Non veni pacem mittere sed gladium. (Mt 10,34)
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Heute ist der siebzigste Jahrestag des Angriffs auf Polen, mit dem der Zweite Weltkrieg begann. Seit heute früh kommt keine Nachrichtensendung mehr ohne die Worthülse „Überfall auf Polen“ aus, und ich habe es mit erspart nachzugugeln, ob die Zeitungen sie ebenfalls benutzen; ich wette: ja.

Eine Worthülse ist das deshalb, weil man unter einem Überfall einen überraschenden Angriff aus heiterem Himmel versteht, mit dem nicht gerechnet werden kann. Das Wort „Überfall“ passt gut auf den Angriff von 1941 auf die Sowjetunion; dem Angriff auf Polen vor genau siebzig Jahren aber gingen eine monatelange diplomatische Krise, Propagandaoffensiven beider Seiten, Dutzende von Grenzzwischenfällen und ethnischen Scharmützeln, nicht zuletzt der deutsch-sowjetische Nichtangriffs-(und Teilungs-)pakt voraus. Was am 1. September 1939 begann, war wohl ein Angriff, aber eben kein Überfall.

Es geht hier nicht um kleinkarierte Wortkauberei, wie jetzt vielleicht mach einer denkt:

Wenn ein so auffallend unpassendes Wort wie das vom „Überfall auf Polen“ nicht nur irgendwann und von irgendwem versehentlich eingeflochten wird, sondern offenkundig Teil einer Sprachregelung ist, die ungeachtet ihrer Dummheit von niemandem in Frage gestellt wird, dann ist dies bezeichnend für den Geisteszustand, in dem die meinungsbildenden Eliten ihre für uns Alle bestimmten Texte verfassen: Die Angst vor der abweichenden Meinung, ja die Angst sogar vor einer – womöglich bloß versehentlich – abweichenden Formulierung, verdrängt jede andere journalistische Erwägung, sogar die Angst vor dem Verdacht der Inkompetenz und der daraus resultierenden Blamage.

In einer solch gestanzten Floskelsprache teilt man nicht die Ergebnisse von Überlegungen, sondern eingepaukte Glaubensartikel mit. An ihr ist abzulesen, dass der Diskurs der deutschen Öffentlichkeit über alles, was mit Hitler zusammenhängt, überhaupt nichts mit dem Selbstbild der Nation zu tun hat, die von sich so gerne behauptet, „aus der Geschichte gelernt“ zu haben. Ein Volk, das in stalinistischer Manier Fragen von Wahr und Unwahr mit denen von Gut und Böse vermengt und sich an ein bis in die Formulierungen hinein vorgegebes Geschichtsbild klammert, zeigt, dass es selbst nach zwei totalitären Diktaturen mit dem Begriff des Totalitären noch nichts anzufangen weiß.

Es muss als wahrscheinlich gelten, dass ein solches Volk auch noch einem dritten Totalitarismus anheimfällt.

Eine Antwort auf „Überfall auf Polen“

  • Danke, danke und nochmals danke, Manfred. Die Laus ist mir schon vor einer Weile über die Leber gelaufen und lässt mich seitdem nicht mehr in Ruhe. Polen hatte seit der deutschen Annektion der Rest-Tschechei teilmobil gemacht; es erwartete einen Ausbruch von Feindseligkeiten, der freilich spätestens ab dem Molotov-Ribbentrop nur noch eine Frage der Zeit war.
    Bei der Einschätzung des Beginns von Unternehmen Barbarossa allerdings muss ich Dir widersprechen. Auch hier kann nicht von einem Überfall die Rede sein. Massive Truppenbewegungen beiderseits waren sowohl dem OKW als auch dessen sowjetischen Pendant bekannt (wobei der Aufmarsch der dt. eine direkte Folge eines ab Herbst ’40 stattfindenden Aufmarsches der Roten Armee war). Das sowjetische Oberkommando warnte vehement vor bevorstehenden deutschen Aktionen, wurde jedoch von Stalin immer wieder ignoriert. Hinzu kommt dort sicherlich auch eine tief sitzende Angst, den Mann aus Georgien nicht zu sehr zu bedrängen – zu nah lag noch die Erinnerung an die „Große Säuberung“.
    Zweifelsohne war der Krieg gegen Russland immer schon Hitler’s langfristiges Ziel gewesen, sowohl ideologisch als auch geopolitisch. Beim Beginn von Operation Barbarossa tendiere ich allerdings eher zur Präventivschlagthese als zur Version eines „Überfalls“.

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