Non veni pacem mittere sed gladium. (Mt 10,34)
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Auch wenn einige meiner Stammleser mir jetzt den Kopf abreißen: Ich bin mir nicht sicher, dass China im Unrecht ist, wenn es die Unruhen in Tibet niederschlägt.

Mir kommt die chorale Einstimmigkeit unserer Medien allzu verdächtig, weil allzu vertraut vor.

Es ist erst wenige Wochen her, da behandelte man die Unabhängigkeit des Kosovo als ein quasi selbstverständliches Recht,

– obwohl sie im Völkerrecht nicht die geringste Grundlage findet,

– obwohl die Kosovaren nicht einmal einen ausnahmsweise exkulpierenden Notstand für sich geltend machen können,

– obwohl das Milosevic-Regime schon lange gestürzt ist und

– obwohl Serbien zur Gewährung einer so weitgehenden Autonomie bereit war, dass die serbische Souveränität nur noch symbolischer Natur gewesen wäre.

Wenn unsere Medien das offensichtliche Unrecht der Abspaltung Kosovos als „Recht“ behandeln, so haben wir es mit der kombinierten Auswirkung von gleich zwei Journalisten-Unsitten zu tun:

Zum einen fragen sie nicht nach Recht im juristischen Sinne, sondern nach „Gerechtigkeit“. Was soviel bedeutet wie: Wer „Opfer“ ist, ist im Recht.

Zum anderen bleiben die Täter-Opfer- bzw. Gut-Böse-Rollen, einmal verteilt, bis ans Ende aller Tage erhalten:

Seit dem Krieg gegen Kroatien 1991 sind die Serben uwiderruflich als „Täter“ bzw. als „die Bösen“ gebrandmarkt, was es den Kosovaren bereits in den neunziger Jahren leicht machte, sich als „die Guten“ zu präsentieren, obwohl ihre UCK schon damals keinen Deut sauberer war als etwa die ETA oder die IRA. Eher schlimmer, denn die UCK war – und ist – obendrein in die Organisierte Kriminalität verstrickt. Für die Medien sind die Kosovo-Albaner trotzdem „die Guten“, aber nicht, weil sich dies aus dem Sachverhalt ergäbe, sondern weil es zur unhinterfragten Selbstverständlichkeit geworden ist, dass Interessen und Ansprüche des serbischen Staates illegitim seien.

Einem ähnlichen Medienchor sind wir täglich ausgesetzt, wenn es um den Nahost-Konflikt geht. Da werden die Palästinenser als „Opfer“ präsentiert, weil der israelische Staat seine Pflicht erfüllt, sich und seine Bürger gegen Terroristen zu verteidigen, und kaum einer fragt danach, ob diese Rollenzuweisung, die sich irgendwann in den achtziger oder neunziger Jahren durchgesetzt hat, irgendetwas mit der Realität zu tun hat; vor allem aber: welchen Maßstäben sie folgt.

Und nun also Tibet. Seit Jahren das Lieblingskind der Political Correctness, gegen das niemand etwas sagen will, weil es alle romantischen Klischees bedient – von der östlichen Weisheit bis zum Befreiungskampf des unterdrückten Volkes ist alles vertreten, was das Herz grüner Parteitagsdelegierter höher schlagen lässt.

Ich will mich über die Tibeter bestimmt nicht lustig machen (eher über ihre einheimischen Fans); ich bin mir auch keineswegs sicher, dass die chinesische Regierung im Recht ist. Trotzdem würde ich deren Perspektive gerne kennenlernen, und dies nicht nur aus dem Mund eines steifen Funktionärs, der seine Floskeln herunterbetet. So bekommen wir die chinesische Sicht nämlich präsentiert. Nach und nach sickern aber Informationen durch, die mich nachdenklich stimmen:

Aussagen und Videos von Touristen, die behaupten, die Unruhen seien ohne erkennbaren Anlass losgebrochen; es seien tatsächlich Geschäfte und öffentliche Gebäude angezündet und tatsächlich Chinesen angegriffen worden. Und warum muss der Dalai Lama seinen Rücktritt für den Fall androhen, dass seine Landsleute zu den Waffen greifen? Das kann doch nur bedeuten, dass diese Gefahr real besteht?

Angenommen, die Chinesen sagten die Wahrheit. Angenommen, die Unruhen seien tatsächlich inszeniert worden – wenn auch nicht vom Dalai Lama -, angenommen, sie hätten tatsächlich bereits vor Einschreiten der Staatsmacht bürgerkriegsartige Dimensionen erreicht, und angenommen, dabei seien tatsächlich friedliche chinesische Bürger getötet worden. Ist unter solchen Umständen nicht jeder Staat, Diktatur oder nicht, verpflichtet, solche Unruhen niederzuschlagen, notfalls auch mit eiserner Faust?

Früher war es auch in demokratischen Staaten üblich, dass die Polizei bei bürgerkriegsartigen Unruhen in die Menge schoss, um die Kontrolle zurückzugewinnen. Und üblich waren auch schwere Strafen für Unruhestifter.

Wenn das heute in Europa alles sanfter vonstatten geht, wenn regelmäßig die De-Eskalation versucht wird, so ist dies gewiss kluge Strategie. Ein Anspruch, auf den Gewalttäter sich berufen könnten, ist es aber keineswegs!

Schon gar nicht, wenn Unbeteiligte betroffen sind, wenn ihr Eigentum zerstört oder sie selbst getötet werden. Ein de-eskalierend pazifistischer Staat mag eine gute Presse haben, aber er verletzt seine Schutzpflichten gegenüber dem loyalen Bürger.

Mir scheint, dass man die Unruhen in Gang gesetzt hat, um eine PR-Schlacht gegen China zu entfesseln; mir scheint, dass man von den Kosovaren und den Palästinensern gelernt hat, wie man die Schwächen des westlichen Mediensystems für sich ausbeutet. Und allem Anschein nach haben auch die Chinesen ihre Schlussfolgerungen aus der Tatsache gezogen, dass die freie Berichterstattung (z.B. aus dem Gazastreifen) nicht die differenzierte journalistische Analyse gefördert hat, sondern die Sensations- und Meinungsmache durch spektakuläre Gewaltbilder. Kann man ihnen wirklich übelnehmen, dass sie sich das nicht antun wollen, von der Journaille auf dieselbe unfaire und verleumderische Art und Weise durch den Dreck gezogen zu werden wie Israel?

„Mir scheint“ heißt: Ich weiß es nicht. Die Informationen sind zu spärlich. Wer aber nach einem Olympiaboykott ruft, muss mir schon stärkere Argumente anbieten, als bisher erkennbar sind.

9 Antworten auf Mutmaßungen über Tibet

  • In der Tat, „was dem einen Recht ist, kann dem anderen nur billig sein“, diesen Spruch hab ich schon immer für schwachsinnig gehalten.

    Zu China kann man nur sagen, es ist ein despotischer Staat, in dem die Menschenrechte mit Füßen getreten werden. Andererseits wäre es katastrophal, von heute auf morgen eine Demokratie nach westlichem Muster dort zu installieren – das Land würde kollabieren.

    Zum Dalai Lama kann ich wenig sagen, allerdings hat er sich bisher immer dafür ausgesprochen, daß Tibet ein Teil des chinesischen Staats bleiben soll, allerdings mit einer echten Autonomie. Ich kann nicht sagen, wie ernst er es damit wirklich meint.

    Zu unseren Medien kann ich nur sagen: es ist wie immer. Unsere Medien bohren die dünnsten Bretter. Den Dalai Lama niedlich zu finden ist einfach und hat keine bösen Folgen. Nichtmal aus China, denen ist das egal. Diese Berichterstattung über Tibet ist eine Ersatzhandlung, da man sich nicht traut, die wirklich für unsere Gesellschaft bedrohlichen Menschenrechtsverletzungen, die täglich in unserer Nachbarschaft von einer ganz bestimmten Religion des Friedens verübt werden, offen anzusprechen. Das ist gefährlicher, als so ein wenig Solidarität mit Tibet zu heucheln.

    Ich wünsche allen Nationalitäten in China, daß dieses Land sich allmählich entwickelt und eine möglichst zivile und freie Gesellschaft hervorbringt. Das kann dauern, aber China hat eine großartige kulturelle Tradition und braucht keine Heuchelei und Krokodilstränen aus dem Westen.

    Wir sollten uns erstmal um die Menschenrechte der hier lebenden moslemischen Frauen, Apostaten und Schwulen kümmern.

  • Wieso sollen die Kosovaren nicht ihren eigenen (lebensunfähigen) Staat kriegen. Diese „Völkerrecht“ ist keine wirklich geschriebenes Recht sondern überwiegend Gewohnheitsrecht. Was die Sache bitter macht für die Serben, dass die Kosovaren das Land durch Migration Demographie erobert haben.
    Zu Tibet, das war ein souveräner Staat, mit geschlossener ethnischer Siedlung, warum dürfen die nicht sagen, dass sie nicht Teil Chinas sein wollen. Das sie auf einen für sich günstigen Zeitpunkt warten, kann man Ihnen ja kaumzum Vorwurf machen. Der Moment ist mit der Annerkennung des Kosovo und den baldigen Olympischen Spielen nunmal doppelt gut.
    Die USA, Südafrika (ein Südafrikaner hat die Präambel der UN-Charte geschrieben), die Ukraine, die baltischen Staaten … alle aus Sezessionen entstanden…

  • Dieser Artikel scheint Deine These zu stuetzen:

    http://www.zeit.de/news/artikel/2008/03/19/2497650.xml

  • Na super, da hast du dir ja wieder einmal ein dickes faules Ei ins Nest gelegt!
    Es wird Zeit, dass man euch Konservativen mal den Leviathan aus den Köpfen treibt!
    Du olles Opfer totalitäer Gehirnwäsche, nimm diese Kriegserklärung:

    Happy Eastern! Freedom rulez and rocks the world! 😀

  • Danke, dass Du Dich so zurückhaltend ausgedrückt hast. Ich hatte Schlimmeres erwartet. 😀

    Frohe Ostern auch Dir!

  • Manfred, Kosovo und die chorale Einstimmigkeit unserer Medien interessieren doch überhaupt nicht. Du musst dir dein Bild aus der Besonderheit Tibets entwickeln und nicht durch Vergleiche.

    Tibet besitzt eine zu der der Han vollkommen verschiedene Kultur. Es ist ein grossartige Kultur. Die Han raubten das Land mit äusserster Brutalität und genau das ist der Punkt.

    Die Perspektive Tibets ist die vollkommene Unabhängigkeit von den Han. Gleiches gilt für Xinjiang und die innere Mongolei. Ich bete zu Gott, dass diese grossartigen Kulturen und mit ihnen die liebenswürdigen Bewohner dieser Regionen ihre Freiheit bekommen werden.

  • „Manfred, Kosovo und die chorale Einstimmigkeit unserer Medien interessieren doch überhaupt nicht.“ – Mich schon. Ich fühle mich nicht kompetent, die Tibetfrage angemessen zu würdigen, und deshalb lege ich Wert auf eine sachliche und faire Berichterstattung (Dass die Chinesen das ihre tun, eine solche zu verhindern, steht auf einem anderen Blatt.); mir geht es genau darum, dass unsere Medien sich auf eine ganz bestimmte Sichtweise eingeschossen haben, und die wird nun selbst mit den Mitteln der Manipulation durchgesetzt: Wie wir aus der FAZ vom Samstag wissen, wurden uns schon Bilder von NEPALESISCHEN Polizisten, die auf tibetische Demonstranten einprügeln, als solche von CHINESISCHEN verkauft, und wurden Bildausschnitte (von Bildern aus Tibet) gezielt so gewählt, dass keine randalierenden Demonstranten, sondern nur chinesische Sicherheitskräfte zu sehen waren. Dieselbe Masche, die aus dem Nahostkonflikt nur allzu vertraut ist.

    Und was den Vergleich angeht: Ich halte es für legitim, Strategien zu vergleichen. Die bewusste Provokation eines Staates, um ihn zu einer harten Reaktion zu veranlassen, die ihn in der Presse schlecht aussehen lässt – das kennen wir doch.

    Nach allem, was man weiß, hat der Dalai Lama damit nichts zu tun, ist es aber anderen Fraktionen der tibetischen Bewegung durchaus zuzutrauen, dass sie genau auf diese Strategie setzen. Man kann das gut oder schlecht finden, aber von unseren Medien erwarte ich, dass sie sich nicht vor den Karren politischer Interessen spannen lassen, auch nicht vor den einer „guten Sache“. Ob eine Sache gut oder schlecht ist, das möchte ich schon noch selbst beurteilen und nicht von der Journaille vorgekaut bekommen.

    Auch, wenn ich vom Tibetkonflikt nicht wirklich viel verstehe, eines scheint mir sicher: Auf die Unabhängigkeit zu setzen und die noch mit Gewalt erzwingen zu wollen, wäre für die Tibeter der gerade Weg in den ethnischen Selbstmord. Für chinesische Regierungen ist aufgrund leidvoller historischer Erfahrungen die Erhaltung der Einheit des Landes oberstes Gebot, und die haben ganz genau verfolgt, wie die Sowjetunion und Jugoslawien auseinandergebrochen sind. Die werden eher einen Völkermord begehen als Tibet in die Unabhängigkeit zu entlassen. Ich sehe deshalb nicht, dass es zur Politik des Dalai Lama, gewaltlos die innerchinesische Autonomie für Tibet anzustreben, irgendeine Alternative gäbe – auch wenn die Erfolge bisher ausgeblieben sind.

    (Hier der Ausschnitt aus der FAZ:

    „Unter den Bedingungen der, gelinde gesagt, eingeschränkten Information kommt es zu Merkwürdigkeiten. Gleich zu Beginn der Unruhen am Freitag vor einer Woche assoziierten viele westliche Zeitungen und Fernsehsender die ersten Bilder aus Lhasa sofort mit dem Tiananmen-Massaker von 1989, einem gewaltsam unterdrückenden Staat; die Fotos zeigten aber bloß randalierende Tibeter und brennende Geschäfte. Westliche Augenzeugen stimmen darin überein, dass die chinesische Polizei zunächst kaum oder halbherzig eingriff – ein etwas rätselhafter Umstand, der am ehesten dadurch zu erklären ist, dass sich die entscheidungsfähigen Parteimänner Tibets gerade beim Volkskongress in Peking aufhielten.
    (…)
    Ausgerechnet diese Phase erschien der westlichen Öffentlichkeit nun als Beleg für die Repressivität des chinesischen Staats und als Anlass, die Diskussion eines Olympiaboykotts wiederaufzunehmen. Da die vorhandenen Fotos diese Deutung nicht stützten, wurde mitunter nachgeholfen, wie jetzt mehrere chinesische Blogger nachgewiesen haben. Die Website des amerikanischen Fernsehsenders CNN etwa veröffentlichte von einem Bild, das Jugendliche beim Steinewerfen auf Militärlastwagen zeigte, nur einen Ausschnitt, in dem die Steinewerfer verschwunden waren und man nur noch einen Mann sieht, der vor den nahenden Militärwagen davonzulaufen scheint. Deutsche Fernsehsender und Zeitungen nahmen kurzerhand Fotos von nepalesischen Polizisten, die rüde mit tibetischen Demonstranten umgingen – wer will da schon so genau unterscheiden.“)

    http://www.faz.net/s/RubCF3AEB154CE64960822FA5429A182360/Doc~EA0C4CB96058444C1B07BADF265C7F421~ATpl~Ecommon~Scontent.html

  • Hmm… auch die Mehrheit kann mal Recht haben. Ein gegen-den-Strom-Schwimmen rein aus Prinzip ist doch ganz unsinnig. Und nun haben die Tibeter sich jahrelang unterdrücken lassen, morden und foltern usw. ohne größere Beachtung in unseren Medien, und nun fangen sie an sich aktiv zu wehren und das wirkt sofort verdächtig??

    Warum bekommen die Palästinenser viel mehr Aufmerksamkeit als die Tibeter?

    http://www.dennisprager.de/2008/03/27/warum-bekommen-die-palastinenser-viel-mehr-aufmerksamkeit-als-die-tibeter/

  • Ich schwimme nicht aus Prinzip gegen den Strom, ich bin nur skeptisch. Vielen Dank auch für den Link. Volle Zustimmung.

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