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Die Krise in den Köpfen

Eigentlich sollte ich es ja wissen, da Wissenschaftskritik und Medienkritik meine Steckenpferde sind: Auf die Prognosen von Wirtschftsjournalisten und -wissenschaftlern kann man nichts geben (auf die der letzteren schon deshalb nicht, weil sie praktisch nie eintreffen). Ich habe an ungezählten Beispielen den Nachweis geführt, dass die Medien und die Gesellschaftswissenschaften verkappte Ideologiefabriken sind. Warum sollte es bei den Ökonomen anders zugehen als bei den Historikern, Soziologen, Politikwissenschaftlern etc.? Etwa weil sie “bürgerlicher” sind?

Seit Beginn der gegenwärtigen Wirtschaftskrise haben wir mindestens einmal pro Woche aus mehr oder weniger berufenem Munde die Diagnose gehört, diese Krise werde die schlimmste seit Beginn der dreißiger Jahre. Und nun weigert sie sich – die Krise nämlich – den Befehlen ihrer Interpreten zu gehorchen.

Ja, ja, es gibt schon ein bisschen Krise. Aber es gibt weder einen dramatischen Anstieg der Arbeitslosigkeit, noch gibt es einen wirklichen Konsumeinbruch, noch einen Börsenkrach. Gerade dieser Umstand gibt mir besonders zu denken: Die Börse ist der Ort, an dem relativ intelligente Menschen richtiges Geld auf die Zukunft der Wirtschaft wetten. Wenn die nicht einbricht, dann können die Aussichten so finster nicht sein.

Ja, ich weiß, und ich bekenne mich dazu, dass ich von Makroökonomie nicht viel verstehe – jedenfalls weniger als jene “Weisen”, deren Prognosen regelmäßig weniger treffsicher sind als die, die man per Meinungsumfage ermitteln könnte. Deswegen habe ich auch ein gutes halbes Jahr gezögert, den Ökonomen das zu sagen, was Helmut Schmidt einmal den Jusos sagte:

“Die Krise findet in Euren Köpfen statt!”

Jedenfalls diejenige Krise, die die schlimmste seit 1930 sein soll, und an die ich von Anfang nicht glauben konnte. Die Regierungen haben einfach all das richtig gemacht, was sie in den Dreißigern falsch gemacht haben: keine Zollmauern, kein Protektionismus, keine Einschnitte bei den öffentlichen Ausgaben. Statt dessen internationale Absprachen, staatliche Rettungsaktionen, Bürgschaften, Konjunkturprogramme. Wenn die Großkrise ausbleibt und wir höchstens ein Krislein erleben, so liegt das daran, dass dieser Keynesianismus funktioniert.

Womit wir zugleich wissen, warum die neoliberalen Ökonomen genauso unverdrossen die ökonomische Apokalypse an die Wand malen wie ihre marxistischen Gegenspieler: Wenn die Wirtschaft nämlich jetzt nicht zusammenbricht, wenn sie nicht wenigstens dramatisch im Stil der dreißiger Jahre einbricht, dann sind nicht nur die (marxistischen) Kritiker des Kapitalismus blamiert, sondern auch die (liberalen) des Keynesianismus.

Der funktioniert nämlich aus demselben Grunde, aus dem auch die Verabreichung von Medikamenten an einen Kranken funktioniert, obwohl diese Medikamente mit “Gesundheit” so wenig zu tun haben wie staatliche Rettungsfonds mit “Marktwirtschaft”. Technisch gesehen sind Medikamente Gifte, deren Wirkung darin besteht, der Krankheit mehr zu schaden als dem Patienten. Wer sich natürlich darauf festgelegt hat, dass die “Selbstheilungskräfte” alles sind und die Medikamente nichts, wird dazu neigen, den Patienten respektive die Weltwirtschaft lieber sterben zu lassen als den allmächtigen Selbstheilungskräften vorzugreifen.

Ich bin mir nicht sicher, ob wir es wirklich mit bewusster Sabotage zu tun haben, aber wenn die Ökonomen im Sinne einer Self-fulfilling prophecy einen Zusammenbruch herbeireden wollten, dann müssten sie genau das tun, was sie auch tatsächlich tun, nämlich fortwährend Katastrophen an die Wand malen.

Nero soll Rom angezündet haben um eines Liedes willen. Warum sollten heutige Ökonomen und erst recht ihre journalistischen Lautsprecher nicht die Weltwirtschaft ruinieren um einer Theorie willen? Es wäre schließlich nicht die erste Theorie, für die die Linke die Welt in Brand steckt – zumal uns die Theorien sowohl der Sozialisten als auch der Liberalen nicht mehr und nicht weniger verheißen als das Heil! Die Neoliberalen neigen nämlich genauso wie die Marxisten zur Verwechslung von Wissenschaft und Religion, und sie glauben deswegen an den allmächtigen und allwissenden Markt. Staatseingriffe sind in einem solchen Weltbild Blasphemie, und Keynes so etwas wie der Gottseibeiuns.

(Womit die Liberalen ganz nebenbei und durchaus unfreiwillig demonstrieren, dass Gottlosigkeit nicht etwa zum Verschwinden von Religion führt, sondern dazu, dass Alles Religion wird  - auch das, was vormals “Wissenschaft” hieß.)

Die neoklassische Ökonomie, die die theoretische Begründung für das liefert, was wir gemeinhin “Neoliberalismus” nennen, beruht auf der im Gedankenmodell, aber eben nur dort,  glänzend bestätigten Hypothese, dass in einer Gesellschaft, in der alle Beziehungen Marktbeziehungen auf der Basis individueller Nutzenmaximierung sind, also alle materiellen und immateriellen Güter handelbare Waren sind, es zum größtmöglichen Glück der größtmöglichen Zahl von Menschen kommt. Dieses Modell impliziert, dass jede Abweichung der Wirklichkeit vom Ideal allseitigen Glücks nur auf einer Fehlallokation von Ressourcen beruhen kann und diese wiederum auf systemwidrige Eingriffe in das Marktgeschehen zurückzuführen sein muss.

Die total durchmarktete Gesellschaft der neoklassischen Ökonomie kann es in der Realität unter anderem nicht geben, weil nicht alle Güter handelbar sind: Dass mein Nächster mich (wahrscheinlich) nicht körperlich angreifen wird (auch nicht wenn ich einen Koffer voll Bargeld bei mir habe), verdanke ich nicht einem Handel, den ich mit ihm abgeschlossen hätte, sondern den Auswirkungen einer verinnerlichten Ethik, die unter der Annahme individueller Nutzenmaximierung insofern unwirtschaftlich ist, als sie die Kosten privatisiert, die Gewinne aber sozialisiert.

Dass es eine solche Gesellschaft real nicht geben kann, ändert nichts daran, dass sie – wie ihr marxistisches Gegenstück – als theoretisches Ideal, sprich: als Utopie, Ihre Anhänger motiviert und deren Wirklichkeitsbeschreibungen die Richtung weist:

Für den Neoliberalen stehen soziale Beziehungen, die keine Marktbeziehungen sind, unter dem Verdacht, marktverzerrende Wirkungen hervorzurufen. Das gilt naturgemäß für das weite Feld der Solidaritätsbeziehungen und derjenigen politischen Ideen, die auf der Erwartung wechselseitiger Solidarität aufbauen. Öffentliche Dienstleistungen, die dem Erhalt und der Stabilisierung der Gesellschaft als solcher dienen und deren Nutzen sich auf zukünftige Generationen erstreckt (öffentliches Bildungswesen, Sozialausgaben für Familien etc.), sind der Marktwidrigkeit in hohem Maße verdächtig. Und nicht nur verdächtig, sondern der marktwidrigen Blasphemie überführt ist, wer durch Einschränkung der Arbeitsmigration die optimale Allokation des Faktors “Arbeitskraft” zu behindern versucht (um die soziale Stabilität zu erhalten oder gar aus Patriotismus) oder wer auf dem arbeitsfreien Sonntag beharrt – womöglich noch aus religiösen Gründen.

Solidaritätsstiftende Strukturen (Religion, Familie, Nation) sind unter den Vorgaben einer solchen Ideologie nicht nur nicht erhaltenswert, sie verhindern das Heil und müssen deshalb vernichtet werden.

Die Utopie der totalen Durchmarktung unterscheidet sich zwar dem Inhalt, nicht aber der Struktur nach von ihrem Gegenstück, der totalen Verstaatlichung der Gesellschaft. In beiden Fällen haben wir es mit Ideologien zu tun,

  • die nie falsifiziert werden können, weil sie den Beweis für ihre Richtigkeit in eine Zukunft verlegen, in der die Ideologie verwirklicht sein wird,
  • die gerade deshalb ihren Anhängern das Gefühl von Bescheidwissen vermitteln, und
  • die ihnen – dies vor allem – scheinbar das Recht geben, ihren Mitmenschen vorzuschreiben, wie sie zu leben haben.

Eine Ideologie, die den Menschen Solidarität einer ganz bestimmten Art aufzwingt – wie die sozialistische -, und eine, die ihnen die Abwesenheit von Solidarität aufzwingt – wie die liberale – unterscheiden sich zwar der Art, nicht aber der Intensität des Eingriffs nach voneinander. Die politisch motivierte Verfügung über das Gesellschaftsganze setzt nicht etwa zufällig in beiden Fällen die Zerstörung gewachsener Solidarstrukturen voraus  (weswegen Liberale und Ultralinke gleichermaßen und sogar mit denselben Parolen gegen Nation und Religion hetzen). Vielmehr weist die Gemeinsamkeit der Angriffsziele auf die Gleichartigkeit der ideologischen Strukturen hin:

Beide Ideologien basieren auf dem Versuch, die Gesellschaft auf der Basis einer Utopie umzubauen. Beide sind bereits der Idee nach totalitär, weil sie einem gesellschaftlichen Funktionsbereich die Dominanz über alle anderen einräumen (im Falle der Sozialisten ist das die Politik, letztlich der Staat, im Falle der Liberalen ist es die Wirtschaft). Und beide, auch die Liberalen, sind am Ende gezwungen, die Leistungen, die vormals die gewachsenen Solidarstrukturen für die Erhaltung der Gesellschaft erbracht haben, durch die Gewalt des Staates zu substituieren. (Ich habe neulich schon auf die Staaten hingewiesen, die von den Markttheologen des IWF verheert wurden, dessen Politik zu ihrer Durchsetzung der Methoden von Gewaltherrschern bedurfte.)

Wenn wir es ideologiekritisch statt soziologisch betrachten, beruht das totalitäre Moment beider Ideologien auf der Vorstellung, man könne die Gesellschaft auf der Basis einer konkurrenzlos herrschenden Idee organisieren: der Idee der puren Solidarität bei den Sozialisten, der Idee der reinen Konkurrenz bei den Liberalen.  Wer so argumentiert, kann für sich nicht in Anspruch nehmen, die offene Gesellschaft zu verteidigen. Die Offenheit dieser Gesellschaft beruht nämlich gerade auf dem Spannungsverhältnis von Solidarität und Konkurrenz, von Gemeinschaft und Gesellschaft, von Freiheit und Bindung. Auf den Punkt gebracht sorgt Konkurrenz für die Leistungsfähigkeit der Gesellschaft, Solidarität für ihre Erhaltung. Die Offene Gesellschaft mit Methoden erhalten zu wollen, deren Anwendung zur Vernichtung der Gesellschaft überhaupt führt, ist ein Widerspruch in sich.

Was immer man sonst gegen die westlichen Regierungen, auch unsere eigene, sagen mag: Im Umgang mit der Wirtschaftskrise haben sie ein Maß an gesundem Menschenverstand und souveräner Ideologieverachtung an den Tag gelegt, das man sich auch für andere Bereiche als die Wirtschaftspolitik wünschen würde.

8 Kommentare zu „Die Krise in den Köpfen“

  • Ich weiß nicht, ob Du hier Marxisten und Marx in eins setzt. Marx hat nämlich nie den absoluten Staat propagiert, sondern war Staatskritiker.
    (siehe dazu: http://jungle-world.com/artikel/2009/02/32428.html)
    Und da, wo man Sozialismus ohne Staat versucht, zB in jüdischen Kibbuzen, funktioniert er ja auch ganz leidlich und kommt ganz ohne Gulags aus.

  • zdago:

    Hallo,
    sie haben hier inige schöne Aussagen:
    Und nun weigert sie sich – die Krise nämlich – den Befehlen ihrer Interpreten zu gehorchen.
    Sind sie sicher? Oder betrachten sie nur einen zu kurzen Zeithorizont? Sehen sie einmal bis nach der Wahl – wenn die MWST neue Spitzenwerte erklimmt undalles, was heute unter Kurzarbeit versteckt sit, endgültig entlassen wird.

    @ob wir es wirklich mit bewusster Sabotage zu tun haben,
    ein schöner Gedanke! Denken sie einmal 10 Jahre zurück, als die ganzen Instrumente des kreativen Werteschaffens noch verboten waren. Unter Schröder/Eichel wurde diese Form der Finanzpolitikerst erlaubt, auf der heute diese “Krise” steht. Und schon damals wurde davor gewarnt, die mainstream-medien und amtierenden politiker haben es nur ignoriert.

    Sie fragen: warum? Nun – das wichtigste bei einem erfolgreichen Betrug ist immer, daß die Opfer daran glauben, daß es zu ihrem Vorteil ist, in ihrem Sinne. Nur weil eine Mehrheit die CO2-legenden glaubt, zahlen wir heute 15 Prozent und mehr unseres Geldes an Regierung und Großkonzerne. Nur weil eine Mehrheit die Unausweichlichkeit der Finanzkrise glaubt, können die Regierung Steuergelder in Milliardenhöhe ohne Gegenleistung an die Finanzoligarchen verschieben.

    Es gilt die alte Weisheit: die besten Sklaven sind die, die an die Gerechtigkeit ihres Sklavendaseins glauben.
    mfg zdago
    P.S.: stellen sie sich einmal vor, daß das, was sie auf den Georgia Guidestones lesen, die Absicht der Eliten der Hochfinanz wären. Was müßte dann -ausgehend vom aktuellen Stand – geschehen?

  • Manfred:

    @ zdago: Danke für den Hinweis, aber ich finde das, was ich beweisen kann, schon erschreckend genug; ich muss mir nicht noch Schlimmeres ausmalen.

  • Manfred:

    @ Lebowski: Die Antwort auf Deinen kurzen, aber hochinteressanten Kommentar ist bereits jetzt zu lang geraten, um noch sinnvoll im Kommentarstrang untergebracht zu werden (und dabei ist sie noch gar nicht fertig). Ich werde sie als eigenständigen Beitrag unter dem Titel “Marxismus, Liberalismus und die Antideutschen” veröffentlichen. Ob ich es allerdings heute noch schaffe, weiß ich nicht.

  • Thatcher:

    Einer der klügsten Köpfe der letzten 200 Jahre hat all die Unbilden, die die sozialistische Spielart des Humanismus (die andere ist die liberale) über die Gesellschaft zu bringen beabsichtigte, bereits 1872 hellsichtig erkannt.
    Der Socialismus in Hinsicht auf seine Mittel. — Der Socialismus ist der phantastische jüngere Bruder des fast abgelebten Despotismus, den er beerben will; seine Bestrebungen sind also im tiefsten Verstande reactionär. Denn er begehrt eine Fülle der Staatsgewalt, wie sie nur je der Despotismus gehabt hat, ja er überbietet alles Vergangene dadurch, dass er die förmliche Vernichtung des Individuums anstrebt: als welches ihm wie ein unberechtigter Luxus der Natur vorkommt und durch ihn in ein zweckmäßiges O r g a n  d e s  G e m e i n w e s e n s  umgebessert werden soll. Seiner Verwandtschaft wegen erscheint er immer in der Nähe aller excessiven Machtentfaltungen, wie der alte typische Socialist Plato am Hofe des sicilischen Tyrannen; er wünscht (und befördert unter Umständen) den cäsarischen Gewaltstaat dieses Jahrhunderts, weil er, wie gesagt, sein Erbe werden möchte. Aber selbst diese Erbschaft würde für seine Zwecke nicht ausreichen, er braucht die allerunterthänigste Niederwerfung aller Bürger vor dem unbedingten Staate, wie niemals etwas Gleiches existiert hat; und da er nicht einmal auf die alte religiöse Pietät für den Staat mehr rechnen darf, vielmehr an deren Beseitigung unwillkürlich fortwährend arbeiten muss — nämlich weil er an der Beseitigung aller bestehenden  S t a a t e n  arbeitet —, so kann er sich nur auf kurze Zeiten, durch den äußersten Terrorismus, hie und da einmal auf Existenz Hoffnung machen. Deshalb bereitet er sich im Stillen zu Schreckensherrschaften vor und treibt den halb gebildeten Massen das Wort “Gerechtigkeit” wie einen Nagel in den Kopf, um sie ihres Verstandes völlig zu berauben (nachdem dieser Verstand schon durch die Halbbildung sehr gelitten hat) und ihnen für das böse Spiel, das sie spielen sollen, ein gutes Gewissen zu schaffen. — Der Socialismus kann dazu dienen, die Gefahr aller Anhäufungen von Staatsgewalt recht brutal und eindringlich zu lehren und insofern vor dem Staate selbst Misstrauen einzuflössen. Wenn seine rauhe Stimme in das Feldgeschrei  “s o   v i e l   S t a a t  w i e   m ö g l i c h”  einfällt, so wird dieses zunächst dadurch lärmender, als je: aber bald dringt auch das entgegengesetzte mit um so größerer Kraft hervor:  “s o   w e n i g   S t a a t   w i e   m ö g l i c h”.

    Friedrich Nietzsche: Menschliches, Allzumenschliches, Aphorismus 473
    Jede Zeile kann man unterschreiben; diesen Aphorismus sollte man sich unbedingt merken, wenn man es mit Sozialisten zu tun bekommt.
    Zum Artikel: Ich bin nicht ganz so optimistisch hinsichtlich des Keynesianismus.  Zu verführerisch ist die Aussicht, als Politiker in der Krise Geld mit Hubschraubern abzuwerfen, aber während des Booms dann nicht wieder einzutreiben. Was in Deutschland ja auch regelmäßig nicht passierte; der Schuldenberg wuchs und wuchs und wuchs.

  • Manfred:

    Die Gefahr besteht natürlich; es ist sogar schwer zu sehen, wie sie abgewehrt werden sollte – in der Vergangenheit war es nicht so. Es ging mir hier nicht darum, den Keynesianismus als die Lösung für alles darzustellen, sondern nur darum, die Panikmache anzuprangern, die seine positiven Effekte (die er eben auch hat) geflissentlich ignoriert.

  • apokryphe:

    Der Versuch, in den Wirtschaftsteilen der grossen Zeitungen bzw. der Wirtschaftspresse selbst, auch nur einen halbwegs nachvollziehbaren Artikel zu finden, der uns die nächsten Jahre erklären könnte, ist vollkommen hoffnungslos. Ich habs inzwischen aufgegeben, in jedem Medium wechseln sich Inflations- und Deflationspropheten täglich ab.

    Zwei Dinge, die so sicher wie das Amen in den noch bestehenden Kirchen sind:

    - massive Steuererhöhungen (Oettinger hat sich gerade verplappert.)

    - der Wegfall gutbezahlter Arbeitsplätze. Viele Arbeiter in der Industrie werden die Kurzarbeitsphase nur bis kurz nach der Bundestagswahl überstehen. Dann beginnt der Stellenabbau. Bei wieder anziehender Konjunktur werden sich diese Menschen in Zeitarbeitsfirmen oder Call-Centern wiederfinden.
    Adieu – Mittelschicht….

  • Norbert:

    In letzter Zeit sympathisiere ich ziemlich stark mit einem radikalen Liberalismus in Wirtschaftsdingen. Wirtschaft ist nicht planbar, da kann nur freie Assoziation und freie Konkurrenz das wirtschaftliche Optimum schaffen. Wirtschaft ist ein technisches Problem. Mit möglichst wenig Aufwand möglichst viel Ertrag, das finde ich in Ordnung und gut.  Wie soll man sonst wirtschaften ?
    Wirtschaft ist allerdings nicht der Kern menschlicher Existenz. Wenn man anfängt, die Wirtschaft so mit Bedeutung auf zu laden, wird es gefährlich. Auf gar keinen Fall darf Wirtschaftlichkeit ein Kriterium für alle menschlichen Beziehungen sein.
    In dem Punkt bin ich mir über die Position des Liberalismus (welchen eigentlich ?) nicht im klaren. Der Sozialismus jedenfalls fasst die Wirtschaft als das Kernproblem des Menschen auf,  er nannte sich ja mal dialektischer Materialismus und hat sich ständig mit den mythischen Produktivkräften befasst.
    Insofern finde ich die Gegenüberstellung Sozialismus/Liberalismus in Deinem Aufsatz schief.

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    Nach der Lektüre von Rashids neuem Buch kann man viele intellektuelle Platzhalter, etwa die Phrase vom gemeinsamen Kampf gegen den Terror, nicht nur nicht mehr hören, man kann sie vor allem nicht mehr glauben: Terror in diesen Dimensionen gibt es ohne die Unterstützung durch Staaten nicht. So wie die jüngsten Forschungen zum Linksterrorismus der siebziger und achtziger Jahre die entscheidende Rolle östlicher Geheimdienste für Logistik, Finanzierung und Rekrutierung von Terroristen betonen, so macht auch Rashid klar, dass die Taliban ohne den pakistanischen Geheimdienst ISI nie diese seit 2006 zu beobachtende Renaissance erfahren hätten.

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