Non veni pacem mittere sed gladium. (Mt 10,34)
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Dirk Pilz hat in der „Berliner Zeitung“ kritisch und lesenswert über eine Forschungsrichtung geschrieben, von der ich bis gestern noch nie etwas gehört hatte, und die ich deshalb auch nicht inhaltlich beurteilen werde: Es handelt sich um den Begriff der „Performativität“ und das darauf basierende Theoriegebäude. Das Interessante an Pilz‘ Text ist, dass er exemplarisch aufzeigt, wie man die gesellschaftlich vorherrschende Ideologie in eine ganz bestimmte Richtung manipuliert:

Es gibt auch gute Nachrichten: Der Sonderforschungsbereich (SFB) „Kulturen des Performativen“ lädt von heute bis Samstag zu seiner Abschlusstagung ins Haus der Kulturen der Welt. Elfeinhalb Jahre wurde emsig geforscht, jetzt soll unter dem Motto „Performing the Future“ Bilanz gezogen werden. Es gelte, „die bisherige Theoriebildung im Bereich der Performativitätsforschung auf Möglichkeiten ihrer Weiterentwicklung“ zu prüfen.

Sehr schön, vor allem, weil man getrost davon ausgehen darf, dass die herbeigeeilten Gelehrten vielerlei Möglichkeiten finden werden. Denn die Performativitätsforschung hat sich in den letzten Jahren als ein überaus dankbares Wissenschaftsfeld erwiesen, das beinahe überall die immergleichen Früchte erntet. Das ist vornehmlich dem Begriff des Performativen selbst zu danken – er meint etwas so Allumfassendes wie letztlich Banales, die Tatsache nämlich, dass jede Handlung Wirklichkeit konstituiert und also immer ein Rest bleibt, der sich in Begriffen nicht auflösen lässt. Wurde das eigentlich je bestritten? Die Schwerpunkte lagen bis Ende der 80er-Jahre in den Kulturwissenschaften anders, man sprach eher von der „Kultur als Text“, nicht vom „Ereignischarakter“ einer „performativen Kultur“. Ein wesentliches Ziel dieses SFB bestand laut Konzeptionspapier allerdings gerade darin, „einen performative turn herbeizuführen“, einen „Paradigmenwechsel“. Und zu jedem Paradigmenwechsel gehört offenbar ein ordentlich aufgeblasener Begriffs- und Theorieapparat. Auch das hat dieser SFB unter der Federführung der Theater-, also Performativitätswissenschaftlerin Erika Fischer-Licht, mustergültig beherrscht – es gibt kaum einen Forschungszweig, der derart viel Begriffsmüll und so viele Theorieblasen produziert hat. Von „Leibraum“ und „entwerkter Gemeinschaft“ wird da geredet, von „TheatRealität“ und von Theater als „Ereignis zwischen Eräugnis und Bewägung“, beides mit ä.

(…)

Inzwischen ist derlei Reden zum Standard-Sprech unter Kulturwissenschaftlern avanciert. Inzwischen sind auch sechs Jahre vergangen, seitdem Fischer-Lichtes Theoriewerk „Ästhetik des Performativen“ Wirklichkeit wurde. Es ist die heilige Schrift der Performativitätsforschung. Darin ist zu lesen, dass es einer Ästhetik des Performativen um die „Überwindung starrer Gegensätze“ und ihre „Überführung in dynamische Differenzierungen“ gehe: Sie sei der „Versuch zur Wiederverzauberung der Welt“. Auch das ist glänzend gelungen. Die Performativitätsforschung hat längst sektenhafte Züge angenommen, die lauter festgläubige Gesinnungsjünger hervorbringt. Die wachsende Zahl der Publikationen erkennt man vor allem daran, dass sie von Überzeugten für Überzeugte geschrieben sind, die sich fleißig gegenseitig zitieren. Auch eine Möglichkeit, von den oft haarsträubenden methodischen Mängeln abzulenken.

Die klassische Methode der Selbstimmunisierung: Man schaffe einen rückbezüglich sich selbst bestätigenden Begriffsapparat, entziehe ihn dadurch der Überprüfbarkeit, kreiere einen möglichst hochtrabenden Spezialjargon und sorge dadurch dafür, dass kein Außenstehender – also keiner, der einem anderen Paradigma folgt – auch nur den geringsten Ehrgeiz verspürt, es zu überprüfen, sondern lieber auf Kritik verzichtet, nach dem Motto, dass eine Krähe der anderen kein Auge aushackt.

Wer heute jedenfalls Kulturwissenschaften betreiben will, ohne das Dogma vom performativen turn mitzubeten, wird mit strikter Nichtbeachtung gestraft. Höhepunkt dieser Theoriepolitik ist ohne Zweifel das bei Metzler vor fünf Jahren erschienene Lexikon „Theatertheorie“, herausgegeben von Fischer-Lichte, Doris Kolesch und Matthias Warstatt. Im Vorwort wird mitgeteilt, dass hier nur Begriffe aufgenommen seien, die als „theoretisch bzw. theoriefähig“ gelten. Das Lexikon lässt über weite Teile nur solche Begriffe als theoriefähig gelten, die der Performativitätsforschung folgen – so führt man Paradigmenwechsel herbei.

Thomas Kuhn hat in seinem Klassiker „Die Struktur wissenschaftlicher Revolutionen“ gezeigt, dass neue wissenschaftliche Theorien sich normalerweise nicht dadurch durchsetzen, dass die alten widerlegt würden, sondern dadurch, dass deren Anhänger emeritiert werden bzw. aussterben. Dies gilt zumindest für Theorien von einer gewissen Reichweite aufwärts, also für Theorien, die einen grundlegend neuen begrifflichen Rahmen – eben ein neues Paradigma – schaffen. Paradigmata entziehen sich aber dadurch, dass sie wesentlich eben einen begrifflichen Rahmen darstellen, bis zu einem gewissen Grade der Kritisierbarkeit: Begriffe können fruchtbar sein oder nicht, aber man kann sie normalerweise nicht einfach dadurch widerlegen, dass man sie mit der Empirie konfrontiert.

Was zunächst nur eine wissenschaftshistorisch gut belegte These war, wird von findigen Wissenschaftsstrategen längst als Gebrauchsanleitung zur Herbeiführung solcher Revolutionen verwendet:

Die aufgeblasene Spezialsprache dient nicht nur, wie im frühen Mittelalter das Lateinische, in der frühen Neuzeit das Französische, als Statussymbol, mit dem der Gebildete sich von der Plebs abhebt, sondern dazu, dem eigenen Ansatz von vornherein den Rang eines Paradigmas zu verschaffen, das nur noch aufgrund seiner eigenen Begrifflichkeit, das heißt praktisch überhaupt nicht kritisierbar ist. Gingen frühere Paradigmenwechsel mit fundamentalen Erkenntnisgewinnen einher, ohne die sie sich nicht hätten durchsetzen können, so zeichnen sich die geplanten und gesteuerten Paradigmenwechsel heutiger Tage dadurch aus, dass sie den Beweis ihrer Relevanz systematisch schuldig bleiben.

Und es ist ja nicht so, dass dies nur theoretisches Geplänkel wäre. Die verschwurbelte Begrifflichkeit hat, zum Beispiel, auch allerlei Theaterdramaturgen infiziert, die sie an Regisseure und Schauspieler weiterreichen, was wiederum nicht unbedingt dem Theater selbst förderlich ist: Dass man immer öfter mit fußnoten-kompatiblem, sonst aber vollkommen belanglosem Theater behelligt wird, ist auch ein Verdienst dieser Forschungsclique.

So funktioniert das: Studenten, die die Relevanz des Paradigmas nicht beurteilen können, bekommen suggeriert, dies sei der neueste Stand „der“ Wissenschaft. Da sie schon froh sind, wenn sie auch nur ansatzweise verstehen, wovon die Rede ist und ihnen die wissenschaftstheoretischen Werkzeuge zum kritischen Umgang mit dem Paradigma gar nicht erst an die Hand gegeben werden, werden sie sich vor dem Versuch hüten, einen kritischen Strandpunkt einzunhemen. Sie werden den Jargon und die dahinterstehende Ideologie übernehmen (und sich dadurch als Angehörige der „Elite“ ausweisen) und sie nach Abschluss ihres Studiums in ihrem Wirkungsbereich – hier also dem Theater – umsetzen. Auf diese Weise schafft man einen Konsens zunächst innerhalb von Teileliten. Da ganz bestimmte Paradigmata aber füreinander anschlussfähig sind – zum Beispiel Performativität mit Gender – weil sie auf miteinander zusammenhängenden ideologischen Voraussetzungen beruhen, entsteht – wie von selbst – innerhalb der Eliten eine leitende Metaideologie, deren Kritiker von den Eliten bestenfalls marginalisiert, normalerweise aber aus ihnen ausgesperrt werden.

Jetzt aber ist Schluss, jetzt ist Abschlusstagung. Und vielleicht performen sich die Beteiligten ja eine Konferenz, der es tatsächlich gelingt, die starren Gegensätze der Performativitätsforschung in ein dynamisches, offenes, selbstkritisches Denken zu überführen.

schreibt Pilz. Aber er glaubt es wahrscheinlich selbst nicht.

Eine Antwort auf Wie man eine Ideologie durchsetzt

  • Nein Manfred, du machst es Dir hier leider zu einfach.

    Nicht, dass Du Unrecht hättest mit deiner Analyse. Aber denke das Analysierte mal zehn Jahre in die Zukunft. Dann hast du das, was ich vor acht Jahren, bei Beginn meines Universitätsstudiums, vor mir hatte.

    Es ist alles noch viel schlimmer.

    Die „Postmoderne“ ist in den Geisteswissenschaften leitendes „Paradigma“, an einigen germanistischen Fakultäten wird die „Wahrheit“ des Poststrukturalismus nicht einmal mehr infrage gestellt.

    Erhellender als die ermüdende Kritik solch lebensfeindlicher Denkmodelle ist die aktive Auseinandersetzung mit den Konseqenzen (=my job description).

    Wir werden verlieren.

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