges andere mehr. Ich fand das immer einen sympathischen, wenn auch etwas skurrilen Zug der Briten, alte Bezeichnungen, Ämter etc., einfach beizubehalten, auch wenn die bezeichnete Sache oder Funktion gar nicht mehr existierte.

    Dass der „progressive“ Teil der Briten heutzutage alle alten britischen Traditionen ausrotten will, das Christentum, die eigene Bevölkerung usw. ist vielleicht auch als Reaktion auf diesen skurrilen Konservatismus zu sehen.

    Es gab immer schon viel Merkwürdiges auf dieser Insel, nur war es früher amüsanter. 

  • Im House of Commons sind nicht die Vertreter der ‚Gemeinen‘ (commoners) sondern die Vertreter der Gemeinden (communes) versammelt und das waren ursprünglich die Vertreter der Städte (Bürger) und die Vertreter der Grafschaften (kleine Adlige Grundbesitzer). Im Sprachgebrauch der Spätmittelalters wurden diese Gruppen durchaus mit dem ‚Volk‘ gleichgesetzt, aber damit war nicht die heutige Bedeutung diese Begriffes Volk gemeint. Die politischen Partizipationsmöglichkeiten der breiten Masse haben sich zu dieser Zeit auf Aufstände und Aufruhr beschränkt.

    • Ich danke für die korrigierenden Hinweise; an der Richtigkeit meiner These, dass „Unterhaus“ ein dümmlicher und irreführender Ausdruck ist, ändert sich durch sie freilich nichts.

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