Twitter
Wer möchte, kann mir jetzt auch auf Twitter folgen. Hier klicken.
Netzschau
Einen Überblick, was in der Blogosphäre so geschrieben wird, findet Ihr auf der Netzschau. Hier klicken.

Zweierlei Atheismus

Es gibt zwei Arten, Atheist zu sein, eine passive und eine aktive. Der passive Atheist glaubt an keinen Gott und kein Jenseits, hat aber kein Problem mit anderer Leute Religiosität. Bisweilen beneidet er sie vielleicht sogar darum.

Der aktive Atheist glaubt sehr wohl an eine Gottheit – er nennt sie bloß nicht so -, und kämpft mit der Intoleranz des halbgebildeten Fanatikers gegen jeden öffentlichen Ausdruck traditioneller – und das heißt: konkurrierender – Religiosität.

Da Atheisten dieser Sorte ihren Religionshass normalerweise für ein Gebot aufklärerischen, liberalen und demokratischen Denkens halten, werden sie sich bestimmt gerne die folgenden Worte eines klugen Mannes hinter die Ohren schreiben, dem niemand absprechen wird, ein Aufklärer, ein Liberaler und ein Demokrat zu sein:

Demgegenüber besteht eine Philosophie, die sich ihrer Fehlbarkeit und ihrer fragilen Stellung innerhalb des differenzierten Gehäuses der modernen Gesellschaft bewusst ist, auf der generischen, aber keineswegs pejorativ gemeinten Unterscheidung zwischen der säkularen, ihrem Anspruch nach
allgemein zugänglichen, und der religiösen,von Offenbarungswahrheiten abhängigen Rede. Anders als bei Kant und Hegel verbindet sich diese grammatische Grenzziehung nicht mit dem philosophischen Anspruch, selber zu bestimmen, was von den Gehalten religiöser Traditionen – über das gesellschaftlich institutionalisierte Weltwissen hinaus – wahr oder falsch ist.

(…)

Im Gegensatz zur ethischen Enthaltsamkeit eines nachmetaphysischen Denkens, dem sich jeder generell verbindliche Begriff vom guten und exemplarischen Leben entzieht, sind in heiligen Schriften und religiösen Überlieferungen Intuitionen von Verfehlung und Erlösung, vom rettenden Ausgang aus einem als heillos erfahrenen Leben artikuliert, über Jahrtausende hinweg subtil ausbuchstabiert und hermeneutisch wachgehalten worden. Deshalb kann im Gemeindeleben der Religionsgemeinschaften, sofern sie nur Dogmatismus und Gewissenszwang vermeiden, etwas intakt bleiben, was andernorts verloren gegangen ist und mit dem professionellen Wissen von Experten allein auch nicht wiederhergestellt werden kann – ich meine hinreichend differenzierte Ausdrucksmöglichkeiten und Sensibilitäten für verfehltes Leben, für gesellschaftliche Pathologien, für das Misslingen individueller Lebensentwürfe und die Deformation entstellter Lebenszusammenhänge. Aus der Asymmetrie der epistemischen Ansprüche lässt sich eine Lernbereitschaft der Philosophie gegenüber der Religion begründen, und zwar nicht aus funktionalen, sondern – in Erinnerung ihrer erfolgreichen „hegelianischen“ Lernprozesse – aus inhaltlichen Gründen.

(…)

Ich habe die Diagnose erwähnt, wonach die in der Moderne eingespielte Balance zwischen den drei großen Medien der gesellschaftlichen Integration in Gefahr gerät, weil Märkte und administrative Macht die gesellschaftliche Solidarität, also eine Handlungskoordinierung über Werte, Normen und verständigungsorientierten Sprachgebrauch aus immer mehr Lebensbereichen verdrängt. So liegt es auch im eigenen Interesse des Verfassungsstaates, mit allen kulturellen Quellen schonend umzugehen, aus denen sich das Normbewusstsein und die Solidarität von Bürgern speist.

Dieses konservativ gewordene Bewusstsein spiegelt sich in der Rede von der „postsäkularen Gesellschaft“.

(…)

Im öffentlichen Bewusstsein einer postsäkularen Gesellschaft spiegelt sich … eine normative Einsicht, die für den politischen Umgang von ungläubigen mit gläubigen Bürgern Konsequenzen hat.

(…)

Zwar sind die Folgelasten der Toleranz, wie die mehr oder weniger liberalen Abtreibungsregelungen
zeigen, nicht symmetrisch auf Gläubige und Ungläubige verteilt; aber auch das säkulare Bewusstsein kommt nicht kostenlos in den Genuss der negativen Religionsfreiheit. Von ihm wird die Einübung in einen selbstreflexiven Umgang mit den Grenzen der Aufklärung erwartet. Das Toleranzverständnis von liberal verfassten pluralistischen Gesellschaften mutet nicht nur den Gläubigen im Umgang mit Ungläubigen und Andersgläubigen die Einsicht zu, dass sie vernünftigerweise mit dem Fortbestehen eines Dissenses zu rechnen haben. Auf der anderen Seite wird dieselbe Einsicht im Rahmen einer liberalen politischen Kultur auch Ungläubigen im Umgang mit Gläubigen zugemutet. Für den religiös unmusikalischen Bürger bedeutet das die keineswegs triviale Aufforderung, das Verhältnis von Glauben und Wissen aus der Perspektive des Weltwissens selbstkritisch zu bestimmen. Die Erwartung einer fortdauernden Nicht-Übereinstimmung von Glauben und Wissen verdient nämlich nur dann das Prädikat „vernünftig“, wenn religiösen Überzeugungen auch aus der Sicht des säkularen Wissens ein epistemischer Status zugestanden wird, der nicht schlechthin irrational ist.

(…)

Die weltanschauliche Neutralität der Staatsgewalt, die gleiche ethische Freiheiten für jeden Bürger garantiert, ist unvereinbar mit der politischen Verallgemeinerung einer säkularistischen Weltsicht. Säkularisierte Bürger dürfen, soweit sie in ihrer Rolle als Staatsbürger auftreten, weder religiösen Weltbildern grundsätzlich ein Wahrheitspotential absprechen, noch den gläubigen Mitbürgern das Recht bestreiten, in religiöser Sprache Beiträge zu öffentlichen Diskussionen zu machen. Eine liberale politische Kultur kann sogar von den säkularisierten Bürgern erwarten, dass sie sich an Anstrengungen beteiligen, relevante Beiträge aus der religiösen in eine öffentlich zugängliche Sprache zu übersetzen.

[Hervorhebungen von mir, M.]

Der kluge Mann, der das gesagt hat, ist übrigens Jürgen Habermas.

5 Kommentare zu „Zweierlei Atheismus“

  • Sky:

    Es gibt neben den passiven und aktiven Atheisten noch die Agnostiker. Letztere halten den Atheismus in der Tat oft für eine Religion.
    Selbstverständlich gilt es die Religionen, insbes. das Christen- und Judentum zu respektieren, und zwar als einer der Grundsteine der westlichen Zivilisation.

    Am Rande, lieber Manfred, eventuell mal das Design anpassen. Helle Schrift auf dunklem Hintergrund gilt als schwer lesbar. (Auch wenn das in frühen Computerzeiten Standard war.)

    Beste Grüße!
    Sky

  • Sky:

    Nachtrag:
    1.) Habermas hats gut beschrieben.
    2.) Das Hintergrundbild scheint mir auch ungünstig (Nicht vom Motiv her :-) .

  • Manfred:

    @ Sky: Gehe oben in der Menüleiste auf “Themeblogger” und rufe die Unter-Seite “Themeübersicht” auf. Auf dieser Seite hast Du die freie Auswahl, welches Design Du verwenden möchtest. Ich empfehle Dir, “Claritas” anzuklicken. Das Theme bleibt für Dich (bzw. jeden, der vom selben Rechner kommt) gespeichert.

  • Norbert:

    Ich hatte es schon nach 2 Absätzen am Stil erkannt, dass das von ihm ist ;) Aber wo ist es her ? Nur so der akademischen Form halber …

  • Manfred:

    @ Norbert:
    Guck mal unten: Der letzte Satz des Artikels ist verlinkt.

Kommentieren

Vom Blogger

Für die Bestellung beim Verlag aufs Bild klicken.
Für die, die lieber bei Amazon kaufen: hier klicken.

Auf der Seite "Dschihadsystem" (siehe Menüleiste oben) kann über das Buch diskutiert werden.

Unterstützung
Wer meine Arbeit unterstützen möchte, kann das entweder direkt tun
oder indem er über diese Seite einkaufen geht: Den Buchladen kennt Ihr ja schon (siehe Menüleiste oben). Außerdem habt Ihr ab jetzt über den Menüpunkt "Einkaufen" Zugriff auf die gesamte Produktpalette von Amazon. Von den Umsätzen, die dort anfallen, bleiben ein paar Prozentchen beim Blogger hängen.
Archiv
Kategorien
Suchen (Google)
Buchtipps
  • Melanie Phillips: "The World Turned Upside Down: The Global Battle Over God, Truth, and Power"

    Ivan Denes schreibt in der Druckausgabe der JF:

    "... eine geradezu beispiellose Generalabrechnung mit den zentrale Themen der Political Correctness. Für manchen Rezensenten gilt das Buch bereits als Wendepunkt in der ideologischen Auseinandersetzung mit den Feinden der freien Meinungsäußerung weltweit. (...) Durchaus realistisch beschreibt sie den Würgegriff, in dem sich die westliche Zivilisation durch die Beseitigung althergebrachter ethischer Normen befindet."

    - #
  • Jörg Schönbohm: "Politische Korrektheit: Das Schlachtfeld der Tugendwächter"

    Und wenn schon einmal ein Linker es fertigbringt, das Buch eines Konservativen fair zu besprechen, dann sollte man ihn auch zitieren. "Endstation rechts" schreibt:

    "An diesem Punkt wird auch deutlich, dass Schönbohms Steitschrift nur vordergründig eine Abrechnung mit der PC ist, eigentliches Ziel ist die Bewahrung einer politischen Kultur, die mehr und mehr im Schwinden begriffen ist. Schönbohm versteht sich als Konservativer der alten Schulen, für den preußische Werte und ein gesunder Nationalstolz zu achtenswerten Tugenden gehören. Je mehr aber der „Tugend-TüV“ dies als politisch unkorrekt deklariert, desto enger wird das Feld der (korrekten) Politik.

    Da Schönbohm bereits Ende 2006 das Präsidium der CDU verlassen musste und auch weit und breit kein Nachfolger in Sicht ist, wird in absehbarer Zeit keine Umkehr dieser Entwicklung erfolgen. Die konservative Entkernung der CDU kann einen als Linken erfreuen, als Demokrat sollte man sich Sorgen machen."

    - #
  • Marcello Pera: "Warum wir uns Christen nennen müssen: Plädoyer eines Liberalen"

    kathnews.de schreibt:

    "In seinem nun vorgelegten Werk stellt Pera eine These auf, die zwar einfach und prägnant ist, dennoch aber für hitzige Diskussionen sorgen dürfte: Im Grunde sind wir alle Christen, und ohne christlichen Glauben ist in Europa kein Staat zu machen.

    In einem Streifzug durch die Philosophie analysiert der Autor die großen liberalen Denker und kommt zu einem Ergebnis, das den kritischen Leser durchaus überraschen mag: auch wer sich auf den Liberalismus als Grundlage der modernen Gesellschaftsordnung bezieht, muss sich Christ nennen, denn erst das christliche Gottes- und Menschenbild gibt dem Liberalismus sein Fundament. Pera bezeichnet das Christentum in diesem Zusammenhang als 'Seele Europas'."

    Auszüge aus dem Buch und aus dem Vorwort von Papst Benedikt bei KAS-Aquädukt. Hier klicken.

    - #
  • Ahmed Rashid: "Sturz ins Chaos"

    Die FAZ kommentiert das Buch des pakistanischen Journalisten und Historikers Ahmed Rashid "Sturz ins Chaos: Afghanistan, Pakistan und die Rückkehr der Taliban", es sei

    "höchste Zeit, die Gemütlichkeit hinter fernen Kriegsnebeln aufzugeben und sich aufzuklären, und das beste Mittel dazu ist immer noch ein gutes Buch. Es gibt kein besseres als Ahmed Rashids 'Sturz ins Chaos.' (...) 

    Nach der Lektüre von Rashids neuem Buch kann man viele intellektuelle Platzhalter, etwa die Phrase vom gemeinsamen Kampf gegen den Terror, nicht nur nicht mehr hören, man kann sie vor allem nicht mehr glauben: Terror in diesen Dimensionen gibt es ohne die Unterstützung durch Staaten nicht. So wie die jüngsten Forschungen zum Linksterrorismus der siebziger und achtziger Jahre die entscheidende Rolle östlicher Geheimdienste für Logistik, Finanzierung und Rekrutierung von Terroristen betonen, so macht auch Rashid klar, dass die Taliban ohne den pakistanischen Geheimdienst ISI nie diese seit 2006 zu beobachtende Renaissance erfahren hätten.

    Wenn wir also die Sicherheit Deutschlands am Hindukusch verteidigen, tun wir das mit einem Partner, der ein starkes Interesse daran hat, unser Gefühl der Unsicherheit fortbestehen und zur Panik anschwellen zu lassen. Denn so bleibt der pakistanische Geheimdienst immer gefragt, wie ein Club pyromanischer Feuerwehrleute."

    [Zur FAZ-Rezension hier klicken!]

    - #
  • Thilo Sarrazin: "Deutschland schafft sich ab"

    Thilo Sarrazin: Deutschland schafft sich ab: Wie wir unser Land aufs Spiel setzen.

    Eine Rezension habe ich noch nicht gefunden, aber Titel und Autor sind fürwahr selbsterklärend.

    - #
Resch Verlag