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Noch ein paar Gedanken zu: Christentum, "Islamophobie", Antisemitismus

Den Anstoß zu diesem Beitrag gab Ruth, die in ihrem Blog die Neigung mancher Juden kritisiert, den Antisemitismus durch Entgegenkommen gegenüber fremden Erwartungen beschwichtigen zu wollen:

“Juden/Israelis wurde und wird regelmaessig vorgeworfen, beschraenkte, juedische Sonderinteressen zu verfolgen. Eine Reaktion darauf war und ist, dass Juden/Israelis das Gegenteil unter Beweis stellen wollen, indem sie ostentativ die Interessen anderer vertreten und/oder juedische/israelische Interessen nicht vertreten.”

Sie führt als Beispiel das Verhalten von jüdischen Hollywood-Produzenten an, die vor dem Eintritt Amerikas in den Zweiten Weltkrieg auf Anti-Nazi-Filme verzichteten, um sich nicht den Vorwurf zuzuziehen, jüdische Sonderinteressen zu verfolgen. Das Muster kommt immer wieder vor: Die schärfsten Israel-Kritiker sind nicht selten selbst Juden (Chomsky, Avnery).

In Anknüpfung an Ruths, wie ich finde, zutreffende Kritik, entwickele ich hier einige Gedanken zur Anatomie des Antisemitismus, aus denen nicht nur hervorgeht, warum eine Politik der Beschwichtigung gegenüber dem Antisemitismus zum Scheitern verurteilt ist, sondern auch, was das für die Haltung gegenüber dem Islam bedeutet:

Wenn ein europäischer oder amerikanischer Christ sagt, wir müssten Israel unterstützen um der Selbstbehauptung der Demokratie willen, oder wenn er aus demselben Grund vor siebzig Jahren sagte, “Wir müssen die Nazis bekämpfen”, dann wird ihm sein Publikum zustimmen oder auch nicht, aber niemand wird bezweifeln, dass es ihm tatsächlich um die Demokratie bzw. die Interessen des eigenen Landes geht.

Sagt aber ein Jude genau dasselbe, dann werden zwei von drei Christen unterstellen: “Der sagt das nur, weil er Jude ist und ihm deshalb die Interessen Israels (bzw. 1940 die der europäischen Juden) wichtiger sind als die des eigenen Landes, das er um jüdischer Partikularinteressen in einen Konflikt verwickeln will.” Heute wagt natürlich niemand mehr, dergleichen öffentlich auszusprechen, aber denken tun viele es immer noch, und im kleinen Kreis sagen sie es auch.

Die Unterstellung, Juden seien im Zweifel illoyal dem eigenen Land gegenüber, ist nach sozialwissenschaftlichen Erhebungen von allen antisemitischen Klischees immer noch das am weitesten verbreitete. Und diese Unterstellung trifft ausschließlich Juden: Wenn ein deutscher oder französischer Muslim sich etwa für die Palästinenser einsetzt, wird man das vielleicht auch mit seinem religiösen Hintergrund in Verbindung bringen, daran aber kaum den Vorwurf der Illoyalität knüpfen. Es gibt auch nichts, was Juden tun könnten, um diesen Verdacht zu zerstreuen, einfach, weil er mit ihrem Verhalten überhaupt nichts zu tun hat:

Das Christentum entwickelte seine spezifische Identität in Auseinandersetzung mit und in Abgrenzung vom Judentum – es definierte sich geradezu dadurch, dass es nicht jüdisch war, während es zugleich den Anspruch erhob, gleichsam das bessere Judentum zu sein. Dadurch wurde den Juden von Beginn der Christianisierung an der Status der “Sie-Gruppe” (also der Gegengruppe zur “Wir-Gruppe”) zugeschrieben und durch den prägenden Einfluss des Christentums auf die von ihm durchdrungenen Gesellschaften in deren kulturelle DNA eingeschrieben: Dass die Juden die “Anderen” sind, gehört daher zu den vorbewussten kulturellen Selbstverständlichkeiten in christlich geprägten Gesellschaften, die deshalb auch nicht auf die theologische Begründung angewiesen sind, auf der sie irgendwann einmal beruht hatten, sondern in jeden beliebigen ideologischen Kontext integrierbar sind – sei er rassistisch, nationalistisch, sozialistisch, antiimperialistisch, was auch immer. (Das Teuflische daran ist unter anderem, dass mit jedem neuen ideologischen Kontext auch neue antisemitische Klischees erzeugt werden, die mit dem Absterben der jeweiligen Ideologie nicht verschwinden, sondern als Denkfiguren und Deutungsmuster – also als Potenzial – erhalten bleiben und in ganz unerwarteten Zusammenhängen wieder auftauchen können; so etwa die Vorstellung vom Kindermörder (Herodes, Ritualmordlegenden) im “antizionistischen” oder das Klischee vom “jüdischen Kapitalisten” im islamistischen Zusammenhang).

Wenn man sich dies vor Augen hält, versteht man auch, warum es niemals einen “Antiislamismus” oder eine “Islamophobie” geben kann, die mit dem Antisemitismus vergleichbar wäre: Für das Selbstverständnis christlich geprägter Gesellschaften spielt das Judentum – aber eben nicht der Islam! – eine zentrale Rolle als negativer Bezugspunkt.

Es liegt eine gewisse tragikomische Ironie darin, dass christliche Westler, die sich verzeifelt bemühen, alles zu tun, um den Hass der Muslime auf den Westen zu besänftigen, demselben Trugschluss unterliegen, wie jene Juden, die den Antisemitismus auf ihre eigenen Eigenschaften und ihr eigenes Verhalten zurückführen (statt ihn als Eigenschaft der sie umgebenden Gesellschaft zu betrachten), und daher glauben, ihn durch Entgegenkommen, Selbstverleugnung, Selbsthass, Anbiederung oder Unterwerfung beschwichtigen zu können. Aus der Sicht des Islam nämlich erfüllen Christentum und Judentum gemeinsam die Funktion, die das Judentum für das Christentum hat – die Funktion der Kontrastfolie, vor deren Hintergrund das eigene Selbstverständnis definiert wird. Definiert sich das Christentum dadurch, dass es nicht jüdisch ist, so definiert sich der Islam dadurch, dass er nicht jüdisch und nicht christlich ist. Wobei noch verschärfend hinzukommt, dass es einem Muslim – anders als einem Christen – geradezu verboten ist, solche Zusammenhänge kritisch zu hinterfragen, weil dies einer Infragestellung des Koran gleichkäme.

Wenn es also im christlich-islamischen Verhältnis eine Parallele zum christlichen Antisemitismus gibt, so liegt sie nicht in einer christlich-westlichen “Islamophobie”, sondern im islamischen Christenhass. Wer dies nicht glauben will, dem rate ich, sich mit der Situation von Christen in islamischen Ländern zu befassen; die ist mindestens so prekär wie die von Juden im christlichen Mittelalter. Und außerdem rate ich ihm zu einem Leseexperiment: Lies den Koran, und ersetze das Wort “Ungläubige” durch das Wort “Juden” – Du wirst keinen Zweifel hegen, ein antisemitisches Pamphlet der besonders bösartigen Sorte vor Dir zu haben. Mit anderen Worten: Der heilige, unanfechtbare und unhinterfragbare Grundtext des Islam spricht über die “Ungläubigen” genauso wie sonst nur die übelsten Antisemiten über die Juden!

 

 

Aktuelle Literatur zum Thema „Islam“

Die Bücher von Henryk M. Broder

6 Kommentare zu „Noch ein paar Gedanken zu: Christentum, "Islamophobie", Antisemitismus“

  • Ich kann nicht zustimmen. Die Urchristen haben sich garantiert nicht über die “Abgrenzung vom Judentum” definiert, sozusagen einen Gegenentwurf dargestellt. das war doch völlig unmöglich. Der Religionsstifter begründete seine Legitimation ausführlich mit dem Alten Testament. Er setzte keinen anderen Gott ein als den, der im AT beschrieben ist. Alle seine Jünger waren Juden. Alle seine Jünger missionierten zuerst Juden.

    Paulus beschreibt das Verhältnis von Judentum und Christentum als “Ölbaum, in den ein Zweig eingepropft ist”, d.h. das gesamte Christentum steht auf der Basis des Judentums. Beide Religionen beten zum selben Gott. Es gibt eine “Aufwärtskompatibilität”, d.h. jeder Jude kann problemlos Christ werden – und Jude bleiben! Es gibt davon einige tausend in Israel.

    Ich bestreite nicht eine jahrhundertelange Judendiskriminierung vonseiten der Kirche. Hierin konnte sich aber die Kirche mitnichten auf ihre Heilige Schrift berufen!! Auch ein Luther konnte das nicht. Er hat nicht wahrhaben und akzeptieren wollen, daß die Juden nicht ganz freiwillig seinen Jesus als messias akzeptieren, das hat er nicht verkraftet. Keinesfalls konnte er das mit der Bibel begründen, im Gegenteil.

    Die Wahrnehmung der Juden als “Volk Gottes” ist der Kirche im Mittelalter und danach sicher aus dem Blick geraten, aber genaues Bibelstudium hätte jederzeit gezeigt, daß die Geschichte des Judentums weitergehen würde. Mittlerweile kann man fantastischerweise die Renaissance eines Staates israel besichtigen. Genau deshalb wird auch kein Christ weit und breit mehr auf die Idee kommen, sich als Judenhasser zu betätigen. Es kommen aber sehr viele auf die Idee, sich als “Israel-Unterstützer” zu sehen. Die gesamte evangelikale Szene sieht sich als Freund Israels an.

    Ganz anders liegt natürlich die Sache im Koran. Dort werden Juden und Christen generell als verwandte und zusammengehörige Gläubige betrachtet und bieten das Feindbild schlechthin. Und für Muslime gilt heute mehr den je: “Am Sabbat töten wir die Juden und am Sonntag töten wir die Christen.” (Graffitis im Gazastreifen).

    Dementsprechend werden in der Türkei Priester und christliche Buchhändler ermordet und in Israel eben Juden weggesprengt.

    Das Bewußtsein aller möglichen Völker (und nicht etwa nur der Deutschen!), daß die Juden “die anderen” sind, hat vor allem etwas damit zu tun, daß es das einzige Volk ist, das sich als “Gottes asuerwähltes Volk” sieht. Das ist nun natürlich wieder ein Argument, das im metaphysischen Bereich liegt und wissenschaftlich irrelevant ist. Aber selbst ohne Bibel und Gott, rein naturalistisch gesehen, könnte man eine Menge von Fakten finden, die den Juden eine einmalige und außergewöhnliche Sonderrolle in der Menschheitsgeschichte zuweist. Es läßt sich schwerlich in der Entwicklung der gesamten Moderne, aber auch schon in der Aufklärung, ein Bestandteil finden, wo die Juden nicht die Haupttriebfeder waren. Wissenschaft, Philosophie, sämtliche kulturellen Gebiete, Forschung, Erfindungen etc.pp., ganz abgesehen von der Finanzwirtschaft.

    Ok, es ufert aus. Christlich legitimierten Antisemitismus dürfte es nicht geben – zumindest für alle Christen, die eine Bibel schon mal gelesen haben. Kirche ist – auch hier wieder! -nicht gleich “Christentum”, Kirche ist Institution und Machtapparat, etwas, was dem Neuen Testament absolut fremd ist. Die Kirche ist niemals mit “Christentum” gleichsetzbar.

  • Flash,

    nein, niemand kann Christ werden und Jude im Sinn der Religion bleiben: Keine juedische Gemeinde wuerde ihn oder sie noch als Juden akzeptieren. Die “Jews for Jesus” sind Christen und allenfalls als Volkszugehoerigkeit noch Juden.

    In Beer Sheva war vor ein paar Jahren ein grosser Aufruhr: Das Geruecht ging um, dass an einem bestimmten Ort und zu einer bestimmten Zeit juedische Kinder von Missionaren getauft werden sollten. Mein Mann, dessen Buero in der Naehe war, erlebte dort eine kleine Demonstration. Tatsache war, dass die “juedischen Kinder” die Kinder von solchen Christen waren und in einer gemeinschaftlichen Zeremonie getauft werden sollten. Diejenigen, die das Geruecht lanciert hatten, hatten diesen Zusammenhang wohlwissend verschleiert.

    Die mittelalterliche Kirche hat Israel als Volk Gottes nicht aus dem Blick verloren, sondern die These vertreten, dass die Kirche – das Volk Gottes des Neuen Bundes – an die Stelle des ueberholten Volkes des Alten Bundes getreten sei. Es gibt genuegend Darstellungen der triumphierenden Ecclesia versus der Synagoge mit Augenbinde und genicktem Stab, z.B. am Bamberger Dom.

    Ich stimme Dir auch nicht zu, dass das Volk Israel sich als einziges eine Auserwaehltheit beansprucht. Das Christentum beanspruchte durch “nur einen Weg zu Gott durch Jesus” ein noch aggressiveres Monopol. “One nation under God”, “God’s own country” (beides USA) vermitteln auch ein gewisses religioeses Sendungsbewusstsein. Und “am deutschen Wesen soll die Welt genesen” ist auch nicht gerade ohne.

  • “Die mittelalterliche Kirche hat Israel als Volk Gottes nicht aus dem Blick verloren, sondern die These vertreten, dass die Kirche – das Volk Gottes des Neuen Bundes – an die Stelle des ueberholten Volkes des Alten Bundes getreten sei. ”

    Das ist nach einigen christlichen Lehrmeinungen bis heute gültig.

    “Ich stimme Dir auch nicht zu, dass das Volk Israel sich als einziges eine Auserwaehltheit beansprucht. Das Christentum beanspruchte durch “nur einen Weg zu Gott durch Jesus” ein noch aggressiveres Monopol. “One nation under God”, “God’s own country” (beides USA) vermitteln auch ein gewisses religioeses Sendungsbewusstsein. Und “am deutschen Wesen soll die Welt genesen” ist auch nicht gerade ohne.”

    Stimmt eindeutig und gilt m.E. unter verschiedenen Bedingungen für alle monotheistischen und einige andere Religionen zumindest in deren fundamentalen/orthodoxen Ausprägungen und für bestimmte, meist größere Völker. Man kann natürlich noch unterscheiden zwischen „auserwählt zu dienen“ „auserwählt zu herrschen/leiten“ und „auserwählt von/durch“, das läßt einiges zumindest theoretisch in einem etwas besserem Licht darstellen. Praktisch/empirisch macht das oft keinen Unterschied.

    PS:
    Das Thema evangelikale „Israelliebe“ wird sich schnell erledigt haben, wenn sich herausstellt, dass der Messias doch nicht sobald wiederkommt. Will lieber nicht darüber nachdenken, was dann passieren könnte.

  • Manfred:

    Flowerkraut, Beer7, danke, dass Ihr quasi eingesprungen seid; Flash hatte auf jeden Fall eine Antwort verdient, ich selbst war aber leider ein paar Tage verhindert.

  • [...] Damit geht die islamische Lehre weit über das Maß an Abgrenzung gegenüber ähnlichen Religionen hinaus, die zur eigenen Profilierung nötig wäre. Islam und Christentum haben zumindest dies gemeinsam, dass sie beide den Monotheismus als solchen bei ihrer Entstehung bereits vorfanden und vor dem Problem standen, sich gegenüber der bzw. den etablierten monotheistischen Religion(en) zu positionieren. Will man die Besonderheiten des islamischen Verhältnisses zu den anderen „abrahamitischen“ Religionen herausarbeiten, so bietet es sich daher an, zunächst einen Vergleich zu ziehen zu der Art, wie das Christentum sich gegen das Judentum profiliert hat (und hier zitiere ich mich selbst): [...]

  • [...] Damit geht die islamische Lehre weit über das Maß an Abgrenzung gegenüber ähnlichen Religionen hinaus, die zur eigenen Profilierung nötig wäre. Islam und Christentum haben zumindest dies gemeinsam, dass sie beide den Monotheismus als solchen bei ihrer Entstehung bereits vorfanden und vor dem Problem standen, sich gegenüber der bzw. den etablierten monotheistischen Religion(en) zu positionieren. Will man die Besonderheiten des islamischen Verhältnisses zu den anderen „abrahamitischen“ Religionen herausarbeiten, so bietet es sich daher an, zunächst einen Vergleich zu ziehen zu der Art, wie das Christentum sich gegen das Judentum profiliert hat (und hier zitiere ich mich selbst): [...]

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